Film

Filmkritik: Gelobt sei Gott

BERLINALE WETTBEWERB: Verschweigen, vertuschen, versetzen – so geht die katholische Kirche leider noch immer mit Fällen sexuellen Missbrauchs in ihren Reihen um. Wie sich eine Gruppe von Missbrauchsopfern in Lyon diesem Schweigekartell entgegengestellt hat, zeigt François Ozons Drama Gelobt sei Gott nach einem realen und hochaktuellen Fall.

Ins Rollen kommt der Stein 2014, als Alexandre (Melvil Poupaud) beschließt reinen Tisch zu machen. Er ist ein erfolgreicher Bankangestellter, glücklich verheiratet und Vater von fünf Kindern. Sein Leben scheint geglückt zu sein und eigentlich, so beschwichtigen ihn einige Personen in seinem Umfeld, könnte er es auf sich beruhen lassen. Aber als weiterhin Gläubiger könne er das eben nicht, beschreibt Alexandre via Stimme aus dem Off in diesem dokumentarisch gehaltenen Drama. In seiner Kindheit wurde er in einer kirchlichen Pfadfindergruppe wiederholt von einem Priester sexuell missbraucht.

Alexandre (Melvil Poupaud) | © Jean-Claude Moireau

Gegen das Schweigen

Wie heute bekannt ist, hat sich der französische Priester Bernard Preynat zwischen 1986 bis 1991 in Lyon in über 70 Fällen des sexuellen Missbrauchs an Kindern schuldig gemacht. Dies hat er selbst gestanden. Und auch in Gelobt sei Gott ist das Geständnis von Preynat (Bernard Verley) schnell zur Stelle. Er sei pädophil, das sei eine Krankheit, rechtfertigt er sich gegenüber dem nun erwachsenen Alexandre. Das Treffen der beiden eine Mitarbeiterin der Lyoner Diözese vereinbart, die mit solchen Fällen vertraut ist. Alexandre ist fassungslos, aber so kirchentreu, dass er beim abschließenden gemeinsamen Gebet Preynat tatsächlich die Hand reicht.

Im Folgenden zeichnet Ozon nach, wie die Lyoner Diözese versucht, den Fall in Schweigen zu hüllen – allen voran Erzbischof Philippe Barbarin (François Marthouret). Preynat wird weder entlassen, noch wird ihm der Umgang mit Kindern untersagt. Stattdessen wird an Alexandres Glauben appelliert: Er solle vergeben und seinen Frieden finden. Doch nicht nur die Kirche macht es Alexandre und anderen Opfern Preynats schwer, das Schweigen zu durchbrechen. Im Verlauf von Gelobt sei Gott lässt sich an anderen Figuren feststellen, wie sehr die Scham, Schuldgefühle und Verletzungen in den Missbrauchsopfern noch präsent sind. So erinnert sich etwa François (Denis Ménochet), ebenfalls Familienvater, sehr ungern daran, dass er anfangs stolz war, von Preynat umgarnt zu werden. Zudem  treffen die Männer, die bereit sind vom Missbrauch zu reden, in ihrer Umgebung nicht immer auf Unterstützung und Verständnis. So wird Emmanuel (Swann Arlaud) zwar von seiner Mutter ermutigt, aber von seiner Freundin der Aufmerksamkeitssucht bezichtigt.

Die Mitglieder von La Parole Libérée | © Jean-Claude Moireau

Ernst und frei von Pathos

Ernst und frei von Pathos rekonstruiert Gelobt sei Gott, wie das Durchbrechen dieses Schweigezirkels schließlich zur Gründung der Gruppe La Parole Libérée („Das befreite Wort“) führt. Gemeinsam setzen sich die Männer nicht nur für eine Anklage Preynats sondern auch des Erzbischofs Barbarin ein, der die Missbrauchsfälle über Jahre vertuscht hatte. Man merkt dem Film an, dass es Regisseur Ozon ein Anliegen gewesen sein muss, die Männer hinter dieser Initiative zu ehren. Mitunter mag Gelobt sei Gott in seiner fein abgestimmten Mischung aus Drama und Dokumentation ein wenig lehrstückhaft wirken. Doch dank der feinen Charakterzeichnung und einer behutsamen Inszenierung überwiegt am Ende der positive Eindruck eines aufrichtig engagierten Films.

Gelobt sei Gott

(Original: Grâce à Dieu)
Frankreich 2019
Regie & Drehbuch: François Ozon
Besetzung: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Eric Caravaca
137 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
Berlinale 2019 – Wettbewerb

culturshock-Wertung: 7/10

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