Film

Filmkritik: The Dead Don’t Die

Sie sind viele, sie sind eklig und seit ihrer wundersamen Wiederauferstehung in den Nuller Jahren werden wir sie gar nicht mehr los: Zombies. Ich würde zwei Werke dafür verantwortlich machen: Danny Boyles Endzeitfilm 28 Days Later (2002) und Robert Kirkmans Comicbuch-Serie The Walking Dead (ab 2003). Vielleicht noch Edgar Wrights Horrorkomödie Shaun of the Dead (2004). Jedenfalls gab’s danach kein Halten mehr. Zahlreiche schlechte (und nur einige gute) Filme später und angesichts einer ziemlich in die Binsen gegangenen TV-Serie stellt sie sich so langsam ein, die Zombie-Müdigkeit. Wenn wir also hören, dass Jim Jarmusch, altersloser Prinz des amerikanischen Independent-Kinos, in Cannes einen Zombie-Film namens The Dead Don’t Die präsentiert, sorgt das für Kopfkratzen. Muss das sein, dieses Rumgestocher in einem allgegenwärtigen Genre, das vor langer Zeit mal ein Subgenre und cool war? Brauchen wir das? Dieses eine Mal noch: Ja!

Unwiderstehlicher Cast

Freude bereitet einem natürlich zunächst einmal die grandiose (und kalkulierte) Besetzung: Bill Murray als der Rente trotzender Dorfpolizist Cliff Robertson, Adam Driver als sein abgebrühter Untergebener Ronnie und Tilda Swinton als sonderbare Bestatterin (und designierte Lieblingsfigur) Zelda Winston. Und zum illustren Cast der Nebenfiguren (Steve Buscemi, Chloë Sevigny, Rosie Perez) gesellen sich mit Tom Waits und Iggy Pop noch zwei legendäre Musiker hinzu. Kurzum: Jim Jarmusch weiß, wie er uns ins Kino lockt.

The Dead Don’t Die - Cast

Perplex und zögerlich: Ronnie (Adam Driver), Mindy (Chloë Sevigny) und Cliff (Bill Murray)

Handlungsort von The Dead Don’t Die ist ein kleines Dorf namens Centerville irgendwo im amerikanischen Nirgendwo – „A Real Nice Place“, wie uns das Willkommensschild wissen lässt. Doch so nett Centerville auch sein mag, bleibt es nicht verschont von einem Malheur mit globalen Folgen: Nachdem im Polarkreis nach Öl gebohrt wurde, ist die Erdrotation aus dem Takt geraten. Plötzlich bleibt es in der Nacht taghell und tagsüber scheint ein seltsam aufgeladener Mond auf die Einwohner von Centerville herab. Als wäre das nicht besorgniserregend genug, entdecken Cliff und Ronnie im Diner die entdarmten Leichen zweier Frauen. „Das wird nicht gut ausgehen“, weiß Ronnie. Schließlich hat er das Drehbuch gelesen.

Ein Film, der weiß, was er tut

The Dead Don’t Die - Tilda Swinton

Weiß sich zu verteidigen: Bestatterin Zelda Winston (Tilda Swinton)

Ja, es geht selbstreferenziell zu in The Dead Don’t Die. Der Titelsong wird als solcher hervorgehoben und der Regisseur zwischenzeitlich als Arschloch beschimpft. Dass dieser Film auf sich als filmische Fiktion verweist, ist aber nur folgerichtig. Jarmusch scheint zu wissen, dass dies hier ohnehin niemals als aufrichtiger Genrefilm durchgehen könnte. Zu bekannt sind uns dafür seine subtilhumorigen Dialoge und seine mäandernde Erzählweise, die auch in The Dead Don’t Die zum Tragen kommen. Stattdessen entschied er sich dafür, augenzwinkernd den Zombiefilmen des vor zwei Jahren verstorbenen George A. Romero zu huldigen.

Zugleich zerrt Jarmusch die Konsum- und Kapitalismuskritik, die sich in Romeros Filmen noch unter der blutigen Oberfläche versteckte, gnadenlos in den Vordergrund. So wird Centerville von vergleichsweise blutleeren, aber kommunikativen Untoten heimgesucht, die äußern, was ihnen seit ihrem Ableben am meisten gefehlt hat – darunter Kaffee, Chardonnay und freies W-LAN.

“We’re goners, man!”

Dieser Kniff mag auf den ersten Blick erzwungen wirken, macht aber The Dead Don’t Die schließlich aus. Wir haben es hier nicht mit einer Zombiekomödie, und auch nicht wirklich mit einer Zombiefilmparodie zu tun. Vielmehr wird unser anhaltendes Interesse an Zombie-Endzeitszenarien persifliert. So sind auch die Bewohner von Centerville, was Zombies betrifft, keine Unbescholtenen, allen voran Bobby Wiggins (Caleb Landry Jones), Betreiber einer Tankstelle, an der auch alle möglichen Pop- und Subkulturdevotionalien zu erwerben sind. Sein Ratschlag an die Lebenden: Es muss sich bewaffnet und die Zombies geköpft werden.

The Dead Don’t Die - Caleb Landry Jones, Danny Glover

Bobby (Caleb Landry Jones) und Hank (Danny Glover) setzen auf alles, was der Baumarkt hergibt.

Doch anstatt zu einem Gemetzel sondergleichen zu verkommen, bricht The Dead Don’t Die an entscheidenden Stellen mit den Erwartungen und schlägt eine nachdenkliche Route ein. Tom Waits als Eremit Bob belehrt uns über unsere ewige Erwartung, alle Katastrophen durchstehen und sogar die von uns verseuchte Welt doch noch heilen zu können. Eine Hoffnung, so vermittelt Jarmusch in diesem heiter-meditativen Abgesang, die zutiefst menschlich ist – und vergebens. Und das wohlige Suhlen in Endzeitszenarien, wie sie uns die Zombiefilmparade der vergangenen Jahre präsentiert, ist ein Symptom dieser zunehmend empfundenen Vergeblichkeit. Oder wie Zombie-Experte Bobby Wiggins nach Stunden des Nahkampfs eingesteht: “We’re goners, man!”

The Dead Don’t Die

USA 2019
Regie&Drehbuch: Jim Jarmusch
Kamera: Frederick Elmes
Besetzung: Adam Driver, Bill Murray, Tilda Swinton, Tom Waits, Chloë Sevigny, Danny Glover, Caleb Landry Jones
105 Min. Kinostart Deutschland: 13. Juni 2019

culturshock-Wertung: 8/10

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