Film

Filmkritik: Jojo Rabbit

Das Heranreifen unter besonders schwierigen Lebensumständen war dem neuseeländischen Regisseur und Drehbuchautor Taika Waititi bereits in seinen Coming-of-Age-Komödien Boy (2010) und Hunt for the Wilderpeople (2016) ein Anliegen. Dabei war es seine besondere Stärke, die vielen trostlosen Momente im Leben seiner jungen Protagonisten mit einem entwaffnend einfachen, aber niemals dummen Humor zu konterkarieren. Den gleichen Ansatz weist auch sein neuester Film Jojo Rabbit auf, der von einem jungen deutschen Hitler-Fan zum Ende des Zweiten Weltkriegs handelt. Eine Prämisse, die eine feine Balance zwischen humoristischen und ernsten Elementen verlangt. Dies meistert Waititi zwar, aber um den Preis einer wirklich durchdringenden Botschaft.

Außenseiter und Mitläufer

Johannes Jojo Betzler (Roman Griffin Davis) ist ein etwas unbequemer Protagonist: ein süßer 10-Jähriger, der sich vorm Spiegel Mut zuspricht, weil er sich vor dem bevorstehenden Gruppenausflug ängstigt. Aber zugleich ein fanatischer Anhänger des ‚Führers‘ im fiktiven Falkenheim zu Ende 1944. Seit Jahren hat Jojo nichts von seinem in den Krieg gezogenen Vater gehört und vor kurzem ist auch noch seine ältere Schwester Inge gestorben. Ihm bleibt nur noch seine lebensfrohe Mutter Rosie (Scarlett Johansson). Zu Jojos Ärger hofft Rosie aber darauf, dass Deutschland den Krieg verliert.

Ob der imaginäre Adolf (Taika Waitit), der Jojo ungefragt schlechte Ratschläge erteilt und immer wieder Zigaretten anbietet, dessen wahnhafter Bewunderung entspringt oder doch eher seiner Einsamkeit, lässt der Film zunächst bewusst im Dunkeln. Schlussendlich schafft es dieses Hirngespinst nicht nur, Jojo zur Teilnahme am Ausflug der ‚Jungvolk‘-Anwärter zu motivieren, sondern treibt ihn auch zu einer waghalsigen Mutprobe mit einer Stielhandgranate. Einige Wochen nach seinem Malheur erwacht Jojo mit einigen Narben im Gesicht. Aufgrund dieser ‚Deformation‘, wie es in seiner Umgebung ungeniert heißt, ist Jojo fortan untauglich für die Hitlerjugend.

Jojo Rabbit Komödie

Einer passt hier nicht rein: Jojo (Roman Griffin Davis), Adolf (Taika Waititi) und Rosie (Scarlett Johansson).

Groteske Kontraste

Als erstes stechen die für den dargestellten Kontext verwendeten ungewöhnlich warmen Farben von Jojo Rabbit ins Auge. Die hohe Sättigung, die den Lippenstift von Jojos Mutter Rosie ebenso erstrahlen lässt wie das Lagerfeuer, in dem die Nazijunioren unter Anleitung Bücher verbrennen, soll Jojos kindlichem Blick entsprechen, den er auf seine mehr als wunderliche Umgebung wirft. Zugleich zwingt ihn aber Rosie dazu, diesen Blick nicht vom Schrecken abzuwenden, der in Falkenheim herrscht, wo erhängte ‚Volksverräter‘ zur Abschreckung auf dem Marktplatz ausgestellt werden.

Auch der Humor von Jojo Rabbit fügt sich in dieses Spiel mit den Extremen einer aus Kinderaugen sowohl erstaunlichen als auch grauenhaften Welt. Mit schockierender Nonchalance wird hier von der hochmotivierten Jungvolk-Ausbilderin Fräulein Rahm (Rebel Wilson) und vom schwulen Hauptmann Klenzendorf (Sam Rockwell) über die Bösartigkeit von Juden gesprochen und zugleich ihr lächerliches Weltbild auf die Schippe genommen. Und der von Waititi verkörperte Adolf ist ein jeglichem gesunden Menschenverstand enthobener Wirrkopf, der bald nicht mehr mit Jojos wachsendem Scharfsinn mithalten kann. Der Tonfall, in dem all diese Gags transportiert werden, ist unmissverständlich gegen die menschenverachtende nationalsozialistische Ideologie gerichtet und lässt diese zum dummen Konstrukt voller Logikfehler und Verzerrungen zusammenschrumpfen. Eine Banalisierung oder geschmacklose Exploitation der Schrecken des nationalsozialistischen Regimes und des Zweiten Weltkriegs lässt sich Jojo Rabbit meines Erachtens nicht vorwerfen.

Jojo Rabbit Komödie

Elsa (Thomasin McKenzie) und Jojo

Tanz auf der Oberfläche

Dennoch gelingt Taika Waititi nicht in Gänze das, als was er Jojo Rabbit verkauft: eine Anti-Hass-Satire. Jedenfalls keine, die gekonnt ins Schwarze trifft. Dies hat damit zu tun, wie sich die Geschichte entwickelt, nachdem Jojo entdeckt, dass seine Mutter ein junges jüdisches Mädchen (Thomasin McKenzie) in ihrem Haus versteckt. Die Angst und Abscheu, mit der Jojo Elsa begegnet, wandelt sich bald in distanzierte Neugier und schließlich in Verliebtheit. Mit diesem Wandel gehen einige wichtige Erkenntnisse einher, die aber leider direkt von Rosie und Elsa transportiert werden. Sie sagen Jojo auf den Kopf zu, weshalb er zum Fanatiker wurde und was dem Regime, das er anbetet, zugrunde liegt. ‚Telling‘ statt ‚showing‘ soll uns die allmähliche Einsicht von Jojo näherbringen. Dies ist natürlich immer einfacher, als geeignete abstrakte Mittel zu finden, um einen inneren Wandel darzustellen.

Damit verliert Jojo Rabbit trotz einiger sehenswerter Szenen, im Gedächtnis bleibender Lacher und außerordentlicher Performances von Scarlett Johansson und Roman Griffin Davis an der Durchschlagskraft, die man sich von einer Komödie mit dieser Thematik gewünscht hätte. Am Ende bleibt eine zu Herzen gehende Coming-of-Age-Komödie, deren zeitgeschichtlicher Bezug sie aber wichtiger erscheinen lässt als sie in Wahrheit ist. Und so erscheint auch der Tanz, mit dem Jojo Rabbit schließt weniger triumphal als unverdient.

Jojo Rabbit

USA 2019
Regie & Drehbuch: Taika Waititi
Kamera: Mihai Mălaimare Jr.
Besetzung: Roman Griffin Davis, Thomasin McKenzie, Taika Waititi, Rebel Wilson, Stephen Merchant, Alfie Allen, Sam Rockwell, Scarlett Johansson
108 Min. Kinostart Deutschland: 23. Januar 2019

culturshock-Wertung: 6/10

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