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Feature: Fantasy Filmfest 2020

Von der Zeitschleifen-Komödie Palm Springs über die Punkrock-Romanze Dinner in America zum erfrischenden Abschlussfilm Bloody Hell: Eine kleine Retro zum diesjährigen Fantasy Filmfest in Berlin.

Fantasy Filmfest 2020Unter besonderen Umständen, deren Grund wir alle zu Genüge und bis zum Überdruss kennen, fand in der vergangenen Woche das Fantasy Filmfest in Berlin statt. Nur fünf statt der üblichen zehn Tage lang dauerte es, 21 Filme gab es insgesamt zu sehen, keine Wiederholungen. Dafür wurden je zwei nur zu rund einem Drittel belegbare Kinosäle der Kulturbrauerei gleichzeitig bespielt. So laufen Filmfestivals in Zeiten der Pandemie, wenn sie nicht auf Online-Vorführungen ausweichen, sondern den Filmen die große Leinwand bieten wollen, für die sie in erster Linie gemacht wurden. Was das für die Festivalveranstalter und die Kinos bedeutet, machte Festivalchef Rainer Stefan in der Eröffnungsrede unmissverständlich klar: Weder die Kinobetreiber noch die Veranstalter verdienten hieran etwas. Durch den Zwang zur kleineren Filmauswahl hätten sie sich aber in diesem Jahr auf Hochkarätiges beschränkt und es seien diesmal definitiv keine „Gurken“ dabei.

Dies freute mich – zum einen, weil die Festivalableger des Fantasy Filmfest die Filmauswahl der letzten Jahre etwas verwässert haben und ich einige der Gurken selbst gesehen habe. Zum anderen, weil ich mich in diesem Jahr aus terminlichen Gründen (und ja, auch weil ich das Ansteckungsrestrisiko klein halten wollte) auf drei Filme beschränkt habe: den Eröffnungsfilm, das sogenannte Centerpiece und den Abschlussfilm. Jeder war auf seine Weise so eigentümlich, wie ich das vom Fantasy Filmfest erwarte. Aber zugleich waren alle drei erstaunlich romantikfokussiert – was man auf dem Fantasy Filmfest nun eher nicht erwartet…

Zeitschleife mit Twist: Palm Springs

Der Eröffnungsfilm Palm Springs war klug gewählt. Einerseits hatte dieser schon auf dem diesjährigen Sundance Film Festival für einigen Buzz gesorgt und versprach zudem als romantische schwarzhumorige Komödie auch außerhalb der Fantasy Filmfest-Fangemeinde ein interessiertes Publikum anzulocken. Zudem dreht sich Palm Springs um eine Zeitschleifen-Story, in der sich die Protagonisten tagaus, tagein demselben Tag mit denselben nervtötenden Abläufen ausliefern müssen – womit sich vermutlich einige Zuschauer aktuell mehr identifizieren können denn je. Drehbuchautor Andy Siara hat zugleich sein Zeitschleifenszenario mit einigen interessanten Ideen aufgeladen: In diesem Fall haben wir es mit dem Eingeschleiften Nyles (Andy Samberg) zu tun, der bereits zu Beginn von Palm Springs tausende, vielleicht auch schon Millionen Male am 9. November in Palm Springs aufgewacht ist, wo er mit seiner Freundin Misty (Meredith Hagner) zu Gast bei einer Hochzeit ist.

Nyles weiß inzwischen nahezu alles über diesen Ort und die Gäste und hat Dinge erfahren, die ihm wohl lieber verborgen geblieben wären. Etwa, dass Misty ihn betrügt, dass er so ziemlich jeden auf der Hochzeit dazu bringen kann, mit ihm zu schlafen, dass Selbstmord weh tut und sich zum Deppen zu machen, einen verfolgt, auch wenn am nächsten Tag niemand etwas davon weiß. Er hat also so ziemlich alles durch, was man in einer Zeitschleife ausprobieren kann. Dementsprechend hat er sich mit seinem Schicksal abgefunden, bis er eines Abends aus Versehen dafür sorgt, dass Sarah (Cristin Milioti), die Schwester der Braut, plötzlich auch in die Zeitschleife gerät. Mit ihr erhält sein Leben in der Zeitschleife eine völlig neue Dynamik und es entwickelt sich zwischen den beiden eine Romanze, bis ein entscheidender Twist die zeitlos Liebenden wieder auseinandertreibt.

Fantasy Filmfest 2020

Palm Springs fängt vielversprechend an und wartet mit einigen urkomischen und drastischen Szenen auf, in denen Nyles und Sarah die Inkonsequenz ihrer Taten vollends ausschöpfen. Dabei muss man unweigerlich an Und täglich grüßt das Murmeltier zurückdenken – eine Komödie, auf die Palm Springs selbst indirekt Bezug nimmt, wenn Sarah etwa ihre Hoffnung begraben muss, durch vorbildlich moralisches Verhalten der Zeitschleife zu entkommen. Nein, eine charakterliche Entwicklung kann Sarah und Nyles hier nicht raushelfen. Aber obwohl es löblich ist, dass Andy Siara erzählerisch eigene Wege gehen wollte, ist die völlige Abkehr von einer charakterlichen Entwicklung letzten Endes auch genau das, woran Palm Springs krankt und was diese Komödie trotz der spaßigen Momente leider etwas seicht macht. Sarah und Nyles wachsen nicht – weder an ihrer gemeinsamen Herausforderung, noch über sich hinaus und schon gar nicht einem ans Herz. Also mir zumindest nicht.

Fantasy Filmfest 2020Palm Springs

USA 2020, 90 Min.
REGIE: Max Barbakow. DREHBUCH: Andy Siara
KAMERA: Quyen Tran
BESETZUNG: Andy Samberg, Cristin Milioti, J. K. Simmons, Peter Gallagher, Meredith Hagner, Camila Mendes

culturshock-Wertung: 6/10

Punkrock-Romanze in der Vorstadt: Dinner in America

Fantasy Filmfest 2020

Wissen es noch nicht, sind aber füreinander geschaffen: Patty (Emily Skeggs) und Simon (Kyle Gallner)

Ganz anders erging es mir mit Dinner in America. Mit rasanten Zoom-ins und schnellen Schnitten führt uns Regisseur und Drehbuchautor Adam Carter Rehmeier in seine Geschichte um den Vorstadt-Punk Simon (Kyle Gallner) und Außenseiterin Patty (Emily Skeggs) ein. Während Simon sich durch die Gegend zündelt, Pillen schmeißt und Spießerfamilien aufmischt, versucht die zwanzigjährige Patty sich in das traute Familienleben einzufügen, geht einem schlechtbezahlten Aushilfsjob in einer Tierhandlung nach und Konflikten aus dem Weg. Alles vergebens: Sie wird von den Jugendlichen ihrer Umgebung aufs übelste schikaniert, ihr Chef entlässt sie und ihre wohlmeinenden aber ahnungslosen Eltern verbieten ihr zum Konzert ihrer geliebten Punkrockband Psyops zu gehen.

Unverhofft kreuzen sich die Wege von Patty und Simon, wobei letzterer nicht wirklich weiß, was er von Patty zu halten hat: Ist sie kognitiv beeinträchtigt oder doch eine verträumte Poetin? Und lange Zeit lässt Dinner in America auch im Ungewissen, ob in Simon mehr steckt als ein nerviger Vorstadtrebell, dem alles zuwider ist. Gemeinsam bilden die beiden aber bald ein unwiderstehliches Gespann.

Und dass das Interesse an Patty und Simon erhalten bleibt, ist der klaren Vision von Rehmeier zu verdanken. Er versteht es genau, den Tonfall in dieser wilden Mischung aus Sozialsatire und Coming-of-Age-Romanze zu regeln, laut aufzudrehen, wenn es um die bigotten Zumutungen der Vorstadthölle geht und es still werden zu lassen, wann immer aufrichtige Gefühle in den Fokus rücken. Dabei bedenkt Dinner in America die mitunter lächerliche Rebellion eines Simon und die naive Verträumtheit von Patty mit einem milden Augenzwinkern, das den Kämpfen junger Erwachsener zugewandt ist, aber diese nicht überhöht. Eine wirklich gelungene, schräge Coming-of-Age-Satire mit Herz und erfrischend ernsten Momenten – zurecht das Centerpiece des diesjährigen Fantasy Filmfest.

Fantasy Filmfest 2020Dinner in America

USA 2020, 106 Min.
REGIE & DREHBUCH: Adam Carter Rehmeier
KAMERA: Jean-Philippe Bernier
BESETZUNG: Kyle Gallner, Emily Skeggs, Griffin Gluck, Pat Healy, Mary Lynn Rajskub, David Yow, Hannah Marks, Nick Chinlund, Lea Thompson

culturshock-Wertung: 8/10

Ausgerechnet Finnland: Bloody Hell

Und natürlich durfte in diesem Jahr auch der blutige Abschlussfilm nicht fehlen, wobei die australisch-amerikanische Horrorkomödie Bloody Hell auch zugleich ihre Weltpremiere auf dem Festival feierte. Und diese hatte einige Überraschungen in sich. Zunächst einmal die Hauptfigur Rex (Ben O’Toole). Man könnte diesen zu Beginn von Bloody Hell für einen arglosen Verliebten halten, der sich zum x-ten Mal an die Bankangestellte Maddy (Ashlee Lollback) ranpirscht.

Fantasy Filmfest 2020

Doch an diesem Tag läuft alles anders: Die Bank wird von mehreren schwerbewaffneten Maskierten überfallen und Rex entpuppt sich plötzlich als Held, der ihnen Paroli bietet und schließlich als allzu gewaltbereiter Widersacher, der übers Ziel hinausschießt (im wahrsten Sinne des Wortes). Dies bringt ihm acht Jahre Gefängnis ein. Nachdem Maddie auch den Kontakt zu ihm abgebrochen hat und er nach seiner Entlassung auf Schritt und Tritt von Kameras begleitet wird, da ihn die Öffentlichkeit zum skurrilen Helden erkoren hat, bleibt Rex nur noch die Flucht aus Amerika. Es geht nach Finnland, allein – und dann auch wieder nicht. Denn Rex‘ treuer Gefährte ist eine dissoziierte Version seiner selbst, die ihm mit (häufig schlechtem) Rat zur Seite steht. Und diese ist auch sein einziger Trost, als er sich kurz nach seiner Ankunft in Finnland von der Decke baumelnd im Keller einer kannibalistisch motivierten Familie wiederfindet…

Über weite Strecken erleben wir in Bloody Hell eine wirklich interessante Interaktion zwischen Rex und seinem imaginierten Alter Ego, die noch spannender ist als die psychotische Familie, mit der er es zu tun hat. Diese zwei gebrochenen Realitäten aufeinanderprallen zu lassen war eine kluge, genrebelebende Entscheidung von Drehbuchautor Robert Benjamin, die Regisseur Alister Grierson beherzt und mit viel bitterböser Komik inszeniert hat. Und so ist Bloody Hell dank seiner ungewöhnlichen Erzählstruktur inklusive One-Man-Show, unerwarteten Rückblenden und einem großartigen Showdown auch ein sehenswertes Erlebnis geworden, dem man die unnötige Lovestory und das allzu unglückselige Ende gern verzeiht.

Fantasy Filmfest 2020Bloody Hell

Australien/USA 2020, 95 Min.
REGIE: Alister Grierson. DREHBUCH: Robert Benjamin
KAMERA: Brad Shield
BESETZUNG: Ben O’Toole, Meg Fraser, Caroline Craig, Matthew Sunderland, Travis Jeffery, Jack Finsterer

culturshock-Wertung: 7/10

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