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Feature: culturtape – Berlinale 2020

Etwas nüchtern, die Plakate in diesem Jahr. Etwas nüchtern, mein Fazit.

Die 70. Berlinale geht zu Ende und der Abschied fällt ein klein wenig leichter als sonst. Sicher, es gab wieder jede Menge gute Filme und auch ein paar gelungene Serien-Episoden sehen. Zudem war es das erste Jahr, in dem ich insgesamt mehr Filme von Frauen als von Männern gesehen habe. Da meine Filmauswahl meist vom Interesse am Thema geleitet ist und eben nicht vom Geschlecht der/des Filmschaffenden, werte ich das als gutes Zeichen.

Als schlechtes Zeichen stellt sich für mich hingegen die Aufnahme von Ilja Chrschanowskis DAU-Filmen in das Festivalprogramm dar. Diese scheinen, so ist unter anderem hier und hier zu lesen, unter wirklich fragwürdigen, ausbeuterischen und von Missbrauch geprägten Verhältnissen entstanden zu sein.

Zudem gestaltete sich das Festival auch drumherum ein wenig trostlos. Dafür sorgte zum einen, dass sich Berlin in den vergangenen Wochen meteorologisch von seiner schlimmsten Seite zeigte: Regen, Wind, Regen gepaart mit Wind. Zum anderen befindet sich der Potsdamer Platz, bislang der zentrale Ort des Festivals, mit dem geschlossenen Cinestar und den dahinwelkenden Arkaden in einer seltsamen Übergangsphase. Und der Wegfall des Cinestar als Spielstätte sorgte zudem dafür, dass man noch mehr Wege durch Berlin zurücklegen musste, um zu einzelnen Vorführungen zu gelangen.

Zum Glück warteten einige Filme mit Ohrwürmern auf, die mich von einer Festivalstation zur nächsten begleiteten:

El prófugo / The Intruder

Der argentinische Psycho-Horrorfilm El prófugo von Natalia Meta war mein persönliches Highlight aus den diesjährigen Wettbewerbsfilmen. Die Geschichte um eine traumatisierte Frau ist eingebettet in eine um Sound und Stimmen kreisende Welt. Dementsprechend gab es einige Szenen, in denen Gesang im Vordergrund stand. So auch in der letzten fuminanten Szene (äh, Spoiler-Alert), in der Erica Rivas diesen Song hier zum Besten gibt. Er handelt von der Wiederentdeckung der Liebe, nachdem man mit dieser eigentlich abgeschlossen hat, und stammt von der argentinischen Rock-Band Los Auténticos Decadentes:

Schwesterlein

Getragener war die Stimmung in Schwesterlein, einem Drama der Schweizer Regisseurinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. Nina Hoss und Lars Eidinger mimten hier ein eng miteinander verbundenes Geschwisterpaar. Beide haben sich dem Theater verschrieben. Doch der von Eidinger gespielte Sven muss aufgrund seiner schweren Krebserkrankung von diesem wie bald von allem Abschied nehmen. Eine Situation, an der seine zwischen ihrem aufgeräumten Leben in der Schweiz und dem chaotischen Berlin pendelnde Schwester Lisa fast zerbricht. Eingestimmt auf diese Schwermut in diesem wirklich gelungenen Drama wurden wir von Johannes Brahms‘ Komposition Schwesterlein, Schwesterlein:

Siberia

Mit großer Spannung wurde Abel Ferraras Siberia erwartet – nur um für außerordentliche Irritation zu sorgen. Der Selbstfindungstrip eines von Willem Dafoe gespielten Mannes in einer eisigen Einöde wartete mit alptraumartigen Sequenzen, drastischen Bildern, harten Schnitten und wenig Story auf. Dennoch konnte ich ihn nicht wirklich hassen. Dafür sorgte unter anderem eine Szene zur Mitte des Films, in der Dafoe den Meister der Schwarzen Magie um Lebensrat fragt. Dieser antwortet: „Enjoy, fuck up, move your ass, dance.“ Gesagt, getan – Dafoe legt daraufhin folgende Platte auf und wir sehen ihn aufs erheiterndste das Tanzbein schwingen, den Meister der Schwarzen Magie damit anstecken und schließlich um einen Maibaum herum hüpfen. Einer der vielen, großartigen WTF-Momente von Siberia.

Shirley

Eine Existenzkrise macht auch die Horrorautorin Shirley Jackson (Elisabeth Moss) im Psychodrama Shirley durch, doch die Gründe hierfür zeichnen sich deutlich ab. Neben Schreibblockaden, gesundheitlichen Beschwerden und der Bigotterie in einem amerikanischen Uni-Städtchen der frühen 1960er, macht Shirley vor allem die Untreue ihres Ehemannes Stanley (Michael Stuhlbarg) zu schaffen. Dieser lehrt an der Universität zu Mythen und Folklore, ist großer Jazz-Fan und legt zwischendurch „Who’s Boogiein’ My Woogie Now“ auf, um seine Gattin zu besänftigen. Dass dieser Song von der Reue nach dem Beziehungsende handelt, macht dies natürlich zur äußerst manipulativen Geste. Dennoch ganz schön catchy, die Nummer von Buddy Johnson:

Never Rarely Sometimes Always

Aus einem Tief will sich auch die 16-jährige Autumn (Sidney Flanigan) mittels Musik in Eliza Hittmans Never Rarely Sometimes Always reißen. Die Teenagerin ist ungewollt schwanger geworden und muss sich, um abtreiben zu können, aus ihrem Kaff in Pennsylvania auf den weiten Weg nach New York machen. Im Gespräch mit einer Ärztin in der Abtreibungsklinik kommt noch einiges ans Licht, das diesen Film zum gelungenen wie niederdrückenden Drama macht. Autumns desolate Situation und gleichzeitige Tapferkeit kommen in einer Szene zur Geltung, in der sie in der Kraoke-Bar folgenden Song von Gerry & The Pacemakers anstimmt:

My Salinger Year

Man merkt schon, es gab wieder einiges an schwerer Kost auf der diesjährigen Berlinale zu erleben. Da wird mir schon fast klarer, warum sich die Leitung mit My Salinger Year für einen etwas harmloseren Eröffnungsfilm entschieden hat. Zwar wartet der auch mit einigen traurigen Momenten auf, aber insgesamt überwiegt dann doch ein jugendlich-beschwingtes Gefühl. Musikalisch auf den Punkt gebracht wird dies in einer Szene, in der Joanna (Margarte Qualley) sich auf ein Törtchen ins Waldorf Astoria begibt, dort ihren Gedanken nachhängt und eine swingende Version von Moon River im Hintergrund läuft. Eine muntere und hoffentlich ermunternde Abschlussnote für das Berlinale-culturtape in diesem Jahr. Bis zum nächsten Jahr!

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