Film

Filmkritik: My Salinger Year

BERLINALE – SPECIAL. Die Buchadaption My Salinger Year setzt zwar die Tradition des harmlosen, hübschen Berlinale-Eröffnungsfilms fort, aber wartet dabei zumindest mit einer interessanten Geschichte über die letzten Schritte ins Erwachsenwerden auf.

New York, 1995: Nur ein paar Tage wollte die Studentin Joanna (Margarte Qualley) in New York bei ihrer Freundin Jenny (Seána Kerslake) verbringen, aber im Affekt lässt sie ihr bisheriges Leben hinter sich: das Literaturstudium in Berkeley, Kalifornien und die langjährige Beziehung zu ihrem dort lebenden Freund Karl (Hamza Haq). Außergewöhnlich soll ihr Leben fortan sein. Joanna möchte nicht mehr Romane analysieren, sondern selbst schreiben. Tatsächlich scheint sich für die junge Entschlossene alles erstaunlich schnell zu fügen. Sie kommt fürs erste in der Wohnung von Jenny unter, fängt eine Beziehung mit dem etwas schluffigen, aber ebenso von schriftstellerischen Ambitionen getriebenen Don (Douglas Booth) an und findet schnell einen Job im Literaturbetrieb. Und dieser hat wirklich ein paar außergewöhnliche Tätigkeiten zu bieten.

My Salinger Year

Hart aber fair: Joannas Chefin Margaret (Sigourney Weaver)

Der gefragte Eremit

Denn die altehrwürdige Literaturagentur, in der Joanna nun ihr Geld verdient, vertritt die Rechte so illustrer Schriftsteller wie Agatha Christie, F. Scott Fitzgerald und natürlich den titelgebenden J.D. Salinger. Einfach nur „Jerry“ nennt ihn Joannas Chefin Margaret (wie immer großartig: Sigourney Weaver), die kettenrauchende, perlentragende und Computer verachtende Eleganz in Person. Joanna gegenüber gibt sie sich als höfliche, aber unterkühlte Chefin, die nichts mehr verachtet als Assistentinnen mit schriftstellerischen Ambitionen. Wie gut, dass Joanna diese nie preisgibt, sondern sich ihrer zentralen Aufgabe widmet: Salingers Fanpost lesen und beantworten.

Diese integriert der frankokanadische Drehbuchautor und Regisseur Philippe Falardeau auf interessante Weise durch die Vorstellungskraft Joannas in den Film. Wir hören sie die von Der Fänger im Roggen schwärmenden Briefe lesen und sehen dann die Verfasser in die Kamera sprechen. Darunter: eine junge Chinesin, ein Kriegsveteran, eine trauernde Mutter und immer wieder einen jungen namenlosen Teenager. Dessen Briefe werden im Verlauf des Films immer verzweifelter. Doch Joanna ist es untersagt, etwas anderes als standardisierte Antwortschreiben zu verschicken. In diesen steht lediglich geschrieben, dass J.D. Salinger, der sich bereist vor Jahrzehnten dem Blick der Öffentlichkeit entzogen hatte, keine Fanpost wünscht.

Angehende, aber nicht praktizierende Schriftstellerin

Im weiteren Verlauf von My Salinger Year rückt als zentraler Konflikt Joannas Schreibblockade ins Zentrum. Während ihr Freund Don selbstbewusst sein erstes Werk verfasst, schiebt sie das Schreiben auf die lange Bank. Ihr neues, außergewöhnliches Leben in New York erhält wie die Beziehung zu Don erste Risse. Und das verspätete Hadern mit ihrer Trennung von Karl stürzt sie in eine Sinnkrise. Die Fortschritte, die sie in der Literaturagentur macht, einem strengen, aber warmen Ort voller Sympathiefiguren (unter anderem sehen wir Yanic Truesdale, den Michel aus Gilmore Girls als ihren Kollegen Max), werden schließlich von einem tragischen Ereignis überschattet.

My Salinger Year

Joanna (Margaret Qualley) liest, J.D. Salinger blickt in die Ferne.

Haarscharf am Feel-Good-Film vorbei

In seinen besten Momenten sinniert My Salinger Year auf angenehme Weise über die letzten, entschiedenen Schritte ins Erwachsenwerden. Joannas noch verträumte, aber nicht konsequent verfolgte Bestrebung, Schriftstellerin zu werden, wird ans Licht gehalten und mit anderen Lebensentwürfen abgeglichen, etwa den ihrer Freundin Jenny oder ihrer Chefin Margaret. Letztere repräsentiert zudem die etwas abgebrühtere Seite des Literaturbetriebs, in denen die neuesten Werke der Klienten nicht unbedingt nach literarischem Wert, sondern vielmehr nach Verkaufspotenzial bewertet werden. Wie sich durch diese Bewährungsproben in Joanna im Verlauf eines Jahres ein innerer Wandel vollzieht, ist von Margaret Qualley unheimlich gut gespielt.

In seinen schlechteren Momenten tendiert My Salinger Year aber einen Tick zu weit ins Verträumte, um Momente dieses Wandels einzufangen. Klar, der verwirrende Abschnitt im Leben von (privilegierten) Zwanzigjährigen, in dem sich die Welt noch voller Möglichkeiten zu zeigen scheint, hat einen Zauber, den sich einzufangen lohnt. Doch Szenen, in denen man eine Klarinettenversion von Clair de Lune dargeboten bekommt oder Joanna in Gedanken durchs Waldorf Astoria tanzt, wirken etwas deplatziert in einem Film, der mit emotional aufrichtigeren und wuchtigeren Momenten aufwarten kann. Zum Glück kriegt My Salinger Year dennoch die Kurve und mutiert nicht vollends zum Feel-Good-Film. Zwar reiht er sich noch immer in die Tradition des harmlosen, hübschen Berlinale-Eröffnungsfilms ein – dies aber zumindest gekonnter als im vergangenen Jahr.

My Salinger Year

Nach dem gleichnamigen Roman von Joanna Rakoff
USA / Irland / Kanada 2020
REGIE&DREHBUCH: Philippe Falardeau
KAMERA: Sara Mishara
BESETZUNG: Margaret Qualley, Sigourney Weaver, Douglas Booth, Seána Kerslake, Brían F. O’Byrne, Yanic Truesdale
101 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
Gesehen auf der Berlinale 2020 – Special

culturshock-Wertung: 6/10

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