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Filmkritik: Shirley

BERLINALE – ENCOUNTERS. Josephine Deckers sehenswertes Psychohorror-Drama Shirley lässt an Wer hat Angst vor Virginia Woolf? und Rosemarys Baby denken, zeigt aber zugleich am Beispiel der Horrorautorin Shirley Jackson den höllischen Weg zu weiblicher Selbstbestimmung auf.

„Sie steinigen sie, Fred!“ Mit diesen Worten beginnt Josephine Deckers Psychohorror-Drama Shirley und stimmt uns auf die Mischung aus Horror und Reflexion über Frauenrollen in den 1960ern ein. Ausgesprochen werden sie von der jungen Rose Nemser (Odessa Young), die gerade eine Kurzgeschichte der bekannten Horror-Autorin Shirley Jackson gelesen hat. Rose ist gerade auf einer Zugreise mit ihrem Ehemann Fred (Logan Lerman), der eine Stelle am Bennington College in Vermont angenommen hat. An diesem zum Zeitpunkt der Handlung (frühe 1960er) reinen Frauen-College soll er Professor Stanley Hyman (Michael Stuhlbarg) zur Seite stehen, der mit der großen Shirley Jackson (gespielt von der großen Elisabeth Moss) verheiratet ist. Und bei diesen beiden soll das frischvermählte Ehepaar für einige Monate unterkommen.

Mit enormer Vorfreude und Neugier begegnet Rose Shirley – um dann festzustellen, dass die verschrobene Schriftstellerin äußerst missgelaunt, ja teils bösartig ist und Rose anscheinend nicht leiden kann. Getrübt wird Roses Ankommen im kleinen Örtchen Bennington zudem von Stanleys Bitte, Shirley tagsüber im Haushalt zur Hand zu gehen. Ursprünglich hatte die seit kurzem schwangere Rose vor, an den Seminaren von Stanley und Fred teilzunehmen, doch nun ist sie der exzentrischen Horrorautorin den ganzen Tag über ausgeliefert.

Weiblicher Hausarrest

Von Beginn an ist da dieses Gefühl von Voyeurismus und Beengung, dass Josephine Deckers Shirley erzeugt. Maßgeblich verantwortlich ist dafür die Kameraarbeit von Sturla Brandth Grøvlen, bekannt für seinen Kamera-Kraftakt in Sebastian Schippers One Shot-Film Victoria. So ist Roses erster Blick auf Shirley Jackson verstellt von anderen Personen, die sich gerade zu einer Party beim stadtbekannten Ehepaar einfinden. Mühsam müssen wir mit ihr zwischen diesen und den vielen Gegenständen im etwas schmuddeligen Zuhause der beiden hervorlugen, um einen Blick auf Shirley zu erhaschen.

Extreme Nahaufnahmen und schnelle Schwenks unterstreichen noch die gedrängte Atmosphäre, der Rose fortan ausgesetzt ist. Jeder Versuch, an die von ihr weiterhin bewunderte Schriftstellerin heranzukommen, scheitert zunächst. Erst als die Frauen auf den Fall einer im Ort vermissten Studentin aufmerksam werden, nähern sie sich an. Ihre Gemeinsamkeit ist das Leiden an der gesellschaftlichen Beengtheit. Währenddessen kosten ihre Gatten am College, umgeben von jungen, sie anhimmelnden Studentinnen, ihre Freiheit aus.

Shirley Jackson Horror Film

Verachten sich, erkennen sich ineinander wieder: Shirley (Elisabeth Moss) und Rose (Odessa Young)

Wer hat Angst vor Rosemarys Baby?

Mit Shirley hat Josephine Decker den gleichnamigen Roman von Susan Scarf Merrell adaptiert, der wiederum auf dem Leben der realen Shirley Jackson (1916-1965) basiert. Die Autorin des kürzlich zur Netflix-Serie verarbeiteten Romans Spuk auf Hill House litt zeitlebens unter der Untreue ihres Ehemannes Stanley Hyman, einem angesehenen Literaturwissenschaftler. Die schwierige Dynamik zwischen den Beiden ist eins der fokussierten Themen von Shirley. Diesem spielen die herausragenden Darbietungen von Elisabeth Moss und Michael Stuhlbarg (sein Name sollte einem viel geläufiger sein: bekannt aus A Serious Man und den TV-Serien Boardwalk Empire und Fargo) enorm zu. Ihre von verbitterter Eingespieltheit, kreativer Konkurrenz und dann doch wieder liebevoller Zugewandtheit geprägte Beziehung ist komplex und erinnert mitunter an das von Liz Taylor und Richard Burton verkörperte Ehepaar in Mike Nichols‘ Wer hat Angst vor Virginia Woolf?.

Moss und Stuhlbarg meistern dieses Minenfeld allerdings so bravourös, dass die beiden Darsteller des jüngeren Ehepaars dagegen etwas blass bleiben. Dies mag zum Teil gewollt sein, entsprechen Rose und Fred doch den fiktiven Teilen von Scarf Merrells Roman. Doch vor allem Rose, die im Verlauf von Shirley zunehmend als eine Art Muse von Shirley Jackson in den Vordergrund rückt und in deren teuflischen Bann gerät, wirkt als Figur mitunter etwas unausgearbeitet und vielleicht zu stark Roman Polanskis Rosemarys Baby entlehnt.

Der höllische Weg zur Selbstbestimmung

Trotz dieser darstellerischen Unausgewogenheit entwickelt sich Shirley zum intensiven, dicht gewebten Psychothriller, der die Hölle weiblicher Unterordnung fokussiert. Diese gestaltet sich für Shirley und Rose auf unterschiedliche Weise, aber spiegelt gleichermaßen das Leiden an den Geschlechterrollen in den USA der frühen 1960er. Rose ist zur Konzentration auf ihre Rolle als angehende Mutter und ihren Mann umsorgende Ehefrau reduziert. Entsprechend ist sie ans Haus gebunden und der Fremdbestimmung durch ihren Mann und dessen Karrierezielen ausgeliefert. Währenddessen quält Shirley als erfolgreiche Schriftstellerin der Schaffensprozess für ihren neuen Roman und die Engstirnigkeit des Collegestädtchens, das von ihr erwartet, ihren treulosen Gatten stärker zu unterstützen. Zum Ende dieser sehr sehenswerten psychologischen Tour de Force steuern wir auf einen nur teilweise, aber immerhin in nachwirkender Kreativität erfolgenden Befreiungsschlag zu.

Shirley

Nach dem gleichnamigen Roman von Susan Scarf Merrell
USA, 2020
REGIE: Josephine Decker. DREHBUCH: Sarah Gubbins
KAMERA: Sturla Brandth Grøvlen
BESETZUNG: Elisabeth Moss, Michael Stuhlbarg, Logan Lerman, Odessa Young, Steve Vinovich
107 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
Gesehen auf der Berlinale 2020 – Encounters

culturshock-Wertung: 7/10

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