Film

Filmkritik: Vollblüter

Dass Kinderfreundschaften die Pubertätsjahre überstehen, ist eine Seltenheit. Und so haben auch die beiden Teenager Lily (Anya Taylor-Joy, bekannt aus The Witch und Split) und Amanda (Olivia Cooke) jahrelang kein Wort miteinander gewechselt, obwohl sie in derselben Vorstadt im wohlhabenden Connecticut wohnen. Das Wiedersehen zu Beginn von Vollblüter hat Amandas Mutter arrangiert, die meint, ihre sonderbare Tochter könnte eine Freundin gebrauchen. Was sie damit anrichten würde, hat sie nicht geahnt.

Wie der Titel Vollblüter schon erahnen lässt, spielen Pferde eine signifikante Rolle in diesem Film, wenn auch nicht im Sinne wohliger Ponyhof- und Pferdeflüsterer-Fantasien. In der allerersten Szene sehen wir Amanda, wie sie im Dunkeln einen Stall betritt und lange ihrem Pferd ‚Honeymooner‘ gegenübersteht. Dann packt sie ihr Messer aus. Die Details dieser Nacht werden im Verlauf von Vollblüter schmerzhaft offengelegt. Aber zunächst zeigt Amanda im Gespräch mit Lily die Qualitäten, von denen es gern heißt, dass sie Pferde Vertrauen zu Menschen fassen lassen: Ehrlichkeit und Authentizität. „Ich fühle nichts. Niemals.“ Keine Freude, keine Traurigkeit, keine Liebe, keinen Hass. Und tatsächlich scheint das keine pubertäre Übertreibung zu sein, sondern mit Amandas gleichgültigem Gebaren, ihrer monotonen Stimmlage und der Unfähigkeit, echte Gefühle im Gegenüber zu lesen, übereinzustimmen.

Vollblüter Thoroughbreds

Gefühllos: Amanda (Olivia Cooke)

Defizite ziehen sich an

Es ist ein hartes Bekenntnis, das Drehbuchautor und Regisseur Cory Finley, hier eine seiner Protagonistinnen aussprechen lässt. Eins, das man zwangsläufig hinterfragen muss. Ist es überhaupt möglich, dauerhaft nichts zu fühlen? Und was ist von solchen Menschen zu erwarten, wie mit ihnen umzugehen? Zunächst ist es beruhigend, dass Amandas Gegenpart Lily diese Irritation des Zuschauers teilt. Das Geständnis erschüttert die adrette Fassade von Lily, die bereits in so jungen Jahren eine erstaunliche Affektkontrolle an den Tag legt. Ihre gesamte Erscheinung passt bestens zu dem imposanten Haus, das sie mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater Mark (Paul Sparks) bewohnt: Ein weinumranktes, opulentes Sandsteingebäude, mit kaltem, klassizistischem Interieur, viel Marmor und poliertem dunklen Holz. Was sich innerhalb dieser Wände abspielt und welche Gefühle im Inneren von Lily toben, meint man immer zu erahnen, ohne es greifen zu können. Mit Amanda dringt eine brutale Ehrlichkeit in dieses so um erhabene Gefasstheit bemühte Innere.

Gebannt verfolgt man in Vollblüter, wie diese beiden intelligenten jungen Frauen ihre Charakterdefizite vereinen und eine ungewöhnliche Freundschaft pflegen. Unterbrochen werden ihre gemeinsamen Abende lediglich durch die Auftritte von Lilys stets miesgelauntem Stiefvater Mark. Als kalter, penibler Kontrollfreak ist er nicht gerade Sympathieträger. In seiner Freizeit geht er gern auf Jagdsafaris. Auch daheim demonstriert er seine Macht, wo er kann. Lilys Abneigung ist unverkennbar – insbesondere für Amanda, die sehr lösungsorientiert ist. Sie unterbreitet ihrer Freundin einen entsprechenden Vorschlag: Mark mithilfe eines klugen Plans ermorden.

Hohe Ideale, wenig Skrupel

Vollblüter Thoroughbreds

Empathielos: Lily (Anya Taylor-Joy)

Von hier an nimmt die Handlung von Vollblüter Fahrt auf, aber nicht so, wie man es von anderen Thrillern oder Dramen mit ähnlichen Plots kennt. Cory Finley, ein New Yorker Theaterregisseur, der mit Vollblüter sein Filmdebüt abliefert, versteht es, seinen Plot samt Überraschungen und kleinen Twists voranzutreiben. Zugleich reflektiert er über seine Versuchsanordnung: Absenz von Gefühlen hier, unkontrollierbare Gefühle dort. Dabei blickt er über den Tellerrand des eigentlichen Plots und in die Abgründe einer Gesellschaft, in der nichts zählt als Resultate und Selbstverwirklichung.
Zum einen wird dies an der Figur Tim (der 2016 verstorbene Anton Yelchin) deutlich, einem schon etwas abgehalfterten Mittzwanziger, der die reiche Jugend von Connecticut mit Drogen versorgt und von ihrem Wohlstand träumt. Amanda und Lily sehen in ihm, dem vorbestraften Schulabbrecher ohne lebenswerte Zukunft, eine verzichtbare Spielfigur, die sie für ihre Mordpläne erpressen können. Zum anderen schwärmen die Jugendlichen in Vollblüter immer wieder vom erfolgreichen Unternehmertum à la Steve Jobs. Damit streben sie eine Laufbahn an, die sich durch revolutionäre Ideen und wenige Skrupel auszeichnet. Solche Bezüge werden allerdings immer wieder nur eingestreut, ohne dass sie sich in Gänze zu einer These zusammenfügen. Dafür hat Finley wohl zu viel Wert gelegt auf einen in seiner Länge knapp gehaltenen und stilistisch äußerst feingeschliffenen Neo-Noir-Thriller. Dieser spielt das Aufeinanderprallen charakterlicher Defizite, Erfolgsdruck und Klassenbewusstsein auf fesselnde Weise durch und präsentiert ein vielsagendes Ergebnis.

Vollblüter ThoroughbredsVollblüter (Thoroughbreds)

USA 2017.

Länge: 92 Min.

Regie & Drehbuch: Cory Finley

Besetzung: Olivia Cooke, Anya Taylor-Joy, Anton Yelchin, Paul Sparks

Kinostart Deutschland: 9. August 2018

culturshock-Wertung: 7/10

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