Film

Filmkritik: The Green Knight

Regisseur David Lowery verarbeitet in seinem ausladenden Fantasy-Epos The Green Knight einen klassischen Ritter-Stoff zu einer dekonstruierten Heldenreise.

Grün hinter den Ohren

Es ist noch kein strahlender aber ein angehender Held, dem wir zu Beginn von The Green Knight im rauen Winter in Camelot begegnen: Die letzte Nacht hat der Tunichtgut Gawain (Dev Patel) feiernd und an der Seite seiner nicht standesgemäßen Geliebten Essel (Alicia Vikander) verbracht. Von dieser unsanft geweckt, eilt er bald zum weihnachtlichen Festessen der Tafelrunde an der Seite seines Onkels. Dieser ist kein geringerer als König Artus (Sean Harris) – und zwar eine mit seiner tapfer ertragenen Gebrechlichkeit besonders würdevolle Version der Sagenfigur. Man merkt sogleich, wie der jugendliche Trotz aus Gawains Gesicht weicht, wenn sein Onkel zu ihm spricht. Als einziger scheint Artus zu Gawains ernstem Kern durchdringen und ihn an seine Pflichten und Tugenden als Ritter erinnern zu können.

Dass er aber bald Gelegenheit haben würde, sich vor seinem Onkel zu beweisen, Gawain an diesem Weihnachtsabend nicht ahnen können: Unangekündigt platzt eine düster schimmernde Gestalt zu Pferde in den Festsaal. Es ist der grüne Ritter (Ralph Ineson), der den Feiernden in tiefstem Bass seine Herausforderung mitteilt: Einer der Anwesenden soll einen Schlag gegen ihn ausführen, den er in einem Jahr dann erwidern werde. Gawain meldet sich freiwillig zu dieser Prüfung, die sich bald als Falle entpuppt: Vor den versammelten Gästen schlägt Gawain dem grünen Ritter fast schon widerwillig den Kopf ab und beobachtet fassungslos, wie sich dieser kurz darauf den Kopf wieder aufsetzt. In einem Jahr solle Gawain in der grünen Kapelle erscheinen, um seinen Schlag zu empfangen, verkündet der Untote noch vor seinem Aufbruch.

"The Green Knight" Fantasy Epos Ritter

Der grüne Ritter (Ralph Ineson) bei seinen Weihnachtsgrüßen…

Heldenreise, dekonstruiert

Der erste Auftritt des grünen Ritters ist in David Lowerys (A Ghost Story) Verarbeitung von „Sir Gawain und der Grüne Ritter“, einer vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammenden Ritterromanze, so ausladend inszeniert, dass man innehalten muss. Nicht nur in die visuelle Gestaltung des so naturgewaltigen grünen Ritters wurde viel investiert, sondern offenbar auch ins Sounddesign, das jede seiner Bewegungen bedrohlich knistern und knarzen und die sofort gezückten, scharfen Ritterschwerter besonders laut rasseln lässt. The Green Knight ist hier erstmals anzumerken, dass sich Lowery, der viele Jahre in dieses Herzensprojekt investiert hat, dem Überbordenden des ritterlichen Fantasyepos voll und ganz verschrieben hat. Dennoch zeigt der weitere Verlauf dieses knapp zweistündigen Films, dass er eigene, zeitgemäße Akzente zu setzen weiß.

Knapp ein Jahr nach dem verhängnisvollen Weihnachtsabend ringt Gawain nämlich mit seinem Versprechen, an das ihn die Bewohner Camelots regelmäßig erinnern. Während Artus ihn dazu ermuntert, sein Versprechen einzulösen und seine Ehrenhaftigkeit unter Beweis zu stellen, zweifelt seine Geliebte Essel den Sinn solcher Prüfungen an: „Reicht es denn nicht, ein guter Mensch zu sein?“, fragt sie Gawain. Es ist eine Frage, die in The Green Knight noch häufig verhandelt wird: Was nutzt Ehrenhaftigkeit im Angesicht sehr realer Lebensgefahr? Was ist mit Mut und Kampfeswillen tatsächlich gewonnen? Missmutig beginnt Gawain seine Heldenreise, begleitet von einer tief sitzenden Hoffnungslosigkeit. Konfrontiert mit sehr konkreten Bedrohungen (Diebesbanden, Geister, Riesen, Hunger, Kälte) und auf dem Weg zur grünen Kapelle, die ihn als finale Destination den Kopf kosten könnte, zeigt sich Gawain bald als Ritter mit sehr nachvollziehbarer Furcht und menschlichen Makeln. Aber zugleich ist er mit dem Vermögen ausgestattet, diese Hürden zu überwinden.

Das Pendeln zwischen Ehrenhaftigkeit und Menschlichkeit

The Green Knight strotzt nur so von Bildgewalt und hat monumental eingefangene, von Wind und Wetter geformte Landschaften zu bieten (gedreht wurde in Irland). Aber ebenso enthält dieser Film, ganz Fantasy-Epos, eine Reihe bedeutsam vorgetragener Monologe und Wortwechsel, die Rätsel aufgeben und nicht immer über die Längen von Gawains mühsamer Odyssee hinwegtäuschen können. Man könnte Regisseur und Drehbuchautor Lowery einen gewissen Hang zur Schwelgerei und zur zusätzlichen mystischen Aufladung des ursprünglichen Stoffes vorwerfen. Aber letzten Endes wird sehr bald deutlich, wie durchdacht sein Fantasy-Epos wirklich ist und welche tiefe Reflexion vor allem hinsichtlich klassischer Heldenkonstruktionen in diesem steckt.

"The Green Knight" Fantasy Epos Ritter

Gawain (Dev Patel) auf dem Weg zum Triumph?

So hallen vor allem die Momente von The Green Knight besonders nach, in denen eine Art Schicksalspendel die Erzählung kurz umzustrukturieren scheint: Nachdem Gawain etwa von Dieben seiner Rüstung beraubt und gefesselt im Wald zurückgelassen wurde, dreht sich die Kamera einmal um die eigene Achse und zeigt ihn plötzlich als skelettierte Leiche, wie um anzudeuten, dass hier seine Heldenreise zu Ende gehen könnte – wenn er der Angst und dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit nachgäbe. Doch Gawain rauft sich zusammen.

Das Schicksalspendel schwingt also nochmal zurück, aber nicht um zu lehren oder auf platte Weise zu inspirieren, wie es in Heldenepen üblich wäre, sondern vielmehr den zutiefst menschlichen Aspekt eines Herausgeforderten wie Gawain zu betonen: Er strebt Ehrenhaftigkeit an, muss aber wiederholt feststellen, wie dieses Ideal mit seiner fragilen Menschlichkeit kollidiert. In diesem Kontext erscheint die Mutprobe als Akt der Überwindung dieser Menschlichkeit. Und das bemerkenswerte Ende von The Green Knight verdeutlicht, dass trotz dieser Überwindung der Triumph keinesfalls sicher ist.

"The Green Knight" Fantasy Epos RitterThe Green Knight

USA, Irland 2020
REGIE & DREHBUCH: David Lowery
KAMERA: Andrew Droz Palermo
BESETZUNG: Dev Patel, Alicia Vikander, Joel Edgerton, Sarita Choudhury, Sean Harris, Kate Dickie, Barry Keoghan, Ralph Inseon, Erin Kellyman
130 Min. Kinostart Deutschland: 29. Juli 2021

culturshock-Wertung: 7/10

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