Film

Filmkritik: The Assistant

BERLINALE – PANORAMA. Kitty Green seziert in ihrem minimalistischen Drama The Assistant aufs sehenswerteste den Machtmissbrauch im Filmgeschäft.

Von der Assistentin zur Komplizin

Ihr Arbeitstag beginnt früh, endet spät und freie Wochenende sind auch zur Seltenheit geworden. Die junge Uni-Absolventin Jane (Julia Garner, man kennt sie u.a. aus Ozark) hat vor kurzem als Assistentin eines mächtigen Filmproduzenten in New York angefangen. Solche Jobs sind in diesem Geschäft notorisch unterbezahlt, aber begehrt. Die meist jungen, beruflich noch unerfahrenen Anwärter erhoffen sich von ihnen einen Einstieg ins Geschäft, wenn sie nur hart genug arbeiten und ihren Vorgesetzten rund um die Uhr perfekt zu Diensten sind. So auch Jane, die wir in The Assistant durch einen äußerst langen und belastenden Tag begleiten.

Angefangen damit, dass Jane keinerlei Tätigkeit ausübt, die ihren Qualifikationen entspricht, sondern einfach als Mädchen für alles und alle dient – vom Auspacken der Fiji-Wasserkartons über die Mittagessenbestellung und den Empfang grundgenervter Filmschnösel, die sie keines Blickes würdigen. So ist es eben, wenn man noch am Karriereanfang in einer äußerst populären Branche steht, könnte man meinen. Doch graduell werden wir in The Assistant in die für Jane belastenden Grenzbereiche ihres Jobs eingeführt. Zum einen muss Jane die sehr privaten Belange ihres Chefs managen, etwa am Telefon spontane Ausreden für dessen erzürnte Ehefrau erfinden oder ihm verschreibungspflichtige Medikamente beschaffen und verräterische Flecken von der Couch in seinem Büro entfernen. Doch ihre Assistenzstelle wird endgültig in eine unfreiwillige Komplizenschaft gedrängt, als die gerade mal volljährige und sehr schöne Kellnerin Sienna im Büro auftaucht. Sie soll auch als eine Art Assistentin beim Produzente anfangen und wird in einem Hotel untergebracht.

Unhaltbare Machtverhältnisse

The Assistant ist das Spielfilmdebüt der Drehbuchautorin und Regisseurin Kitty Green. Vor drei Jahren präsentierte sie auf der Berlinale in der Sektion Panorama Dokumente ihren außergewöhnlichen Dokumentarfilm Casting JonBenet, in dem sie die dauerhafte Obsession mit dem Mord an der sechsjährigen Schönheitskönigin JonBenet Ramsey 1996 ergründete. Auch damals stand Michael Latham hinter der Kamera und kreierte vom Castingverfahren kühle, von einer gespenstischen Ruhe bewegte Bildern. Ähnlich geht es auch in The Assistant zu. Nur, dass die hier präsentierte scheinedle Objektwelt in den taubengrau gehaltenen Büroräumlichkeiten dem Ganzen noch mehr Kälte zufügt und ein Gefühl von Desillusionierung verbreitet.

The Assistant Drama

Assistentin Jane (Julia Garner) vorm Höllentor.

In diese Kühle bettet Kitty Green eine Schilderung von Machtverhältnissen ein, in dem die junge Assistentin im Vordergrund steht, während der Chef den ganzen Film über für uns hinter seiner Bürotür unsichtbar bleibt. Umso deutlicher zeichnet sich aber in Janes Gesicht seine cholerische Präsenz ab. Greens Film zielt aber nicht nur auf die Hervorhebung von generellem Fehlverhalten der Mächtigen im Filmbusiness ab. Sie stellt zudem dar, wie wenig jemand wie Jane dagegen ausrichten kann, außer zu kündigen. So fasst auch Jane Mut und wendet sich mit ihren konkreten Verdachtsmomenten über das unprofessionelle bis kriminelle Gebaren ihres Chefs an die zuständige Personalabteilung. Sie trifft auf den von Matthew MacFadyen brillant gespielten Wilcock, der das Abblocken solcher Vorwürfe wohl gewohnt ist und sie nachhaltig einschüchtert. Wenn sie irgendetwas in diesem Geschäft werden wolle, müsse sie lernen, zu schweigen, so die Botschaft, die ihr Wilcock indirekt auf den Weg gibt.

Zwischen #MeToo und #PayUpHollywood

Natürlich denkt man beim Betrachten der bedrückenden Story von The Assistant unweigerlich an den Prozess um Harvey Weinstein und die #MeToo-Bewegung. Der Gedanke liegt nahe, dass solch eine Form von erpresster Komplizenschaft und bewusstem Wegsehen die jahrzehntelange Ausübung seines verbrecherischen Verhaltens mitermöglicht hat. Zudem ist Janes Arbeit in einem klar männlich dominierten Feld situiert, in dem selbst ihre so rückgrat- wie namenlosen männlichen Assistenzkollegen sich etwas auf ihre Position einbilden und meinen, auf Jane herabblicken zu können.

Doch es steckt noch etwas mehr in The Assistant als das Aufzeigen der Strukturen, die sexuelle Ausbeutung im Filmgeschäft erst ermöglichen. Es ist das Hoffnungsprinzip, auf dem solche „Entry Level“-Jobs in begehrten Branchen, nicht nur im Filmbusiness, fußen. Jobs, in denen 14-stündige Arbeitstage normal sind und man verbalen Ausfälligkeiten seiner Vorgesetzten ausgesetzt ist und erniedrigenden Lakaienaufgaben verrichten muss. Gut ausgebildete junge Menschen mit hervorragenden Abschlüssen tun sich dies in der Hoffnung an, einen Fuß in die Tür zu bekommen. Es ist eine Hoffnung, die auch jemanden wie Jane die schlechte Behandlung nicht nur aushalten lässt.

Es versetzt sie zudem in einen Zustand, in dem sie sich regelmäßig bei ihrem Chef für dessen Ausfälligkeiten entschuldigen muss. Und es ist eine Hoffnung, die wohl äußerst selten in tatsächliche Karrierefortschritte mündet. Doch seit Ende vergangenen Jahres regt sich etwas bei den Assistenten im Film- und TV-Bereich. Unter dem Hashtag #PayUpHollywood entsteht eine Bewegung, die sich nicht nur für mehr Lohngerechtigkeit und eine bessere gesundheitliche Versorgung, sondern auch eine würdevolle Behandlung einsetzt. Es bleibt zu hoffen, dass sie dies erreichen. Noch mehr sollte man aber hoffen, dass die Akzeptanz solch einer Behandlung, wie sie Jane in The Assistant (wahrscheinlich umsonst) tapfer erträgt, ein für alle Mal ausstirbt. Und mit ihr solche Produzenten, deren vielfältigen Machtmissbrauch The Assistant auf minimalistische, eindrückliche Weise seziert.

The Assistant DramaThe Assistant

Großbritannien 2019
REGIE & DREHBUCH: Kitty Green
KAMERA: Michael Latham
BESETZUNG: Julia Garner, John Orsini, Noah Robbins, Matthew Macfadyen, Makenzie Leigh
87 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
Gesehen auf der Berlinale 2020 – Panorama

culturshock-Wertung: 9/10

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