Film

Filmkritik: Mein Ein, Mein Alles

Maïwenns überragendes Drama Mein Ein, Mein Alles (Mon Roi) porträtiert das schmerzhafte Auf und Ab einer selbstzerstörerischen Liebesbeziehung.

Einmal kurz durchgeatmet und schon stürzt sich Tony (Emmanuelle Bercot) die äußerst steile Ski-Piste hinunter, während ihr Sohn ihr noch erschrocken hinterherruft. Das Ergebnis dieser waghalsigen Aktion: vorderer Kreuzbandriss. Mit eingegipstem rechten Bein wird sie in eine Reha-Klinik am Meer eingeliefert. Müde, abgekämpft und belustigt schaut sie drein, als ihr die Klinik-Leiterin ihre Sicht der Dinge mitteilt: Knieprobleme seien häufig ein Zeichen für seelischen Ballast aus der Vergangenheit, den man noch mit sich herumtrage. „Das Knie lässt sich nicht nach hinten beugen.“ Folglich müsse Tony wieder lernen, nach vorn zu schauen. Kaum hat man als Zuschauer noch mit Tony über diese unseriöse Diagnose gelacht, sieht man sie schon zurückblicken: auf jenen Abend, an dem sie mit Georgio (Vincent Cassel) anbandelte und ihm unwiederbringlich verfiel.

Die rauschhaften Anfänge

Innerhalb der Rahmenhandlung von Tonys anstrengender Rehabilitation führen uns ihre Erinnerungen chronologisch an ihre Beziehung mit Georgio heran. Seine Spontaneität und Lebenslust reißen sie, die seriöse Anwältin, von Beginn an mit. Seine Aktionen sind unvorhersehbar. Als sie nach ihrer Begegnung im Club einwilligt, Nummern auszutauschen, wirft er ihr sein Handy zu und ruft ihr die PIN hinterher, bevor er sich davon macht. Zu ihrem ersten Date findet sich Tony urplötzlich auf der Hochzeit von Georgios Freunden wieder. Sein Humor bringt sie zum Lachen, sein gutes Aussehen und enormes Selbstbewusstsein betören sie, seine Aufmerksamkeit ihr gegenüber lässt sie ihre schmerzhafte Scheidung vergessen. Sehr schnell teilt er ihr mit, dass er sie liebt.

In all diesen Szenen wirkt Tony wie im Rausch und doch scheinen immer wieder Momente der Ernüchterung und des Zweifels durch. Etwa als sie ihn in seinem Restaurant besucht und sich plötzlich mit seiner eifersüchtigen Ex-Freundin Agnès konfrontiert sieht, die wie alle seiner Verflossenen als Model arbeitet. Noch dazu kann ihr Bruder Solal (sarkastischer Ausgleich: Louis Garrel) so gar nichts mit Georgio anfangen und mokiert sich konstant über dessen betont hippen Lifestyle. Doch die Zweifel werden von Tony bewusst beiseite geschoben. Sie zieht mit Georgio zusammen und er eröffnet ihr, dass er sich ein Kind von ihr wünscht. Sie wird schwanger und es folgt eine ausgelassen gefeierte Hochzeit.

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Ausgelassen: Tony und Georgio auf ihrer Hochzeitsfeier (©Studio Canal)

Der schmerzhafte Heilungsprozess

Diese prägnanten Bilder von einem noch rauschhaften Beziehungsbeginn gleiten bald ab in die ernüchternden Probleme, denen Tony in der Ehe mit Georgio begegnet. Und als Zuschauer wird der bislang nur vage erahnte Schmerz der Protagonistin deutlich spürbar. Drehbuchautorin und Regisseurin Maïwenn bringt diesen Prozess auch in der Rahmenhandlung voran. Als Tony sich in der Reha-Klinik bewusst wird, dass ihre körperliche Heilung im schlechtesten Falle Jahre dauern kann, fängt sie an, sich mit aller Kraft auf die Therapie zu konzentrieren und sich zugleich den schmerzhaftesten Kapiteln in ihrer Beziehung zu Giorgio zu stellen.

Begründete Anlässe zur Eifersucht und divergierende Beziehungsvorstellungen belasten die junge Ehe. Wir bekommen erste Szenen zu sehen, in denen die Stimmung zwischen den beiden kippt und Probleme keimen, die sehr bald wie Tonys Frustration und Verletzungen ins Unüberblickbare auswuchern. Dennoch hält Tony mit aller Kraft an dieser Beziehung zu einem Mann fest, gegenüber dem sie sich nie ebenbürtig fühlen wird. Ihm zuliebe zwängt sie sich in ein Beziehungsmodell, das ihr nicht zusagt. Mit überragender Intensität verkörpert Emmanuelle Bercot die Wandlungen Tonys, die in den Rückblenden immer wieder in Gefühlshöhen katapultiert wird, um bei jedem anschließenden Fall härter aufzuprallen. Eine Leistung, die Bercot bei den letzten Filmfestspielen von Cannes verdientermaßen die Auszeichnung als beste Darstellerin einbrachte.

Kein Stillstand, keine Ruhe

Mein Ein, Mein Alles ist ein unter die Haut gehendes Beziehungsdrama, das durch seine ausgereifte Charakterzeichnung überzeugt. Unweigerlich wird man als Zuschauer in diese von Extremen geprägte Beziehung hineingezogen, deren Verlauf amüsiert, ärgert, schmerzt, Hoffnungen weckt und dann wieder begräbt. Ein Film, der an sich selbst Georgios Verständnis von einer Liebe demonstriert, die niemals stillsteht, sondern so lebendig ausschlägt wie ein Elektrokardiogramm. Vom rauschhaften Anfang bis zum zwiespältigen Ende.

Mein Ein Mein Alles Mon RoiMein Ein, Mein Alles

(Original: Mon Roi)
Frankreich 2015
Regie & Drehbuch: Maïwenn
Kamera: Claire Mathon
Besetzung: Vincent Cassel, Emmanuelle Bercot, Louis Garrel
124 Min. Kinostart Deutschland: 24. März 2016
Gesehen auf der Französischen Filmwoche, Berlin

culturshock-Wertung: 9/10

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