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Filmkritik: Come to Daddy

FANTASY FILMFEST: Come to Daddy ist das Regiedebüt des Neuseeländers Ant Timpson, der bislang vor allem als Produzent (Turbo Kid, 2015 und The Greasy Strangler, 2016) tätig war. Eine chaotische Thriller-Komödie und überraschend einfühlsam erzählte Vater-Sohn-Geschichte.

Der Bus setzt ihn an einer Straße mitten im umwaldeten Nirgendwo ab. Eine handgezeichnete Karte mit wirren Pfeilen und Kreisen soll Norval (Elijah Wood) querfeldein zum entlegenen Strandhaus seines Vaters führen. Dieser hat die Familie verlassen, als Norval gerade mal fünf Jahre alt war. Und nun, als Mittdreißiger, hat er aus dem Nichts einen Brief und eine Einladung seines Vaters erhalten. Doch der Mann, der ihm die Tür des in luftiger Höhe gebauten Strandhauses öffnet, scheint so gar nichts mit Norval gemeinsam zu haben.

Aufgesetzte und unerwünschte Identitäten

Come to Daddy lebt zu Anfang von der Komik eines seltsamen Charakterzusammenpralls: Auf der einen Seite der sanft auftretende, mit Mönchsfrisur versehene und in progressivem Millennial-Chic gekleidete Norval. Auf der anderen sein betont raubeiniger, leicht wahnsinnig und unberechenbar wirkender Vater (Stephen McHattie). Beim abendlichen Zusammensitzen kommt es zu ersten unangenehmen Situationen. Der Vater mokiert sich darüber, dass Norval, trockener Alkoholiker, nicht trinkt. Norval wiederum versucht seinen Vater damit zu beeindrucken, dass er im Musikgeschäft arbeitet und Elton John persönlich kennt. Ersteres stimmt wohl ansatzweise und letzteres gar nicht. Und obwohl Norval mit seiner etwas erbärmlichen Angeberei und seinem goldenen, von Lorde persönlich designten iPhone wohl nicht sofort die Zuschauerherzen zufliegen, fühlt man mit, wenn ihm nach all den Jahren die väterliche Anerkennung so unwirsch verweigert wird.

Doch bevor Come to Daddy zum überemotionalen Independent-Drama werden kann, intensiviert sich der Konflikt zwischen Vater und Sohn auf extreme Weise. Norvals Vater reagiert gereizt auf dessen berechtigte Fragen: Womit hat er sein Geld verdient? Wieso hat er die Familie verlassen? Und wieso hat er den Sohn zu sich eingeladen? Der Vater macht seiner Verachtung über den in seinen Augen verweichlichten, prätentiösen Sprössling Luft. Vor atemberaubender Kulisse kommt es zum gewaltsamen Showdown zwischen ihnen, der uns ebenso ratlos zurücklässt wie Norval. Doch dies ist nur der Einstieg in einer Geschichte voller Irrwegen und Wendungen.

Come to Daddy

Gerade noch innerlich zerrissen im Strandhaus, nun um sein Leben bangend im Kofferraum: Norval (Elija Wood)

Aufrichtiges Spiel mit Erwartungen

Auf die anschließenden Twists von Come to Daddy näher einzugehen, verbietet sich an dieser Stelle natürlich. Es sei nur verraten, dass diese Wendungen dem Handlungskonstrukt ein chaotisches Untergeschoss eröffnen, in dem Haushaltgegenstände auf überraschende Weise zu Mordwaffen umfunktioniert werden, ein Stargate-Star einen Cameo-Auftritt als Ex-Wrestlerin hat und ein verblüffend blöder Schurke (Michael Smiley) wieder und wieder triumphiert. Come to Daddy ist davon getrieben, mit unseren Erwartungen zu spielen. Dies gelingt an vielen Stellen und provoziert Gelächter, aber an anderen wirkt es etwas zu bemüht. So begegnen uns einige Figuren, die bewusst skurril angelegt sind, ohne dass ihnen genügend Dialogwitz zugeteilt wurde.

Nichtsdestotrotz wird einem diese wilde Thriller-Komödie im Gedächtnis bleiben – wegen ihrer aufrichtigen ernsten Note. Denn in dem sich unerwartet entwickelnden Kampf um Leben und Tod, bildet Norvals innere Zerrissenheit eine ernstzunehmende Konstante. Sein Pendeln zwischen Sehnsucht nach väterlicher Anerkennung und Trauer über dessen jahrzehntelange Abwesenheit ist einfühlsam erzählt und bettet sich in dieses Chaos als wahrhaftiger, unumstößlicher Kern ein. Und dies passt zum Gefühl, mit dem uns Come to Daddy nach mehreren Irrwegen und traurigen Lebensbeichten zurücklässt: eine aufgeräumte Niedergeschlagenheit.

Come to Daddy

Kanada, Neuseeland, Irland, USA, 2019
Regie: Ant Timpson. Drehbuch: Toby Harvard
Kamera: Daniel Katz
Besetzung: Elijah Wood, Stephen McHattie, Martin Donovan, Garfield Wilson, Madeleine Sami, Michael Smiley, Ona Grauer
93 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
Gesehen auf dem Fantasy Filmfest, Berlin

culturshock-Wertung: 7/10

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