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Filmkritik: Vivarium

FANTASY FILMFEST: Lorcan Finnegans Sci-Fi-Allegorie Vivarium hinterfragt in sehr aktueller und zugleich zeitloser Weise unseren scheinnatürlichen Drang nach Sesshaftigkeit.

Sie wollten doch nur ein Zuhause. Möglichst gut gelegen. Groß genug für sie beide und für eventuellen Nachwuchs. Aber dennoch bezahlbar. Gern etwas außerhalb, aber immer noch gut angebunden. Mit dem Wunsch von Gemma (Imogen Poots) und Tom (Jesse Eisenberg) werden sich viele Paare an einem bestimmten Punkt in ihrer Beziehung identifizieren können. Und mit der Frustration, die sich heutzutage einstellt, wenn man bei der Besichtigung einer überteuerten Wohnung auf etliche Andere trifft, die offenbar allesamt denselben Traum vom trauten Heim hegen. Diese bittere Realität ist für den irischen Regisseur Lorcan Finnegan ein willkommener Ausgangspunkt für eine allegorische Auseinandersetzung mit dem Drang nach Sesshaftigkeit.

Ihre erfolglose Wohnungssuche führt die Erzieherin Gemma und den übergangsweise als Hausmeister im selben Kindergarten jobbenden Tom schließlich zu einer Geschäftsstelle von Yonder, einem Anbieter von bezahlbaren Häuschen in einer noch leerstehenden Wohnanlage. Dort empfängt sie Martin, dessen nicht-diesseits wirkendes manisches Verhalten ein erstes Warnzeichen sein sollte (an dem man sich dank Jonathan Aris‘ pointierter Darbietung aber nicht sattsehen kann). Nichtsdestotrotz lassen sich Tom und Gemma von ihm zur Wohnhaussiedlung führen, die idealerweise „nicht zu fern und nicht zu nah“ liegt, wie Martin ihnen versichert.

Wohnanlage im Uncanny Valley

Was sich da vor Gemma und Tom erstreckt, als sie Martin hinterherfahren und das Willkommensschild von Yonder passieren, ist in seinen anbiedernd pastelligen Grüntönen abstoßend einladend: Unzählige, bis ins letzte öde Detail identische Häuser reihen sich hier aneinander. Ein Labyrinth der Konformität, überstrahlt von einem künstlichen Licht, das alles noch biederer wirken lässt. Auf den ersten Blick mag dieses Szenario den “Little Boxes” ähneln, die uns im Intro der Serie Weeds samt auf den Punkt gebrachter Geisteshaltung begegnen – mal abgesehen von etlichen Filmen, in denen die amerikanische Vorstadt als Hort des Abgründigen vorgeführt wird. Doch in Vivarium stellt sich rasch das noch gesteigerte, als ‘Uncanny Valley’ bekannte Gefühl ein: Es ist ein Ort, der sehr nah an eine bekannte Realität reicht, aber wegen seiner künstlichen Leblosigkeit dann doch Grauen erregt.

Und obwohl es prinzipiell ihren Wunsch nach einem gemeinsamen Zuhause erfüllen würde, ist dieser Ort auch nichts für Gemma und Tom. Während sie auf dem Weg zu Yonder im Auto noch munter “A Message to You Rudy” mitgesungen haben, war ihnen anzumerken, dass sie sich trotz ihrer Erwachsenenträume noch nicht gänzlich vom individualistischen Drang ihrer Jugend verabschiedet haben. Doch kurz nach ihrer Ankunft in Yonder wird ihnen die Entscheidung über ihre Zukunft abgenommen. Martin verschwindet plötzlich und sie finden sich völlig allein im Häuserlabyrinth wieder, aus dem sie mit dem Auto keinen Weg herausfinden. Immer wieder landen sie bei dem Haus Nummer Neun – eine Zahl, die in der Kabbala als Symbol der Vollkommenheit gepriesen wird. Als sich für Tom und Gemma langsam die Ausweglosigkeit ihrer Situation abzeichnet, finden sie vor ‚ihrer‘ Haustür eine Schachtel vor. Darin: ein Baby und die Notiz „Zieht dieses Kind groß und ihr werdet freigelassen.“

Vivarium Film

Glückliche frischgebackene Eltern…sehen anders aus. Tom (Jesse Eisenberg) und Gemma (Imogen Poots).

Allegorie, Abrechnung, Denkanstoß

Was sich daraufhin in Vivarium abspielt, hätte wegen des minimalistischen und bewusst drögen Settings sehr schnell ins Ermattende kippen können. Doch Lorcan Finnegan versteht es, seine Story mit Elementen zu spicken, die den Zuschauer in eine lebhafte Nachdenklichkeit versetzen. Dazu gehören die destruktive Beziehungsdynamik zwischen Tom und Gemma, eine interessante Science-Fiction-Ebene und natürlich die allegorische Wirkmacht dieser Erzählung. So denkt man zwangsläufig immer wieder an den Vorspann von Vivarium zurück: Ein frischgeschlüpfter Kuckuck entledigt sich der anderen Küken im Nest, ganz so, wie es der Brutparasitismus als von der Natur vorgeschriebenes Arschlochgebaren vorsieht. Man setzt es in Beziehung zu Tom und Gemma, die nur ein Zuhause wollten und nun einen menschenähnlichen Jungen großziehen müssen, in der Hoffnung freizukommen. Aber damit ist das Deutungslabyrinth von Vivarium noch lange nicht durchlaufen.

In Manier einer erweiterten Twilight Zone-Episode versetzt uns diese unheimliche und an den richtigen Stellen mit abstruser Komik versetzte Science-Fiction-Erzählung in eine hinterfragende Position, die wir auch nach dem Abspann nicht verlassen. Ein zeitloser Film, der noch oft zitiert werden wird, privat, öffentlich, in dieser von Wohnungsangst umgetriebenen Gegenwart begehrter Metropolen bis in alle Zeiten, in der Menschen zwischen konformistischem Komfort und eskapistischem Individualismus nach Lebensverwirklichung streben.

Vivarium

Irland / Belgien / Dänemark / USA, 2019
Regie: Lorcan Finnegan
Drehbuch: Lorcan Finnegan, Garret Shanley
Kamera: MacGregor
Besetzung: Imogen Poots, Jesse Eisenberg, Jonathan Aris, Eanna Hardwicke, Senan Jennings
97 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
Gesehen auf dem Fantasy Filmfest, Berlin

culturshock-Wertung: 8/10

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