Film

Filmkritik: Burning

Volles Filmfestival, zweite Reihe mittig in einem Kinosaal mit über 300 Plätzen und 16 Meter breiter Leinwand, südkoreanischer Film im Original. Ich muss den Blick immer wieder über die englischen Untertitel und dann über die gesamte Leinwand schweifen lassen, als würde ich ein Tennis-Match verfolgen. Nicht die idealen Voraussetzungen, um Lee Chang-dongs hochgelobten Festivalknaller Burning zu schauen, der knapp zweieinhalb Stunden lang ist.

Aber selbst ideale Sehbedingungen könnten nicht verhehlen, dass dieser Film Hingabe erfordert. Die Bilder von Paju, einer mittelgroßen Stadt nahe der nordkoreanischen Grenze, sind auf subtile Weise schön, wodurch man sich in die Welt von Burning vertiefen, aber nicht unbedingt in ihr schwelgen kann. Die Dialoge sind knapp aber bedeutungsvoll, wodurch man versucht ist, diesen Film vorschnell als artsy-fartsy Belanglosigkeit abzutun. Doch dies wäre ein großer Fehler. Wer Burning ein Mindestmaß an anhaltender Aufmerksamkeit schenkt, wird sich an die Details dieses Films noch lange erinnern.

Die Taumelnden

Etwa die kindlich anmutende Unbeholfenheit, mit der der junge Protagonist Lee Jong-su (Yoo Ah-in) durch die Straßen Pajus stolpert. Er verdingt sich mit Gelegenheitsjobs, obwohl er gerade die Uni absolviert hat und von einer Schriftstellerkarriere träumt. Bei einem dieser Jobs begegnet er Shin Hae-mi (Jeon Jong-seo), die mit ihm in seiner Nachbarschaft aufgewachsen ist. Die beiden verabreden sich und bringen sich auf den neuesten Stand zu ihren Leben: Hae-mi schlägt sich ebenfalls mit kleinen Jobs durch, besucht einen Pantomime-Kurs und plant eine Reise nach Afrika. Währenddessen wird Jong-Su übergangsweise die Rinderfarm seines Vaters übernehmen, da dieser mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.

Beide taumeln mehr durch die Welt als dass sie schreiten, Hae-mi mit einer fragilen Mischung aus Euphorie und tiefer Einsamkeit, Jong-Su wie ein permanent Verwunderter, der die Geschehnisse um sich herum nicht zu greifen kriegt. Es entwickelt sich ein zartes Band zwischen den beiden, das für Jong-su im Verlauf von Hae-mis Aufenthalt in Afrika an Bedeutung gewinnt.

Orientierungslos: Lee Jong-Sun (Yoo Ah-in)

Die fragile Existenz

Als Hae-mi nach drei Monaten zurückkehrt und plötzlich den gutaussehenden, wohlhabenden Ben (Steven Yeun) im Schlepptau hat, sieht man schon die Dreiecksgeschichte vorher, um die sich Burning  drehen könnte. Jong-su ist eifersüchtig auf Ben, der in Seouls dekadentem Zentrum Gangnam lebt. Er fährt Porsche, führt die beiden in schicke Lokale aus und trägt dabei stets einen milde-belustigten Ausdruck im Gesicht. Im Gespräch mit Hae-mi nennt Jong-su ihn einen ‚Gatsby‘, einen dieser rätselhaften jungen Männer in Südkorea, die mit Geld um sich werfen, dessen Herkunft unklar ist.

Zerbrechlich: Shin Hae-mi (Jeon Jong-seo)

Doch all dies ist der Auftakt für den eigentlichen thematischen Kern von Burning: Die Fragilität der Existenz. Lee Chang-dong hat dafür die Kurzgeschichte Scheunenabbrennen des japanischen Autors Haruki Murakami als Ausgangstext gewählt, dessen Handlung nach Südkorea verlagert und mit Reflexionen über existenziellen Hunger, existenzielle Unsicherheit und Auslöschung aufgeladen. Er hat sie sich auf so gelungene Weise zu eigen gemacht, wie man es selten mit Literaturverfilmungen erlebt. Den mysteriösen Plot Point der Erzählung hat er beibehalten. An einem ihrer gemeinsamen Abende erzählt Ben dem verblüfften Jong-su von seinem liebsten Hobby: Er fackelt gern verfallene Gewächshäuser ab und betrachtet dann, wie sie vollständig abbrennen, als hätten sie nie existiert. Kurz darauf verschwindet Hae-mi.

Gegen den Zweifel

Belustigt: Ben (Steven Yeun)

Und mehr als das sollte nicht verraten werden, da jeder Zuschauer selbst die Verblüffung erleben sollte, mit der man verfolgt, wie sich Burning vom unsteten Liebes- zum Mystery-Drama wandelt und dann urplötzlich zum Psychothriller wird, in dem jeder Dialogfetzen, jedes zunächst belanglos erscheinende Handlungsdetail, jedes rätselhafte Bild auf erschreckende Weise aufgeht. Ein Psychothriller, in dem der Held auf die Probe gestellt wird: Erkennt er den Wert der Existenz an? Oder betrachtet er die Welt um sich herum weiterhin, wie er Ben einmal gesteht, als unlösbares Mysterium?

Die Drehbuchautoren Lee Chang-dong und Oh Jung-mi treffen zum Schluss eine klare Entscheidung, die uns Murakamis Kurzgeschichte vorenthalten hat. Damit wird Burning zum Plädoyer für eine Herangehensweise ans Leben, die keinen Zweifel, keine Unaufgelöstheit und keinen Ballast mehr duldet. Dies spiegelt Burning in sich selbst wider: Ein Film, der keine seiner 148 Minuten verschwendet, in sich aufgeht und sich mit dieser Hingabe zum Elementaren noch lange Zeit nach dem Kinobesuch immer wieder in den Kopf des Zuschauers schleusen wird. Sehr sehenswert.

Burning

Südkorea 2018

REGIE: Lee Chang-dong.

DREHBUCH: Oh Jung-mi, Lee Chang-dong

BESETZUNG: Yoo Ah-in, Steven Yeun, Jeon Jong-seo

148 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt

Gesehen auf den Fantasy Filmfest White Nights 2019

culturshock-Wertung: 9/10

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