Film

Filmkritik: Brimstone

Was bereits vor knapp zwanzig Jahren mit Bad Girls und Schneller als der Tod misslang, will Hollywood einfach nicht auf sich sitzen lassen: Es muss doch verdammt nochmal möglich sein, einen sehenswerten Frauen-Western zu drehen! Und so erreichten uns in jüngerer Zeit immer wieder neue Versuche, diesem arg männlich dominierten Genre eine weibliche Perspektive entgegenzusetzen (wohlgemerkt immer von männlichen Regisseuren), etwa mit Tommy Lee Jones‘ The Homesman (2014) und Gavin O’Connors Jane Got A Gun (2016).

Aktuell ist auf Netflix gar eine Miniserie (Godless) zum Thema zu sehen. Doch wie gelungen und konstruktiv-feministisch diese aktuellen Werke sind, darüber wird gestritten (mit Tendenz zur Ablehnung). Dennoch sollte man dankbar sein: Nur mit dem ungebrochenen Willen, dem Western etwas Feministisches abzugewinnen (und so neu vermarkten zu können), war es wohl möglich Martin Koolhovens wundersames, in seiner Plumpheit herrlich witziges Western-Drama Brimstone zu finanzieren – auch wenn dieser Film tatsächlich ernst gemeint war.

Stumme Frau vs. Super-Schurke

Im Zentrum der wundersamen Geschichte von Brimstone steht eine junge Frau namens Liz (Dakota Fanning). Sie lebt mit ihrem Mann, dessen Sohn aus erster Ehe und ihrer gemeinsamen Tochter auf einer Farm im Wilden Westen und ist eine angesehen Hebamme in der Gemeinde. Dass sie stumm ist und sich nur durch Zeichensprache und mithilfe ihrer Tochter mitteilen kann, stört niemanden. Doch Liz‘ beschauliche Existenz findet ein Ende, als ein neuer Pfarrer die Dorfkirche betritt.

Der Reverend (Guy Pearce) ohne Namen hat ein stark von Vergeltung getriebenes Verständnis von der Bibel und scheint es bei seiner Antrittspredigt vor allem auf Liz abgesehen zu haben. Und obwohl er das wölfische Übel in Person darstellt (zu allem Überfluss hören wir Pearce später im Film auch laut aufheulen), scheint nur Liz zu merken, was hier vor sich geht. Kurz darauf verliert sie ihr Ansehen, ihren Mann (diesen auf sehr grafische, Gedärme verteilende Weise) und ihr Heim.

Die Wurzel allen Übels

Dies ist das mit ‚Revelation‘ (Offenbarung) betitelte erste Kapitel von Brimstone, bevor die Geschichte a-chronologisch Liz‘ Vergangenheit aufrollt: In Exodus sehen wir sie als junge Frau (Emilia Jones) auf der Flucht, die im Bordell endet. Dort durchlebt sie in aller Ausführlichkeit die höllischste Seite des Wilden Westens, wird Zeugin von Vergewaltigung, Zwangsprostitution und Lynchjustiz an Frauen, bevor sie sich selbst in ihre neue schreckliche Rolle einfügt, aber weiterhin von Freiheit träumt. Dieser Traum wird bedroht, als der Reverend das Bordell betritt. In Genesis werden wir schließlich über die ursprüngliche Verbindung zwischen dem Reverend und Liz aufgeklärt.

Und genau hier, in Liz‘ jäh endender Kindheit, soll sich für den Zuschauer auch das größte Grauen und die Erkenntnis einstellen, dass an allem die verdammte Religion schuld ist. Mit ihren Peitschenhieben, den Schandmasken und der Rechtfertigung von Inzest, die sie für Frauen in petto hat. Mit der Subtilität eines Vorschlaghammers führt uns die Handlung an diese Wurzel allen Übels heran. Und just in dem Moment, als es schon etwas dumpf anmutet, dass alle Männer in diesem Film entweder Sadisten oder Schwächlinge sind, wird uns ein wahrer Held präsentiert. Dass dieser etwas kurzlebig ist, macht nichts – es ging ja nur darum, Game of Thrones-Schwarm Kit Harrington aufs Kinoplakat zu bekommen.

Weder Exploitation noch Emanzipation

Mit einigen Offenbarungen kehrt Brimstone schließlich zur Rahmenhandlung zurück. Dabei bleibt Regisseur Koolhoven aber dem Reißerischen und der expliziten Gewaltdarstellung so treu, dass Brimstone kurz nach seiner Premiere auf den Filmfestspielen von Venedig 2016 von manchem Kritiker als Exploitationfilm abgekanzelt wurde – also nur darauf bedacht, die Sensationslust der Zuschauerschaft zu befriedigen. Doch dafür ist Brimstone dann doch zu herausgeputzt, zu gut besetzt und cinematographisch zu ansprechend geworden.

Nein, Koolhoven scheint wirklich den Anspruch zu haben, ein emanzipatorisches Werk zu schaffen und seiner Wildwest-Heldin wenn auch keine Knarre so zumindest ehrwürdige Tapferkeit zu verleihen. Doch auch das ist problematisch. Wie sich Liz Kapitel um Kapitel aus ihrer misslichen Lage befreit, ist nie Ergebnis einer beherzten Selbstverteidigung, sondern nur konsequent in punkto Selbstverstümmelung und Selbstaufopferung. Mit anderen Worten: Eher schneidet sich unsere Heldin die Zunge ab, als das Schießen zu erlernen. Im Wilden Westen!

Brimstone WesternBrimstone

Niederlande 2016

Regie & Drehbuch: Martin Koolhoven

Besetzung: Dakota Fanning, Guy Pearce, Carice van Houten, Kit Harington

148 Min. Kinostart Deutschland: 30. November 2017

culturshock-Wertung: 4/10

Share: