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Buchkritik: Die Interessanten

Den vielen Wandeln, denen lebenslange Freundschaften unter- und manchmal auch erliegen, widmet sich die New Yorker Autorin Meg Wolitzer in ihrem Roman Die Interessanten, in dem sie sechs Freunde und ihre verworrenen Lebenswege über einen Zeitraum von knapp 35 Jahren begleitet. Eine gefühlvolle Erzählung voller treffender Beobachtungen zu unerwarteten Persönlichkeitsentwicklungen und Begabungen, die Fluch und Segen zugleich sein können.

Der Sommer ihres Lebens

1974 ist das Jahr, das Julie Jacobsons Leben eine entscheidende Wendung gibt: Der Vater der gerade erst 15jährigen stirbt an Krebs und da Julie es daheim im New Yorker Vorort Underhill bei ihrer trauernden Mutter und ihrer schroffen Schwester nicht aushält, flieht sie ins Sommercamp „Spirit in the Woods“. Die Menschen, die sie hier trifft, und der Geist des künstlerisch orientierten Camps werden sie fortan ihr ganzes Leben lang begleiten. Aus Julie wird ‚Jules‘, nachdem sie sich mit fünf New Yorker Teenagern anfreundet: Die zarte Ash und ihr draufgängerischer Bruder Goodman Wolf, der leicht nerdige Ethan Figman, der sensible Jonah Bay, Sohn einer berühmten Folksängerin, und die Tänzerin Cathy Kiplinger. Bei einem Joint und wagemutig vermischtem Alkohol aus dem Pappbecher stoßen sie zu Beginn des Romans auf ihre Gruppe, ‚Die Interessanten‘, an. Jules fühlt sich geehrt in diesen aristokratisch anmutenden Freundeskreis aufgenommen zu werden und entwickelt vor allem zu Ash eine innige Freundschaft. Auch Ethan interessiert sich sehr für Jules und holt sich nach zahlreichen Avancen in diesem Sommer dann doch eine Abfuhr ab. Der Freundschaft zwischen den sechs Jugendlichen tut dies keinen Abbruch, aber in den darauffolgenden Jahren sollen durchaus Ereignisse folgen, die die Gruppe deutlich schmälern und nachhaltig prägen.

Gewünschte, gelebte, unterdrückte Talente

Im weiteren Verlauf des Romans werden die für die sechs Freunde prägenden Erfahrungen von 1974 bis 2009 geschildert, wobei das Augenmerk vor allem auf Jules‘ Entwicklung liegt. Dabei springt Wolitzer von Jahr zu Jahr und treibt zugleich den Hauptfaden ihrer Handlung chronologisch voran, der sich allem um die Themen Freundschaft, ungeahnte Lebenswege und Talent dreht und diese auf bemerkenswerte Weise zusammenführt. Denn alle sechs Freunde sehnen sich bewusst oder unbewusst nach einem Leben, das sie von ihren künstlerischen Talenten bestreiten können. Jules entdeckt im Camp ihre komödiantische Ader und versucht sich nach dem College-Abschluss als Schauspielerin in New York – ein Traum, den auch Ash zunächst teilt, bevor sie sich für die Theater-Regie entscheidet. Eine von den Freundinnen wird scheitern und sich nach Alternativen umsehen müssen, während die andere die gewünschte künstlerische Karriere erreicht, aber mit dieser letztendlich hart ins Gericht geht. Währenddessen scheint Jonah Bay das Songwriting-Talent seiner Mutter geerbt zu haben, lehnt dieses aber aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses in seiner Kindheit ab und lebt künftig bewusst gegen diese mögliche Lebensrichtung an. Doch alle mehr oder minder erfüllten Talente werden schließlich von Ethan Figmans Aufstieg zum Trickfilm-Mogul in den Schatten gestellt – er ist einer Schöpfungskraft geschuldet, die Ethan schon früh im Schatten der Scheidung seiner Eltern vorangetrieben hatte und die ihn schließlich zum Millionär macht.

Freundschaft und Lebenswege

Meg Wolitzer. FOTO: DUMONT VERLAG/NINA SUBIN

Diese ungeahnten Lebenswege stellen die freundschaftlichen Bande zwischen den sechs Charakteren auf die Zerreißprobe: Vor allem Jules sinniert rückblickend über die Frage, ob man sich als Erwachsene nochmal bewusst für seine seit der Jugend verbliebenen Freunde entscheiden würde. Denn das Leben, so heißt es an einer der in diesem Roman zahlreichen, treffenden Beobachtungen über Freundschaft, „nahm die Menschen und schüttelte sie durch, bis sie am Ende selbst für ihre ehemaligen Freunde kaum mehr zu erkennen waren“. Was das Leben den hoffnungsvollen Jugendlichen im Laufe der vielen Jahre seit dem ersten Treffen 1974 beschert, beschreibt Wolitzer mittels einfühlsamer Charakterstudien, einem klaren Blick fürs Zwischenmenschliche und einem beeindruckenden Sinn für die Erfassung von Gefühlszuständen wie Neid, Trauer, Nostalgie und Reue. Es ist dieser Sinn, der viele Stellen aus Die Interessanten sehr nahe an den Leser herankommen lässt und es in seiner Gesamtheit vermag, nachhaltig zu ergreifen. Dies wird durch die Romanstruktur mit ihren kontrastierenden Zeitsprüngen noch verstärkt – viele Betrachtungsebenen erschließen sich einem erst nach dem Romanende. So besucht beispielsweise Jonahs berühmte Mutter noch zu Beginn der Handlung das Sommercamp und stimmt ihren berühmten Song „The Wind will carry us“ vor den versammelten Jugendlichen an, in dem es heißt „Ich bete, dass der Wind uns auseinanderträgt.“ Eine Formulierung, die Jules zum damaligen Zeitpunkt verwirrt, wie sie Ethan gegenüber feststellt: „Ein Windstoß, der bläst doch nur in eine Richtung, oder?“ Am Ende dieses schönen Romans hat man dennoch eine Vorstellung davon, wie dieser eine Windstoß Menschen durcheinanderwirbeln, auseinander bringen und sogar wieder zusammenführen kann.

Meg Wolitzer:
Die Interessanten
(Original: The Interestings, 2013)
Übersetzt aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
DuMont Buchverlag, Köln 2014
608 Seiten. Hardcover. 22,99 Euro
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