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Buchkritik: Stadt ohne Engel

Eine Villa in den Hügeln der Pacific Palisades im Westen von Los Angeles mit Blick auf die Bucht von Santa Monica, einer 22.000 Bücher umfassenden Bibliothek, 14 Zimmern und 6 Badezimmern: Paradiesische Zustände für den deutschen Journalisten und Schriftsteller Jan Brandt (Gegen die WeltTod in Turin), der 2014 hier ein dreimonatiges Aufenthaltsstipendium antrat. Nach drei gescheiterten Bewerbungen hatte Brandt es endlich geschafft, das Auswahlkomitee zu überzeugen, indem er seinen geplanten Auswanderer-Roman nach Los Angeles verlagerte und die familiäre Neigung zum Amerikanischen Traum hervorhob (offenbar wandert seit 1865 pro Brandt’scher Generation ein Mitglied in die Staaten aus). Und dann die unerwartete Schreibblockade kurz nach der Ankunft: „Welche Menschen wohnen hier? Was sind ihre Geschichten? Wie reden sie? Wie leben sie? Mir fällt nichts ein. Das Paradies kann auch die Hölle sein.“ Also machte er sich auf, diese Stadt mit einem Leihwagen zu erkunden und mit interessant anmutenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Knapp zwei Jahre später liegt mit Stadt ohne Engel nicht der versprochene Auswanderer-Roman, sondern ein Reportage-Band vor, der „Wahre Geschichten aus Los Angeles“ verspricht.

Gezieltes Treiben

In zwölf Reportagen gibt der aus Ostfriesland stammende Brandt hier seine Eindrücke wieder von einer Stadt, die man seit jeher mit Glanz und Düsternis zugleich assoziiert: Mit den an Hollywood geknüpften Hoffnungen auf Leinwand-Ruhm und der Gangkriminalität in South Central. Beiden Seiten widmet sich Brandt in seinen Reportagen, jedoch ohne sich je auf die Mythen, die sich um die Stadt ranken, näher einzulassen. Stattdessen knöpft er sich jedes Thema mit nüchternem Sachverstand vor: So führt in „Das Mädchen von nebenan“ die zufällige Begegnung mit einer jungen Frau namens Lauren, die erst vor wenigen Wochen nach L.A. gezogen ist, um Schauspielerin zu werden, zu einem Interview. Brandt hakt hier ganz genau nach und lässt den skeptischen Journalisten erkennen, der der jungen Frau ihre Motivation und ihr Talent für diesen Beruf nicht abnimmt. Erst indem er Laurens Zielstrebigkeit mit seinen frühen schriftstellerischen Ambitionen vergleicht, öffnet er sich ihrem Lebensentwurf und gewährt uns Lesern interessante autobiografische Einblicke. Auch andere Kapitel profitieren von Brandts Erinnerungen an seinen schriftstellerischen Werdegang, etwa wenn er auf die Ursprünge für sein immer noch (zu Recht) viel gelobtes Romandebüt Gegen die Welt eingeht.

Genau hierin äußert sich aber auch das Manko von Stadt ohne Engel: Die enthaltenen Reportagen sind nicht der sinnierende Endpunkt eines Sich-Treiben-Lassens durch Los Angeles, sondern das hart erarbeitete Ergebnis von Zufallsentdeckungen, die zu später Stunde in der Villa Aurora zielgerichtet weiterrecherchiert, strukturiert und um ein Thema herum konstruiert wurden. Und dieses vermittelt uns leider nicht in allen Fällen so viel Einprägsames über Los Angeles, wie man sich wünschen würde.

Das Kapitel „Die Auftragsdichterin“ etwa schildert die Begegnung mit der 14jährigen Maia, die auf einem Flohmarkt einen ‚poem stop‘ eröffnet hat. Für einen Betrag seiner Wahl kann man Maia ein Thema vorgeben, über das sie spontan auf ihrer Schreibmaschine ein Gedicht verfasst. Brandts Faszination für dieses Teenager-Mädchen, das Schriftstellerin werden will und es in Ansätzen vielleicht schon ist, durchläuft die Phasen der Ernüchterung und erneuten Verzauberung, ohne dass einem ihr Ursprung ganz klar wird. Beim Lesen schließt man Maia zwar irgendwie, vielleicht auch notgedrungen, ins Herz, kommt aber zwischenzeitlich nicht umhin zu vermuten, dass Brandt zu viel in diese Begegnung hineininterpretiert. Eine Neigung, die er in einem späteren Kapitel voll ausschöpfen kann: „Mord für ein Skateboard“ ist ein nachdenklicher Text über den Tod und den momentanen Eindruck, den er den Hinterbliebenen vom Verstorbenen hinterlässt.

Wo sich der Kreis schließt

Ein wiederkehrendes Motiv in Brandts Begegnungen mit den Bewohnern L.A.s ist der ‚American Spirit‘, der diese eint: Eine positiv gestimmte Geisteshaltung und Überzeugung vom künftigen Erfolg, die Brandt als skeptischer Deutscher zur überzogenen „Heilserwartung im Diesseits“ verurteilt, ohne dies allzu eingehend zu reflektieren. Dies ist insbesondere ärgerlich, da das zentrale Kapitel von Stadt ohne Engel verdeutlicht, wie gut er das in seiner zielgerichteten Manier eigentlich kann: lose Eindrücke vom ersten groben Umriss hin zu einer klaren Zeichnung von einem vorherrschenden gesellschaftlichen Phänomen zu führen und dieses in seinen Dimensionen genau auszuleuchten. „Die Lücke im Kreis“ beginnt mit Brandts Gedanken zu Dave Eggers‘ flacher Dystopie The Circle, die 2014 völlig zu Unrecht einen Riesen-Hype erfuhr. Brandt macht sich auf den Weg nach Venice, um zu erkunden, wie weit hergeholt Eggers‘ Zukunftsdeutung einer jeglichem Sinn fürs Private verlustig gegangenen Gesellschaft ist. Doch anstatt die dort angesiedelten Technologiefirmen zu besichtigen, findet er sich bald in der ‚Full Circle Church‘ wieder, einer Glaubensgemeinschaft, deren hippe Mitglieder von einem lose definierten, spirituellen Miteinander beseelt sind.

Diese Eindrücke bringt Brandt mit der allgegenwärtigen Hinwendung der digitalen Elite zu Meditation, Yoga und Zen-Buddhismus zusammen, lässt das Ganze mit Max Webers Theorie zur Kongruenz von protestantischer Ethik und kapitalistischem Fortschrittsdenken zusammenwirken – und wir erleben ein wirklich aufschlussreiches Think Piece zu Religion im digitalen Zeitalter. Es ist ein Kapitel, das die Nüchternheit, mit der Brandt Los Angeles durchstreift, in prägnante Eindrücke und lehrreiche Erkenntnisse überführt. Von solchen hätte man sich mehr gewünscht – sie hätten sein L.A.-Erleben greifbarer und diesen Reportage-Band, der unentschlossen zwischen scharfen Beobachtungen und unmotivierten Schilderungen schwankt, abgerundet.

Jan Brandt:
Stadt ohne Engel. Wahre Geschichten aus Los Angeles
DuMont, Köln 2016
384 Seiten, Mit farbigen Abbildungen.
22,99 Euro

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