Film

Filmkritik: Fragen Sie Dr. Ruth

92 Jahre alt ist die weltberühmte Sexualtherapeutin Dr. Ruth Westheimer in diesem Jahr geworden. Ryan Whites äußerst sehenswerter Doku Fragen Sie Dr. Ruth gelingt es, die unbändige Lebensfreude dieser beeindruckenden Persönlichkeit zu transportieren.

“Ruhestand gibt es für mich nicht.”

Das Leben und Wirken einer knapp 90-Jährigen einzufangen, wie der amerikanische Doku-Regisseur und -Produzent Ryan White es im Fall von Fragen Sie Dr. Ruth getan hat, hat natürlich seine Herausforderungen. So hat die weltberühmte Sexualtherapeutin Dr. Ruth Westheimer ein unheimlich bewegtes Leben mit Stationen in Deutschland, der Schweiz, Israel, Frankreich und schließlich den USA geführt. Noch dazu ist die Amerikanerin mit deutsch-jüdischen Wurzeln auch Zeitzeugin mehrerer bedeutsamer Dekaden westlicher und jüdischer Geschichte, die ihr privates Leben tief geprägt haben.

Es gibt also viel Material, das es für ein Porträt dieser außergewöhnlichen Frau aufzubereiten gilt. Aber es ist fraglich, ob White vor zwei Jahren, als er sich daran machte, Dr. Ruth über mehrere Monate bis zu ihrem 90. Geburtstag mit der Kamera zu begleiten, ahnte, wie viel er unterwegs sein würde. Denn Dr. Ruth, wie sie seit ihrer Radioshow in den 1980ern genannt wird, ist noch immer eine unheimlich aktive und gefragte Frau. Sie lehrt noch immer an Universitäten, schreibt Bücher und ist regelmäßiger Gast in Fernseh- und Radioshows. Einen Ruhestand lehnt sie rigoros ab.

Fragen Sie Dr. Ruth Westheimer

Immer auf Achse: Dr. Ruth mit Regisseur Ryan White im Schlepptau.

Fragen Sie Dr. Ruth ist nicht der erste biographische Dokumentarfilm, den Ryan White vorlegt. In Good Ol‘ Freda porträtierte er 2013 Freda Kelly, die langjährige Sekretärin der Beatles. Und in Serena (2016) setzte er sich mit der afroamerikanischen Tennis-Ikone Serena Williams auseinander. Und so merkt man Fragen Sie Dr. Ruth von Beginn an ein entsprechendes Fingerspitzengefühl im Umgang mit biographischem Material an. Mit Finesse arrangiert White zu zunächst die vielen Foto- und Videodokumente aus der Zeit, als Dr. Ruth durch die amerikanischen Medien tingelte, bei Late-Night-Talkern wie David Letterman und Arsenio Hall zu Gast war, Comedy-Stars wie Robin Williams sie imitierten und sie Radio-Legende Howard Stern mehrfach versicherte, dass „Größe keine Rolle spielt“, wenn es um die sexuelle Befriedigung einer Frau geht.

Durchbruch in den 80ern

Ihren medialen Durchbruch erlebte die 1928 im hessischen Wiesenfeld als Karola Ruth Siegel Geborene in den 1980ern. Zunächst sorgte sie 1980 für Aufsehen mit ihrer Radiosendung Sexually Speaking, in der sie Hörerfragen zu allem beantwortete, was diese schon immer oder ganz aktuell über Sex wissen wollten. Ab 1984 folgten dann TV-Shows wie Good Sex! With Dr. Ruth Westheimer, in der sie vor einem Live-Publikum mit Studiogästen plauderte und Themen ansprach, die ihr auf dem Herzen lagen. Es war eine Zeit, so betont Dr. Ruth in dieser Doku im Rückblick, in der über weibliches sexuelles Verlangen noch immer nicht offen geredet wurde und dieses bisweilen gar als nicht-existent galt.

Aus all den Ausschnitten, die White vorbringt, wird deutlich, warum sich das mit Dr. Ruth langsam wandelte. Auf Fragen aller Art ging sie mit einer ermutigenden Offenheit, vorurteilsfrei und stets respektvoll ein. Und vor allem letzteres ist ihr ein Anliegen: „Respekt ist nicht verhandelbar“, äußert sie an einer Stelle, in der es um ihre offene Ansprache der in den 80ern grassierenden AIDS-Epidemie und der Vorurteile gegenüber Schwulen geht. Jahrzehnte bevor sich in der westlichen Öffentlichkeit allmählich Toleranz gegenüber LGBTQ-Anliegen einstellte, setzte sich Dr. Ruth für einen respekt- und würdevollen Umgang mit Homosexuellen ein.

Fragen Sie Dr. Ruth Westheimer

Dr. Ruth in der Gedenkstätte Yad Vashem

Lebensfreude auf tragischem Fundament

Ausgehend von diesen von Dr. Ruth, ihren Kindern und einigen Bewunderern kommentierten Karrierehöhepunkten, setzt White dann aber bald zu einem chronologischen Rückblick auf Dr. Ruths bewegtes Leben an. Auf die kurze Zeit, die sie als Kind jüdisch-orthodoxer Eltern in Frankfurt am Main verbrachte, folgte ein langer Aufenthalt in einem Kinderheim in der Schweiz. Hierhin hatten sie 1939 ihre nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zu Recht besorgten Eltern geschickt. Sie verblieben in Frankfurt und überlebten den Holocaust nicht.

Recht offen redet Dr. Ruth über diese schwierige Zeit und zeigt Tagebuch-Einträge, die in diesem Dokumentarfilm als Ausgangspunkt für animierte Darstellungen prägender Lebensmomente dienen. Zugleich sucht Dr. Ruth in der gefilmten Gegenwart die Stationen ihrer Biografie in der Schweiz und in Israel auf. Es gibt sehr viele bewegende und herzzerreißende Stellen in diesem Film, der dennoch von Dr. Ruths Lebensfreude und -kraft strotzt. Aber was als Widerspruch erscheinen könnte, wird in Fragen Sie Dr. Ruth zum Leitmotiv. Bewusst hat sie sich auf einem tragischen Fundament eine rigorose Lebenszugewandtheit aufgebaut – nicht nur aus Trotz, sondern aus dem Gefühl heraus, dies sich selbst und ihren im Holocaust ermordeten Angehörigen schuldig zu sein.

“Ich bin eigentlich ein sehr privater Mensch.”

Fragen Sie Dr. Ruth gewährt uns tiefe, sehr inspirierende Einblicke in ein wahrlich beeindruckendes Leben. Dafür hat Ryan White zum einen gesorgt, indem er Dr. Ruth über Monate begleitete, ausfragte und sie unzählige Anekdoten erzählen ließ. Zum anderen, und das ist an dieser Doku unheimlich faszinierend, gelingt es White auch, Dr. Ruths bewusste Aussparungen in Augenschein zu nehmen. Denn so offen sie auch über Privates, etwa die Qualität ihrer drei Ehen, plaudert, so deutlich behält sie sich vor, bestimmte Dinge nicht nach außen zu kehren.

Dies betrifft ihre konkreten Emotionen hinsichtlich des frühen Verlusts ihrer Eltern und ihr Dasein als Holocaust-Waise ebenso wie politische Ansichten, deren öffentliche Äußerung sie stets verweigerte. Dennoch sieht man sie in diesem Film mehrfach mit Nachdruck für das einstehen, woran sie glaubt. Diese nur scheinbare Widersprüchlichkeit fängt Ryan White mit einem sehr abwechslungsreichen, mitreißenden Arrangement aus Archivmaterial und eigenen Aufnahmen von einer Frau ein, der sich wohl niemand verschließen könnte. Absolut sehenswert.

Fragen Sie Dr. Ruth WestheimerFragen Sie Dr. Ruth

(Original: Ask Dr. Ruth)
USA 2019
REGIE: Ryan White
KAMERA: David Paul Jacobson
Mit Dr. Ruth Westheimer
100 Min. Kinostart Deutschland: 27. August 2020

culturshock-Wertung: 9/10

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