Film

Filmkritik: Wir

“Creep on it…” Nach der Sichtung von Jordan Peeles Psycho-Horror Wir wird sich Luniz‘ 95er-Hit “I got 5 on it” in vielen Köpfen festsetzen. Anders als der Film selbst, der wenig Horror und nur vage angedeutete Sozialkritik bietet. Eine spoilerfreie Review.

Der Plot von Wir wird von zwei Zeitebenen bestimmt – die eine ist in der Gegenwart angesiedelt, die andere im Jahr 1987. In der letzteren begegnen wir der kleinen Adelaide (Madison Curry), die mit ihren Eltern abends einen Vergnügungspark am Pier des nordkalifornischen Orts Santa Cruz besucht. Die Spannungen zwischen ihren Eltern sind allzu spürbar und so nutzt Adelaide einen unbeobachteten Moment, um sich allein zur nächtlichen Strandpromenade zu verdrücken. Dort entdeckt sie ein gruseliges Spiegelkabinett, nach dessen Betreten sie nie wieder dieselbe sein wird.

Die heimliche Matriarchin

In der Gegenwart ist die erwachsene Adelaide (Lupita Nyong’o) mit Gabe Wilson (Winston Duke) verheiratet und Mutter zweier Kinder: Zora (Shahadi Wright Joseph) und Jason (Evan Alex). Als gutbetuchte mittelständische Familie unternehmen die Wilsons einen Ausflug an die nordkalifornische Küste, von der sich der arglose Gabe eine entspannte Zeit verspricht. Unterdessen hat Adelaide mit sich zu kämpfen und fühlt sich konstant an ihr Kindheitstrauma erinnert. Auf Drängen von Gabe unterdrückt sie ihre Ahnung, dass etwas Schreckliches bevorsteht und lässt sich sogar darauf ein, wieder zum Strand von Santa Cruz zu gehen.

Zweifellos die Heldin des Films: Adelaide (Lupita Nyong’o)

Diese Familiendynamik mit enthusiastischem Vater und einer sich fügenden Mutter wird gänzlich aufgehoben, als eines Abends plötzlich vier rot gewandete Gestalten in der Einfahrt ihres Ferienhauses stehen. Wir widmet sich daraufhin der Enthüllung verborgener Identitäten. So geben sich die Gestalten als wortkarge, mörderische Doppelgänger der Wilsons zu erkennen. Unterdessen erweist sich Adelaide als starke Matriarchin, die ihrem verzweifelten, Baseballschlägerschwingenden Ehemann in diesem bedrohlichen Szenario weit voraus ist. Und die Kinder nutzen ihre ansonsten eher vernachlässigten Stärken, um diesem Alptraum zu entkommen. Nur Wir selbst scheint nicht so richtig zu sich zu finden.

Unergründete Dualitäten, angedeutete Sozialkritik

Für diesen Nachfolger seiner viel gelobten und gelungenen Horror-Satire Get Out hat Drehbuchautor und Regisseur Jordan Peele zwar wieder sehr viel Symbolkraft und Originalität an den Tag gelegt. Diese äußern sich im für einen Horrorfilm ungewöhnlichen Setting und einer wirklich starken weiblichen Protagonistin, die Lupita Nyong’o großartig verkörpert. Auch gibt es wieder viele, im ganzen Film verstreute Besonderheiten, die zum Kombinieren und Grübeln einladen. Nur dem zentralen Thema des Films scheint Peele nicht zu genüge beizukommen.

Sie waren gerade in der Gegend: Spontanbesuch der Doppelgänger-Familie

So lässt sich das Doppelgänger-Motiv von Wir leicht eine Anlehnung an Carl-Gustav Jungs Schatten-Theorie erkennen. Der Schweizer Psychologe legte darin dar, dass jedes Individuum einen gesellschaftsfeindlichen, negativen Teil seines Ichs (das Schatten-Ich) für gewöhnlich ins Unterbewusstsein abschiebt oder auf andere Menschen projiziert, statt sich mit ihm auseinanderzusetzen. Eine interessante Theorie, die den Plot von Wir zwar maßgeblich beeinflusst zu haben scheint, aber die Peele nicht wirklich ergründet.

Dies liegt zum einen daran, dass mit Ausnahme von Adelaide die Figuren von Wir sehr grob gezeichnet sind und mitunter Karikaturen gleichen. Besonders augenfällig wird das an den Mitgliedern der Familie Tyler, mit denen die Wilsons befreundet sind. Die Mutter (Elisabeth Moss) ist eine verbitterte Alkoholikerin, der Vater (Tim Heidecker) ein angeberischer Kotzbrocken und die Zwillingstöchter unerträgliche Tussis. Ihr vorzeitiges Ableben ist so vorhersehbar wie bedeutungslos. Dies ist dem ohnehin niedrigen Gruselfaktor von Wir nicht zuträglich. Und überhaupt lässt es der Plot nach der ersten Begegnung mit den Doppelgängern an Antrieb und Spannung vermissen. So erscheint dann auch der Twist gegen Ende eher wie ein Notanker in diesem Film, der sowohl gelungener Horror als auch sozialkritischer Kommentar sein will, aber es in beidem leider an Hingabe fehlen lässt.

Wir

(Original: Us)
USA 2019
REGIE & DREHBUCH: Jordan Peele
KAMERA: Michael Gioulakis
BESETZUNG: Lupita Nyong’o, Winston Duke, Shahidi Wright Joseph, Evan Alex, Elisabeth Moss, Tim Heidecker
117 Min. Kinostart Deutschland: 21. März 2019

culturshock-Wertung: 6/10

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