Film

Filmkritik: Die Maske

Bissige Satire und berührendes Drama: Der polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska ist mit Die Maske ein beeindruckender Film über Bigotterie gelungen.

Perspektiven, soziale Fürsorge, Freizeitangebote – von außen betrachtet mangelt es diesem kleinen Dorf an der polnisch-deutschen Grenze, in dem Die Maske spielt, an vielem. Doch nach Ansicht der Kirche braucht dieses Dorf vor allem eines: Eine Christusstatue! Und nicht irgendeine, nein, sie muss größer werden als Christus Redentor, das vielbesichtigte Wahrzeichen von Rio de Janeiro. Und so wird seit Jahren an der Errichtung dieses gigantischen Glaubensmonuments im Dorf gearbeitet. Einer dieser Arbeiter ist ausgerechnet der junge Jacek (Mateusz Kościukiewicz).

Im Dorf gilt Jacek als Sonderling. Wenn er in seinem roten Kleinwagen durch die Gegend braust, schallt Metallica aus den Boxen, woraufhin sich alte Damen bekreuzigen und Kinder ihm „Satanist“ hinterherrufen. Jacek lebt gemeinsam mit seiner Mutter und den Familien seiner Schwester und seines Bruders in beengten Verhältnissen auf einem kleinen Gut. Bis auf seine Schwester Iwona (Agnieszka Podsiadlik) mäkelt die gesamte Familie an seinen langen Haaren und seiner Heavy Metal-Kluft herum. Besonders seinem Schwager ist Jacek ein Dorn im Auge – hegt er doch frecherweise den Traum, das kleine Dorf hinter sich zu lassen und nach England auszuwandern. Diese Engstirnigkeit in Jaceks Familie und der gesamten Dorfgemeinschaft bringt Michał Englerts Kamera durch gezielt eingesetzte Unschärfe auf den Punkt. Stets ist nur ein auffällig kleiner Teil des Handlungsfeldes scharf gestellt, der Rest verschwimmt. Dadurch fühlt man sich als Betrachter eingeschränkt und gegängelt.

Die Maske Twarz

Jacek (Mateusz Kościukiewicz) mit seinem Hund | © Bartosz Mrozowski

Vom unbekümmerten Außenseiter zum Verstoßenen

Die Kleingeistigkeit seiner erzkatholischen und stockkonservativen Umgebung nimmt Jacek aber mit unbekümmertem Schulterzucken hin. Er scheint ihnen die Vorurteile ihm gegenüber nicht übel zu nehmen, sondern genießt sein beschauliches Leben so gut er kann. Wenn er nicht gerade in schwindelerregender Höhe und wenig Sicherung an der Statue arbeitet oder auf dem Gut aushilft, zieht er mit seinem Hund durch die schöne, raue Landschaft dieser Gegend oder führt seine Freundin Dagmara (Małgorzata Gorol) in die Dorfdisco aus.

Natürlich kommt es, wie es kommen muss für den wohl glücklichsten und freiesten Menschen in diesem Dorf: Jacek erleidet bei der Errichtung der Christusstaue einen schweren Arbeitsunfall. So schwer, dass seine Arbeitskollegen sich verängstigt bekreuzigen, als sie Jacek kurz nach dem Unfall ins Gesicht blicken. So schwer, dass Jacek erst Wochen später wieder erwacht – als erster Pole, dem ein komplett neues Gesicht transplantiert wurde.

Die Maske Twarz

Jacek nach seinem Unfall | © Bartosz Mrozowski

Die Demaskierung

Zwei bedeutende Ereignisse in Polen hat die Regisseurin Małgorzata Szumowska in Die Maske miteinander verknüpft: Die Errichtung der größten Christusstatue der Welt im polnischen Świebodzin 2010 und die erste in Polen vorgenommene Gesichtstransplantation am Unfallopfer Grzegorz Galasiński 2013. In Die Maske fügen sich diese Begebenheiten zu einem satirischen Gesellschaftsdrama zusammen, das das heutige Polen als hin- und hergerissen zwischen (Aber-)Glauben und Fortschrittlichkeit zeigt.

Das Beeindruckende an Die Maske ist, dass Szumowska bei aller Hingabe zur bissigen Gesellschaftskritik ihren interessanten Protagonisten nicht zur Symbolfigur verkommen lässt. Wir erleben mit, wie Jacek sein neues Gesicht schnell akzeptieren lernt, während die Menschen im Dorf ihn aufgrund seiner undeutlichen Aussprache und des maskenhaften, unbewegten Gesichts verstoßen. An dieser Situation demaskiert Szumowska eine Gesellschaft, die sich nach außen hin äußerst christlich gibt, aber es an grundlegendem menschlichen Mitgefühl mangeln lässt. Zugleich lässt sie uns nah an Jacek heran, in dessen neuem Leben sich absurde und traurige Momente die Waage halten. So gestaltet sich Die Maske zum wohl ausgeformten und sehr sehenswerten Gesellschaftsdrama, das mit seinem zugleich bitteren und triumphalen Ende im Gedächtnis bleibt.

Die Maske TwarzDie Maske

(Original: Twarz)
Polen 2018
REGIE: Małgorzata Szumowska
DREHBUCH: Małgorzata Szumowska, Michał Englert
KAMERA: Michał Englert
BESETZUNG: Mateusz Kościukiewicz, Agnieszka Podsiadlik, Małgorzata Gorol, Anna Tomaszewska u.v.a.
91 Min. Kinostart Deutschland: 14. März 2019

culturshock-Wertung: 8/10

Share:

Leave a reply

Ich akzeptiere