Film

Filmkritik: Minari

Eine koreanische Familie droht am harten Existenzkampf in den USA der 1980er zu zerbrechen: Lee Isaac Chungs Drama Minari kommt sanft daher, ist dabei aber schonungslos ergreifend.

Überschatteter Neuanfang

Arkansas, 1983: Ein großes Stück Land, ein längliches ‚Haus‘ auf Rädern, das kaum einem Tornado standhalten kann, eine Tonne, in der man seinen Müll verbrennt und weit und breit niemand sonst. Monica Yi (Ye-Ri Han) war nie ganz überzeugt davon, aus der kalifornischen Großstadt ins rurale Arkansas zu ziehen. Aber kurz nach der Ankunft in der Einöde, die ihr Ehemann Jacob (Steven Yeun) für seinen Traum von Selbständigkeit erwählt hat, macht sie ihrer Enttäuschung Luft: „Du hast etwas anderes versprochen“ entfährt es ihr, als sie das winzige Mobilheim erblickt. Monicas Sorge über die Umsiedlung gilt vor allem ihren beiden Kindern Anne (Noel Kate Cho) und David (Alan Kim). Letzterer ist erst sieben Jahre alt und hat ein Herzleiden. Nun ist das nächste Krankenhaus eine Stunde entfernt und Jacobs Plan, koreanisches Gemüse anzupflanzen und damit ebenfalls emigrierte Koreaner zu versorgen, blickt Monica äußerst skeptisch entgegen.

Minari eröffnet mit einem Konflikt, der die beiden Eltern bis zum Schluss beschäftigen und ihre Kinder stärker prägen wird, als ihnen klar sein mag. Er dreht sich um die Frage nach dem richtigen Weg der Existenzsicherung in einer Gesellschaft, in der man sich als Migrant*in seinen Platz erst mühsam erkämpfen muss. Drehbuchautor und Regisseur Lee Isaac Chung wuchs als Kind koreanischer Migranten selbst in Arkansas auf und wird in Minari einiges an Autobiografischem einfließen lassen haben. Doch sehr viel aufschlussreicher als die Details seiner Biographie ist der Ton, in dem er sein Drama erzählt: niemals an- oder beklagend, vielmehr zärtlich und melancholisch. In prägnanten, aber stets sachte gefilmten Bildern spürt er den Erlebnissen einer Migrantenfamilie nach, während diese sich in der Reagan-Ära an ihrer Version des Amerikanischen Traums versucht.

Die zurückgelassenen Werte

Die Ankunft von Monicas Mutter Soon-ja (Yuh-Jung Youn) scheint den Ehe-Zwist zunächst einigermaßen kitten zu können. Aus der Heimat bringt sie nicht nur eine gewisse Unbekümmertheit mit, die hart erarbeitet ist, sondern auch Samen des titelgebenden Minari-Krauts, einer Art Wasserpetersilie, die aus der koreanischen Küche nicht wegzudenken ist. Dass Soon-ja aber weder backt noch kocht, sondern die Kinder lieber fluchend beim Kartenspiel Godori abzieht und fasziniert Wrestling schaut, irritiert David nachhaltig, der sehr amerikanische Vorstellungen von einer Oma oder Granny hat.

Diese anfängliche Distanz überwindet David bald und Soon-ja entwickelt sich zu einer wichtigen Präsenz in seinem Leben, die ihn stärkt und lehrt. Ebenso vermag sie Jacob und Monica daran zu erinnern, wie verliebt sie einst in Korea waren und was sie einander bei der Eheschließung geschworen haben: nach Amerika zu gehen und einander zu retten. Dieser einstige Schwur scheint für die beiden jedoch inzwischen so fern wie ihre einstige Heimat.

Minari Drama Familie

Eine Zukunftsvision für Jacob (Steven Yeun), ein Alptraum für Monica (Ye-Ri Han) | © Josh Ethan Johnson/ Prokino/ A24

Das brüchige Ideal vom ‚Self-Made Man‘

In den vielen Ehe-Streitigkeiten, die wir mitunter aus der Perspektive der um den Familienzusammenhalt bangenden Kinder erleben, offenbart Minari auch eine tiefe Reflexion über destruktive Männlichkeitsvorstellungen, vor allem im Hinblick auf das Ideal vom self-made-man, dem Jacob entsprechen will. Er ackert nicht nur, um dem Tagelöhnerjob in der Brutstätte zu entgehen, in dem er und Monica Jahre damit zugebracht haben, Küken nach Geschlecht zu sortieren. Nein, er möchte seinen Kindern als Vorbild dienen, diese müssten „einmal im Leben sehen, dass ich mit etwas Erfolg habe“, raunt er Monica während eines ihres Streits um die Zukunft.

Es geht um einen Erfolg, der aus dem männlichen Alleingang zu entstehen hat, dem aber doch eine tiefliegende Angst davor, nutzlos zu sein, innewohnt. So erklärt Jacob in seiner Zigarettenpause dem kleinen David, weshalb die männlichen Küken aussortiert und geschreddert werden: Ihr Fleisch schmecke nicht, sie legten keine Eier. „Wir sollten uns möglichst nützlich machen“, lautet sein Fazit. Das lange angedeutete und schließlich offenbarte Schicksal des Vorbesitzers der Farm verdeutlicht, was passiert, wenn dieser Nutzen nicht erfolgt. Dieser starrköpfige Wille, sich aus sich selbst heraus und ohne Rücksicht auf Einwände aus dem engsten Familienkreis als nützlich zu erweisen, ist es denn aber auch, der die Ehe der Yis belastet und den Familienzusammenhalt zu zerstören droht.

Zarte Hymne an die Auswanderer-Eltern

Minari Drama Familie

© Josh Ethan Johnson/ Prokino/ A24

Lee Isaac Chung hat mit Minari ein ungeheuer ergreifendes Drama geschaffen, das völlig zu Recht unzählige Filmpreise (darunter den Golden Globe 2021 als Bester fremdsprachiger Film) eingeheimst hat. Selten gelingt es Filmen, sich gleichermaßen behutsam und bewegend der Migrationssituation zu nähern und sie aus vielerlei Perspektiven zu beleuchten. So blicken wir sowohl aus Kinder- als auch aus Erwachsenenaugen auf den harten Existenzkampf von Jacob und Monica in einem neoliberalen Setting, das diesen als stets aussichtsreich verkauft (beziehungsweise erlogen) und dabei wenig Unterstützung geboten hat.

Lange lässt Lee Isaac Chungs Film um das Schicksal der Yis, ihre Existenz und ihren Zusammenhalt bangen. Am Ende entwickelt sich Minari aber zu einer sanften Hymne auf eine Auswanderergeneration, die ungeheuerliche Entbehrungen auf sich genommen und rund um die Uhr für wenig Lohn gearbeitet hat, damit ihre Kinder es einmal besser haben. So bedächtig Minari dabei erscheinen mag, so schonungslos vermittelt dieses Drama auch, dass diese Generation noch dazu einen sehr hohen Preis für diesen beschwerlichen Weg gezahlt hat, auf dem das Familienleben oft genug auf der Strecke geblieben ist.

Minari Drama FamilieMinari – Wo wir Wurzeln schlagen

(Original: Minari)
USA 2020
REGIE & DREHBUCH: Lee Isaac Chung
KAMERA: Lachlan Milne
BESETZUNG: Steven Yeun, Ye-Ri Han, Alan Kim, Noel Kate Cho, Yuh-Jung Youn, Scott Haze, Will Paton
115 Min. Kinostart Deutschland: 15. Juli 2021

culturshock-Wertung: 8/10

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