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Buchkritik: Das Handbuch für den Neustart der Welt

Neulich in der Cafeteria: Eine kleine Gesprächsgruppe unterhielt sich über Beautyblogs und die jungen Frauen, die auf Youtube ihre Kosmetikeinkäufe vorstellen und bewerten. Der Sinn solch einer Beschäftigung wurde von einem der Gesprächsteilnehmer stark angezweifelt. So stark, dass er folgendes von sich gab: „Wenn die Zombie-Apokalypse kommt, sind die jedenfalls zu nichts zu gebrauchen.“ Harte Worte – schließlich stellt sich die Frage, wer von uns überhaupt nach der berühmte Zombie-Apokalypse oder einem anders gearteten Weltuntergangsszenario zu gebrauchen wäre und welche Fähigkeiten ihn oder sie qualifizieren würden. Mit solchen Gedankenspielen hat sich in den letzten Jahren schon der ein oder andere Survival-Ratgeber (ja, auch für die Zombie-Apokalypse) auseinandergesetzt. Doch der britische Astrobiologe Lewis Dartnell bringt die diskutierten Szenarien auf eine deutlich nachhaltigere Ebene, indem er fragt: Wie könnten wir das menschliche Leben nach einem Untergangsszenario aufrecht erhalten und daran arbeiten, zu dem technologisch weit fortgeschrittenen Entwicklungsstand unserer jetzigen Gesellschaft zurückzukehren? Sein Handbuch für den Neustart der Welt ist ein gelungener Erklärungsansatz und liefert dabei gleich in mehrfacher Hinsicht lehrreiche Erkenntnisse zu den Funktionsweisen unserer hochtechnologisierten Welt.

Wie funktioniert eigentlich mein Toaster?

Als einen „Leitfaden für Überlebende“ bezeichnet Dartnell sein Buch, macht aber zugleich klar, dass es ihm nicht um das Überleben unmittelbar nach der wie auch immer bedingten Apokalypse geht, sondern um nachhaltige Möglichkeiten zum Wiederaufbau auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch. Dieser zweckorientierte Ansatz geht dabei aber Hand in Hand mit einer Erkenntnis, die nicht nur die eingangs erwähnten Beautybloggerinnen betrifft: Die meisten von uns haben wenig Ahnung, wie die hochkomplexen Technologien, die uns täglich Nahrung, Energie, Arzneimittel, Kleidung und weitere Existenzgrundlagen liefern, eigentlich funktionieren. Als überzeugendes Beispiel für die Tiefe dieser Ahnungslosigkeit führt er Thomas Thwaites‘ Kunstprojekt aus dem Jahr 2008 an: Der Designer Thwaites zerlegte einen handelsüblichen Toaster in seine 400 (!) Bestandteile und machte es sich zum Ziel, einen neuen Toaster mit selbst beschaffenen Rohstoffen und eigens hergestellten Bauteilen anzufertigen. Nach etlichen, mühevollen Arbeitsstunden entstand folgendes Gerät:

Die Primitivität von Thwaites‘ eigens hergestelltem Toaster und Dartnells Ausführung zu diesem Projekt verdeutlichen unser Problem: Die große Distanz zwischen den Technologien, die uns viel Zeit Kraft und Mühe ersparen und unseren eigenen individuellen Fähigkeiten. Neben dem eher augenzwinkernden Anspruch, mit seinem Handbuch einen Teil zum dauerhaften Überleben der Menschheit beizutragen, geht es Dartnell wohl ernsthafter um die Verringerung dieser Distanz, die er durch seine interessanten Ausführungen zum technologischen Fortschritt der letzten Jahrhunderte zu erreichen versucht.

Untergang, kritische Masse und unmittelbares Überleben

Nachdem Dartnell darlegt, welche Untergangsszenarien denkbar wären (Atomkrieg, Sonneneruption, Pandemie) und welche kritische Masse an Überlebenden nach dem totalen Zusammenbruch für eine Wiederbesiedlung und den erfolgreichen Wiederaufbau nötig wäre (10.000 Menschen), beginnt der praktische Teil des Handbuchs. Zunächst geht Dartnell auf die ‚Gnadenfrist‘ ein, die uns in den ersten Jahren nach der Katastrophe bliebe, um verbliebene Vorräte an Nahrungsmitteln, Baustoffen, Treibstoffen, Medikamenten und anderen wichtigen Materialien anzuhäufen und das weitere Überleben zu sichern. Kurz – vielleicht etwas zu kurz – kommt er dabei auf die zu erwartenden neuen Herrschaftsstrukturen zu sprechen, die in dieser Gnadenfrist entstehen könnten: Wer den Großteil der verbliebenen Lebensmittel besitzt und die Verteilung dieser kontrolliert, erlangt Macht und Reichtum. Und Waffen werden wohl auch eine Rolle spielen, schließlich erstarkt seit einiger Zeit erneut das Phänomen der sogenannten ‚Preppers‘, also Individuen und Gruppen, die sich aktiv auf das Überleben nach einer Katastrophe vorbereiten und mitunter auch bewaffnen.

Beginnen wir von vorn

Dartnell geht in seinem postapokalyptischen Szenario dennoch weiterhin vom Überleben einer genügend großen Gruppe aus, die nach Ablauf dieser Gnadenfrist, bereit ist, mit der Wiedererlangung überlebenswichtiger Kenntnisse und Fähigkeiten in den Bereichen Landwirtschaft, Medizin, Energiegewinnung, Herstellung von Kleidung und Baumaterialien zu beginnen. All diese Bereiche handelt er kapitelweise ab, geht jeweils auf die Entwicklungshistorie und die nötigen Schritte zur Rückerlangung der jeweils benötigten Fähigkeiten ein. Dabei fängt er angesichts der bereits festgestellten weitreichenden Ahnungslosigkeit der heutigen Bürger der westlichen Zivilisation gnädigerweise ganz von vorn an: So befasst sich das Kapitel zur Landwirtschaft zunächst mit der Frage „Was ist Boden?“, bevor es sich mit den Möglichkeiten des Ackerbaus, den ertragreichsten Nutzpflanzen, den einfachen und komplexeren landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen auseinandersetzt. Dartnell liefert historische und gegenwärtige Beispiele, um seine sehr speziell werdenden und nicht immer einprägsamen Handlungsanweisungen zu untermauern.

Entwicklungsmarathons, -sprünge und -rückschläge

Letzten Endes sind es diese Exkurse zu realen Beispielen, die das Leserinteresse konstant halten: Über sie erfahren wir, wie weit und beschwerlich der Weg bis zum heutigen Entwicklungsstand in all unseren zivilisationserhaltenden Bereichen war – wobei China interessanterweise bereits im 14. Jahrhundert einen technologischen Entwicklungsstand erreichte, von dem Europa noch drei Jahrhunderte entfernt war, den es dann aber durch die industrielle Revolution stark beschleunigte. Faszinierend sind zudem Dartnells im ganzen Handbuch verstreute Ausführungen zu Entwicklungssprüngen, -rückschlägen und kuriosen Umdrehungen:

So überspringen gegenwärtig Entwicklungsländer in Asien und Afrika aus praktischen Erwägungen bei der Energiegewinnung die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen und widmen sich gleich der Solarenergietechnik. Solche Abkürzungen hält Dartnell auch für das Überleben der postapokalyptischen Gesellschaft für unabdingbar, der er als Ziel empfiehlt mit Hilfe einer „optimalen mittleren Technologie“ (also einfacher primitiver Materialien und Techniken) auf ein Niveau zu springen, das eine jahrhundertelange schrittweise Entwicklung erspart. In seinem Kapitel zum Thema Transport, zieht Dartnell Kuba als Beispiel für eine Rückentwicklung und einen gelungenen Notfall-Neustart heran: So mussten die Kubaner nach dem Ende der Sowjetunion mit dem Zusammenbruch ihres Verkehrswesen zurechtkommen und für die Bewirtschaftung ihrer Felder in erheblichem Umfang auf Tierkraft zurückgreifen, was ihnen innerhalb eines Jahrzehnts durch die Vermehrung ihres Viehbestands auch gelang. Ein weiterer interessanter historischer Fakt ist auch die einstige Verbreitung des Elektroautos zu Anfang des 20. Jahrhunderts, galt ihre Mechanik doch als einfacher und zuverlässiger als die der dampf- und kraftstoffbetriebenen Alternativen. So waren 1918 ungefähr 20 Prozent der motorgetriebenen Taxis in Berlin Elektroautos.

Wissen ist Überleben

Lewis Dartnell ist mit seinem Handbuch eine anregende Lektüre gelungen, die nicht nur dem in der Einleitung formulierten Anspruch gerecht wird, eine „Blaupause für eine Zivilisation, die sich rebootet“ zu sein, sondern auch immer wieder auf die generelle Bedeutung der Weitergabe und Speicherung von kollektivem Wissen verweist. Dieses kann nach einer möglichen Katastrophe nämlich schneller verloren gehen, als wir meinen. Dartnells Handbuch in so einem Fall bei sich zu haben, ist gut. Noch besser ist es allerdings, wenn wir es jetzt, wo noch alles intakt ist, als Anlass nehmen, unseren Wissenshunger zu reaktivieren und uns zu fragen, wie unsere Zivilisation eigentlich funktioniert, statt sie als so selbstverständlich hinzunehmen. Dafür ist dieses Buch ein guter Anfang und für jedermann geeignet – für die gescholtenen Beauty-Bloggerinnen und ihre Kritiker gleichermaßen.

Lewis Dartnell:
Das Handbuch für den Neustart der Welt
Alles, was man wissen muss, wenn nichts mehr geht
Übersetzt aus dem Englischen von Thorsten Schmidt
Hanser Berlin, Berlin 2014
368 S., 24,90 Euro
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