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BERLINALE 2021 – Tag#2

Die Tina Turner-Doku Tina, The Scary of Sixty-First und einige Serien bestimmten meinen zweiten Berlinale-Tag.

Puuh, schwierig mit dem Schreiben hinterherzukommen, wenn es so viel zu schauen gibt. Es ist etwas trügerisch zu denken, dass man ja mehr schafft als im gewöhnlichen Festivalalltag, wo doch nun alles bequem per Klick verfügbar ist. Anders als beim Festival vor Ort sind die Titel des Tages aber auch nur 24 Stunden verfügbar und man kann keine Sichtung später in der Woche nachholen. Dadurch kam ich mal kurz in Versuchung, die Wiedergabegeschwindigkeit der Filme und Serien zu erhöhen, wie es beim Online-Screening tatsächlich möglich ist, aber das überfordert mich dann doch zu sehr. Am zweiten Festivaltag habe ich mich also in regulärer Wiedergabegeschwindigkeit mit der Doku „Tina“ über die großartige Tina Turner beschäftigt und einigen Serien, von denen es immer eine kleine Episodenauswahl für den ersten Eindruck zu schauen gab. Kurz vorm Schlafengehen dann noch The Scary of Sixty-First, was ich nicht bereut habe.

SPECIAL: Tina

Wenn man Tina Turners Karriere über Jahrzehnte mitverfolgt hat, das Biopic What’s Love Got To Do With It“ mit der großartigen Angela Bassett kennt und einige ihrer offenherzigen Interviews gelesen hat, könnte man glauben, dass eine Doku wie Tina eigentlich nichts Neues mehr vermitteln kann. Und doch schafft das Regie-Duo Daniel Lindsay und T.J. Martin ebendies, indem es den Blick auf die extremen Kontraste in Tina Turners Leben und Karriere richtet. Ein Film, der viel Wert auf feinfühlige Übergänge von Turners elektrisierender Bühnenpräsenz zur privaten Düsternis ihrer Vergangenheit legt. Meine ausführliche Review findet ihr auf musikexpress.de.

Tina

USA 2020
REGIE: Daniel Lindsay, T.J. Martin
MIT: Tina Turner, Angela Bassett, Carl Arrington, Jimmy Thomas, Katori Hall, Kurt Loder, Le’Jeune Fletcher, Oprah Winfrey, Rhonda Graam, Roger Davies, Erwin Bach, Ann Behringer, Terry Britten
118 Min.
BERLINALE 2021 – Special

culturshock-Wertung: 8/10

SERIES: Entre Hombres, It’s a Sin, Philly D.A.

Erst letztes Jahr habe ich es zum ersten Mal geschafft, auch mal ein paar Serien auf der Berlinale zu schauen – zuvor hatten Filme auf dem Festival für mich immer Vorrang und es war auch nicht so einfach, die Seriensichtungen im Zoo-Palast noch im Sichtungsplan unterzukriegen. Aber ich muss sagen, dass es sich in den meisten Fällen dennoch lohnt: Natürlich werden wir durch die Streamingdienste nonstop mit neuen Serieninhalten versorgt, aber auch da entgeht mir immer wieder potentiell Interessantes und manche kleineren, internationalen Produktionen werden tatsächlich erst Jahre später von Streaminganbietern aufgegriffen. Die Serien wirklich hinreichend beurteilen zu können, fällt aber immer noch schwer, wenn nur ein kleiner Teil der Episoden zur Verfügung steht. Daher hier vorerst nur erste Eindrücke:

Entre Hombres

Mit der vierteiligen, für HBO Latin America produzierten Mini-Serie Entre Hombres verschlägt es uns ins Buenos Aires von 1996. Die erste Episode eröffnet mit einer nicht zimperlich inszenierten Orgie zwischen ein paar ranghohen Politikern und einem Sexarbeiterinnen-Trio. Als eine von ihnen wegen einer Koks-Überdosis zusammenbricht, fordern die Freier sie schnellstmöglich davonzuschaffen – ohne zu wissen, dass es eine Videoaufnahme von dieser verhängnisvollen Nacht gibt. Bald schon werden in diese Vertuschungsaktion immer mehr Kriminelle hineingezogen, zu denen sich auch zwei höchstkorrupte Polizeibeamte gesellen. Die ersten zwei Episoden hatten es, was Gewalt, Dreck und schwarzen Humor betrifft, schon sehr in sich. Zugleich versteht es Regisseur Pablo Fendrik in seiner auf dem Roman von Germán Maggiori beruhenden Serie das Bild einer herz- und häufig verstandlosen Unterwelt zu malen, fernab von jeglicher Romantisierung. Wer also mit einer Serie ohne Sympathiefigur leben kann (ich hab in den ersten zwei Episoden jedenfalls keine gefunden) und viel Liebe für schwarzen Humor mitbringt, sollte reinschauen.

It’s a Sin

Weitaus zugänglicher präsentiert sich da schon die UK-Serie It’s a Sin, die von Russell T. Davies (Queer as Folk, Years and Years) kreiert wurde. Sie zeigt uns eine junge schwule Clique in den 1980ern, deren Mitglieder es aus ihren spießigen, intoleranten Provinzen in die Metropole verschlagen hat: Ritchie, Colin und Roscoe, die mit ihrer Freundin Jill und jedermanns Schwarm Ash bald eine WG gründen. Die Sorglosigkeit und Zukunftsträume der Freunde werden aber nicht nur von der Homophobie ihrer Familien überschattet, sondern zunehmend auch von einem mysteriösen, rasant um sich greifenden Virus. Die ersten zwei Episoden zeigen in einer gelungenen Mischung aus Leichtfüßigkeit und bedrückendem Realismus eindrücklich, wie sich eine Tragik von historischer Reichweite in das Leben dieser sympathischen Clique schleicht. Ich war sehr angetan und warte dringend auf eine Verfügbarkeit der gesamten Serie.

Philly D.A.

Weltweit hat kein anderes Land so viele Gefängnisinsassen wie die USA. Den Grund dafür sehe viele Kritiker in der Privatisierung von Haftanstalten und davon bedingten härteren Gerichtsurteilen, auch bei kleineren Straftaten. Die achtteilige Doku-Serie Philly D.A. widmet sich diesem Thema, indem es eine besonders von hoher Gefängnispopulation betroffene Stadt fokussiert: Philadelphia im Bundesstaat Pennsylvania. Dem dort seit jeher mit harter Hand geführten Justizsystem steht eine Veränderung sondergleichen ins Haus, als Larry Krasner zum neuen Bezirksstaatsanwalt gewählt wird. Krasner will die Gefängnispopulation etwa durch mildere Strafen und den Verzicht auf Strafverfolgung bei Prostitutierten und Wohnungslosen verringern, zudem das Kautionssystem einschränken und den rassistischen Aspekt des Justizsystems angehen. Die ersten zwei hochinteressanten Episoden von Philly D.A. dokumentieren den Versuch eines tiefen Kulturwandels im Justizamt von Philadelphia, zeigen erschreckende Kapitel in Philadelphias Rechtsgeschichte, lassen aber auch Gegner von Krasners Progressivität zu Wort kommen. Ein bis hierhin wirklich ausgewogener Einblick in ein von vielerlei problematischen Strukturen geprägtes Justizsystem.

ENCOUNTERS: The Scary of Sixty-First

Seit zwei Jahren setzen sich die beiden New Yorkerinnen Dasha Nekrasova und Anna Khachiyan
in ihrem Podcast Red Scare kritisch und fernab von Mainstream-Meinungsmache mit gegenwärtiger Kultur und Politik auseinander. Es ist ein Podcast, dessen Beherztheit ich sehr schätze und umso gespannter war ich auf das Filmprojekt von Nekrasova, das auf der Berlinale gestern Weltpremiere feierte.

In The Scary of Sixty-First begegnen uns die beiden jungen New Yorkerinnen Addie (Betsey Brown) und Noelle (Madeline Quinn), für die sich ein äußerst unrealistischer Traum zu Beginn zu erfüllen scheint: Ein möbliertes Apartment in Manhattans stinkreicher Upper East Side, das sie sich tatsächlich leisten können! Das seltsame Gebaren des schmierigen Maklers, das leicht angeschmuddelte Interieur und der Geheimzugang zur Wohnung sollten ihnen zu denken geben – aber zum angebotenen Preis werden Bedenken hinweggewischt. Doch schon in der ersten Nacht machen sie weitere unheimliche Entdeckungen und werden von Ungemach heimgesucht, dessen Herkunft bald auf der Hand zu liegen scheint. Eine fremde, schon ein paar Mal um die Wohnung geschlichene Frau (Dasha Nekrasova) erzählt ihnen, dass dieses Apartment dem wegen Missbrauch Minderjähriger und Menschenhandel angeklagten Geschäftsmann Jeffrey Epstein gehört habe, der kürzlich im Gefängnis ums Leben gekommen ist.

Man kann diesen Plot im Hinblick auf das Leiden der realen Opfer von Jeffrey Epstein für geschmacklos halten und auf die Schädlichkeit von Verschwörungstheorien verweisen (wobei keiner ernsthaft an den Suizid von Jeffrey Epstein glauben kann). Aber The Scary of Sixty-First geht es nicht um eine Auflösung oder weitere Spekulationen zum Fall, sondern um eine entschlossene Abrechnung mit der Person Epstein und seinen über Jahrzehnte kaum geahndeten Gräueltaten. Dafür bedient sich Nekrasova bei Horrorgenres der 1970er, ein wenig Giallo, ein Soundtrack, der an die Kompositionen von John Carpenter erinnert, viele dramatische Zoom-Ins und eine retroeske Grobkörnigkeit vermengen sich mit einem trockenen Dialogwitz und krudem Einfallsreichtum. The Scary of Sixty-First ist damit eine launige, dreiste Horrorkomödie geworden, hinter der sich eine berechtigte Wut und Empörung verbirgt. Sehr schräg und sehenswert.

The Scary of Sixty-First

USA 2020
REGIE: Dasha Nekrasova
DREHBUCH: Dasha Nekrasova, Madeline Quinn
KAMERA: Hunter Zimny
BESETZUNG: Betsey Brown, Madeline Quinn, Dasha Nekrasova, Mark Rapaport
81 Min. Kinostart Deutschland: unbekannt
BERLINALE 2021 – Encounters

culturshock-Wertung: 7/10

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