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Die Schmerzfreie

20. Jan 17: Mehr (Künstler)Leben lässt sich wohl kaum zwischen zwei Buchdeckel pressen: Marina Abramovićs beeindruckende Memoiren Durch Mauern gehen | Dobrila Kontić

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70 Jahre alt ist die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović Ende letzten Jahres geworden – auf dem Cover ihrer Autobiografie Durch Mauern gehen sieht man ihr das natürlich nicht an. Nahezu faltenfrei und mit zurückgebundenem schwarzen Haar blickt sie uns da starr in die Augen, was unvermeidbar an ihren popkulturellen Durchbruch im Jahre 2010 erinnert: Mit der Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, ihrer dort dargebotenen Performance und dem gleichnamigen Dokumentarfilm The Artist Is Present erreichte Abramović eine weit über die Kunstwelt hinausgehende Aufmerksamkeit, positiv wie negativ. Drei Monate lang, hatte sie dafür täglich acht Stunden auf einem Stuhl im Ausstellungsraum ausgeharrt und jedem Museumsgänger, der sich ihr gegenüber platzierte, so lang er wollte, in die Augen geblickt. Als sinnfreien Anstarrwettbewerb sahen das die einen, als energetischen Austausch und würdige Vollendung ihres jahrzehntelangen Schaffens die anderen. Humorvoll und mit entwaffnender Offenheit blickt Abramović an den gespaltenen Meinungen vorbei auf ein Künstlerleben zurück, das der Überwindung von Hindernissen und dem Einswerden mit ihrer Arbeit gewidmet war.

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Nüchtern durch L.A.

10. Jan 17: Jan Brandts Reportage-Band Stadt ohne Engel | Dobrila Kontić

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Eine Villa in den Hügeln der Pacific Palisades im Westen von Los Angeles mit Blick auf die Bucht von Santa Monica, einer 22.000 Bücher umfassenden Bibliothek, 14 Zimmern und 6 Badezimmern: Paradiesische Zustände für den deutschen Journalisten und Schriftsteller Jan Brandt (Gegen die Welt, Tod in Turin), der 2014 hier ein dreimonatiges Aufenthaltsstipendium antrat. Nach drei gescheiterten Bewerbungen hatte Brandt es endlich geschafft, das Auswahlkomitee zu überzeugen, indem er seinen geplanten Auswanderer-Roman nach Los Angeles verlagerte und die familiäre Neigung zum Amerikanischen Traum hervorhob (offenbar wandert seit 1865 pro Brandt’scher Generation ein Mitglied in die Staaten aus). Und dann die unerwartete Schreibblockade kurz nach der Ankunft: „Welche Menschen wohnen hier? Was sind ihre Geschichten? Wie reden sie? Wie leben sie? Mir fällt nichts ein. Das Paradies kann auch die Hölle sein.“ Also machte er sich auf, diese Stadt mit einem Leihwagen zu erkunden und mit interessant anmutenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Knapp zwei Jahre später liegt mit Stadt ohne Engel nicht der versprochene Auswanderer-Roman, sondern ein Reportage-Band vor, der „Wahre Geschichten aus Los Angeles“ verspricht.

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Die schüchterne Rampensau

24. Nov 16: Lesley-Ann Jones‘ berauschende Biografie zu Queen-Frontmann Freddie Mercury | Dobrila Kontić

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Über all die Musiker-Tode, die wir in diesem Jahr zu verkraften hatten – David Bowie, Prince, Leonard Cohen, um nur einige zu nennen – könnte man fast vergessen, dass wir heute den 25. Todestag einer Legende schreiben: Freddie Mercury. Sänger der Rock-Band Queen und für viele der größte Frontmann aller Zeiten. Im Alter von 45 Jahren erlag er am 24. November 1991 den Folgen seiner Aids-Erkrankung. Warum er bis heute unvergessen ist und was ihn als Musiker und Person ausmachte, erkundet die ehemalige Musikjournalistin Lesley-Ann Jones in einer wuchtigen, äußerst aufschlussreichen Biografie, die erstmals auf Deutsch vorliegt.

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Popkulturelle Bildung to go

24. Oct 16: Lese-Test: Die 100 Seiten-Reihe von Reclam verspricht einen schnellen Einstieg in Themen wie Twin Peaks, David Bowie und Superhelden | Dobrila Kontić

Mit der Allgemeinbildung im digitalen Zeitalter ist es so eine Sache: Unendlich viele Informationen stehen uns zur Verfügung, wir können uns in wenigen Sekunden dringend benötigte Informationen ergooglen (oder ‚bingen‘) und haben sogar Zugriff auf Daten zu komplexeren Themen. Doch sind wir dadurch wirklich gebildeter, gar klüger geworden? Dies zu erörtern, würde hier zu lange dauern – womit wir zum Kern des Problems vorstoßen: Der unendlichen Informationsfülle des Internet steht der starke Informationsdruck dieser Zeit entgegen. Dieser treibt uns dazu, die schnell beschaffte und ebenso schnell wieder vergessene Neuigkeit der gründlichen, beständigen Informiertheit vorzuziehen. Der Sachbuchmarkt hat dieses scheinbare Dilemma der schwindenden Zeit für tiefere Bildung schon vor Jahren erkannt. Damit wir beim Party-Small Talk nicht allzu doof dastehen, wurden uns aberwitzig betitelte Werke wie Dietrich Schwanitz‘ Bildung. Alles, was man wissen muss oder Bill Brysons Eine kurze Geschichte von fast allem gereicht. Für demütigere und sich eher monothematisch orientierende Leser gibt es die Für Dummies-Reihe, die sich seit 1999 einfach allem, vom 3D-Druck bis zu den Tempelrittern, widmet – und zwar möglichst unkompliziert und ohne vorausgesetztes Vorwissen. Nun dringt auch der Traditionsverlag Reclam in eine ähnliche Richtung vor und liefert uns die 100 Seiten-Reihe zu politischen, wissenschaftlichen und (pop)kulturellen Themen.

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Fakt, Fiktion, Fake…

21. Sep 16: …und an den Leser denken! All das verhandelt Delphine de Vigan in ihrem sehr lesenswerten Roman Nach einer wahren Geschichte | Dobrila Kontić

Am Ende siegt er doch, der Drang zum Voyeurismus. Kaum hat man den neuen Roman Nach einer wahren Geschichte der französischen Autorin Delphine de Vigan durchgelesen, muss man es wissen: Wie sehr gleicht die hier präsentierte Erzählerin namens Delphine der ‚echten‘ Autorin Delphine de Vigan? Welche der Erfahrungen der Roman-Delphine entspricht denen der realen Delphine? Und gibt oder gab es sie wirklich, diese falsche Freundin L.? Man wird recherchieren und Parallelen finden zwischen der Geschichte der erzählenden Protagonistin und den bekannten biographischen Details zur Autorin. Aber klare Antworten wird man nicht finden. Und dies ist keineswegs enttäuschend, sondern ein weiterer Beweis für die hohe Qualität dieses Romans, der mit großer erzählerischer Spannung die Obsession unserer Zeit mit faktentreuer Fiktion darlegt und schließlich auf den Kopf stellt.

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Eine Familie. Ein Land. Eine Tragödie

15. Apr 15: In ihrer bewegenden Graphic Novel Vaterland arbeitet Comic-Künstlerin Nina Bunjevac die Geschichte ihrer Familie und Jugoslawiens auf | Dobrila Kontić

Als ihr Vater Peter 1977 bei einer Explosion im Rahmen seiner terroristischen Aktivitäten im kanadischen Ort Welland ums Leben kommt, ist Nina Bunjevac gerade mal drei Jahre alt. Es sollen über drei Jahrzehnte vergehen, ehe Bunjevac Licht ins Dunkel der Lebensgeschichte ihrer Vaters bringen und sich ein eigenes Bild von ihm machen kann. Was sie in mühsamen Recherchen herausgefunden hat, hat die Comic-Künstlerin in ihrer sehr persönlichen Graphic Novel Vaterland niedergezeichnet und -geschrieben. Damit ist ein bewegender Familienroman in markantem Artwork entstanden, der die Leser von Kanada nach Jugoslawien führt und ihnen die komplexe Geschichte dieses Landes in eindrucksvollen Sequenzen vermittelt.

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