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Leben, notieren, leben

12. Nov 17: 25 Lebensjahre auf 600 Seiten: David Sedaris' Tagebuchaufzeichnungen Wer’s findet, dem gehört’s | Dobrila Kontić

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Eine tiefe Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen, eine über Jahrzehnte andauernde Analyse sozialer Missstände, eine stolze Niederschrift eigener Lebensleistungen – dies alles ist in Wer’s findet, dem gehört’s, den Tagebuchauszügen des amerikanischen Autors David Sedaris, nicht zu finden. Es würde auch nicht so recht zusammenpassen mit den autobiographischen Kurzgeschichten, durch die Sedaris in den letzten Jahrzehnten in den USA berühmt und auch hierzulande einigermaßen bekannt geworden ist. Sie sind geprägt von einem selbstironischen, entlarvenden Blick auf die Absurditäten des menschlichen Alltags und Daseins. Wer’s findet, dem gehört’s offenbart, wie sich dieser unverwechselbare Blick durch trostlose, wirre und schließlich produktive Zeiten in Sedaris‘ Leben entwickelt hat.

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Der ewige Prince of Darkness

29. Oct 17: Reinhard Kleists Comic-Biografie Nick Cave. Mercy On Me | Dobrila Kontić

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Das längliche Gesicht, die rabenschwarze Haartolle, der ernste durchdringende Blick – es ist unverkennbar Nick Cave, der hier in hartem, aber feinem Strich von Reinhard Kleist in unterschiedlichen Lebensphasen eingefangen wurde. In der Comic-Biografie Nick Cave. Mercy On Me sehen wir ihn die Stirn runzeln, seine Umgebung mit verächtlichen Blicken strafen, beinahe dem Wahnsinn verfallen, grübeln, aber niemals lachen. Kleists Bild von Cave und dieser Comic-Band als ganzer schöpfen aus der Düsternis, für die der gelegentlich Prince of Darkness genannte Musiker, allgemein bekannt ist. Fans wissen um einige der dunklen Momente in Caves Leben, den frühen Verlust des Vaters, den jahrelangen Drogenmissbrauch und zuletzt den tragischen Verlust seines Sohns. Die familiären Schicksale spart Kleist aus und widmet sich bewusst der Künstlerwerdung und den lyrischen Schöpfungen Caves. Damit vermag er es fast zum Kern seines Schaffens vorzudringen.

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Die Schmerzfreie

20. Jan 17: Mehr (Künstler)Leben lässt sich wohl kaum zwischen zwei Buchdeckel pressen: Marina Abramovićs beeindruckende Memoiren Durch Mauern gehen | Dobrila Kontić

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70 Jahre alt ist die serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović Ende letzten Jahres geworden – auf dem Cover ihrer Autobiografie Durch Mauern gehen sieht man ihr das natürlich nicht an. Nahezu faltenfrei und mit zurückgebundenem schwarzen Haar blickt sie uns da starr in die Augen, was unvermeidbar an ihren popkulturellen Durchbruch im Jahre 2010 erinnert: Mit der Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, ihrer dort dargebotenen Performance und dem gleichnamigen Dokumentarfilm The Artist Is Present erreichte Abramović eine weit über die Kunstwelt hinausgehende Aufmerksamkeit, positiv wie negativ. Drei Monate lang, hatte sie dafür täglich acht Stunden auf einem Stuhl im Ausstellungsraum ausgeharrt und jedem Museumsgänger, der sich ihr gegenüber platzierte, so lang er wollte, in die Augen geblickt. Als sinnfreien Anstarrwettbewerb sahen das die einen, als energetischen Austausch und würdige Vollendung ihres jahrzehntelangen Schaffens die anderen. Humorvoll und mit entwaffnender Offenheit blickt Abramović an den gespaltenen Meinungen vorbei auf ein Künstlerleben zurück, das der Überwindung von Hindernissen und dem Einswerden mit ihrer Arbeit gewidmet war.

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Nüchtern durch L.A.

10. Jan 17: Jan Brandts Reportage-Band Stadt ohne Engel | Dobrila Kontić

Eine Villa in den Hügeln der Pacific Palisades im Westen von Los Angeles mit Blick auf die Bucht von Santa Monica, einer 22.000 Bücher umfassenden Bibliothek, 14 Zimmern und 6 Badezimmern: Paradiesische Zustände für den deutschen Journalisten und Schriftsteller Jan Brandt (Gegen die Welt, Tod in Turin), der 2014 hier ein dreimonatiges Aufenthaltsstipendium antrat. Nach drei gescheiterten Bewerbungen hatte Brandt es endlich geschafft, das Auswahlkomitee zu überzeugen, indem er seinen geplanten Auswanderer-Roman nach Los Angeles verlagerte und die familiäre Neigung zum Amerikanischen Traum hervorhob (offenbar wandert seit 1865 pro Brandt’scher Generation ein Mitglied in die Staaten aus). Und dann die unerwartete Schreibblockade kurz nach der Ankunft: „Welche Menschen wohnen hier? Was sind ihre Geschichten? Wie reden sie? Wie leben sie? Mir fällt nichts ein. Das Paradies kann auch die Hölle sein.“ Also machte er sich auf, diese Stadt mit einem Leihwagen zu erkunden und mit interessant anmutenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Knapp zwei Jahre später liegt mit Stadt ohne Engel nicht der versprochene Auswanderer-Roman, sondern ein Reportage-Band vor, der „Wahre Geschichten aus Los Angeles“ verspricht.

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Die schüchterne Rampensau

24. Nov 16: Lesley-Ann Jones‘ berauschende Biografie zu Queen-Frontmann Freddie Mercury | Dobrila Kontić

Über all die Musiker-Tode, die wir in diesem Jahr zu verkraften hatten – David Bowie, Prince, Leonard Cohen, um nur einige zu nennen – könnte man fast vergessen, dass wir heute den 25. Todestag einer Legende schreiben: Freddie Mercury. Sänger der Rock-Band Queen und für viele der größte Frontmann aller Zeiten. Im Alter von 45 Jahren erlag er am 24. November 1991 den Folgen seiner Aids-Erkrankung. Warum er bis heute unvergessen ist und was ihn als Musiker und Person ausmachte, erkundet die ehemalige Musikjournalistin Lesley-Ann Jones in einer wuchtigen, äußerst aufschlussreichen Biografie, die erstmals auf Deutsch vorliegt.

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Popkulturelle Bildung to go

24. Oct 16: Lese-Test: Die 100 Seiten-Reihe von Reclam verspricht einen schnellen Einstieg in Themen wie Twin Peaks, David Bowie und Superhelden | Dobrila Kontić

Mit der Allgemeinbildung im digitalen Zeitalter ist es so eine Sache: Unendlich viele Informationen stehen uns zur Verfügung, wir können uns in wenigen Sekunden dringend benötigte Informationen ergooglen (oder ‚bingen‘) und haben sogar Zugriff auf Daten zu komplexeren Themen. Doch sind wir dadurch wirklich gebildeter, gar klüger geworden? Dies zu erörtern, würde hier zu lange dauern – womit wir zum Kern des Problems vorstoßen: Der unendlichen Informationsfülle des Internet steht der starke Informationsdruck dieser Zeit entgegen. Dieser treibt uns dazu, die schnell beschaffte und ebenso schnell wieder vergessene Neuigkeit der gründlichen, beständigen Informiertheit vorzuziehen. Der Sachbuchmarkt hat dieses scheinbare Dilemma der schwindenden Zeit für tiefere Bildung schon vor Jahren erkannt. Damit wir beim Party-Small Talk nicht allzu doof dastehen, wurden uns aberwitzig betitelte Werke wie Dietrich Schwanitz‘ Bildung. Alles, was man wissen muss oder Bill Brysons Eine kurze Geschichte von fast allem gereicht. Für demütigere und sich eher monothematisch orientierende Leser gibt es die Für Dummies-Reihe, die sich seit 1999 einfach allem, vom 3D-Druck bis zu den Tempelrittern, widmet – und zwar möglichst unkompliziert und ohne vorausgesetztes Vorwissen. Nun dringt auch der Traditionsverlag Reclam in eine ähnliche Richtung vor und liefert uns die 100 Seiten-Reihe zu politischen, wissenschaftlichen und (pop)kulturellen Themen.

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