Inhalt:

Den Atem im Nacken

30. Mar 11: Zoran Drvenkars erstaunlich unkonventioneller Thriller Du | Dobrila Kontić

Auch wenn er strikte Genre-Zuweisungen ablehnt: Mit Sorry machte sich Zoran Drvenkar 2009 einen Namen in der deutschen Krimi-Szene. Seit September letzten Jahres ist das Nachfolgewerk Du im Handel, ein über 500 Seiten langer Thriller, geschrieben in einer unkonventionellen Erzählform, voller interessanter Figuren, die dem Leser näher kommen, als ihm lieb sein kann. Du ist Spannung, die tief unter die Haut geht, nicht zuletzt wegen der Story, deren Ausgang bis zuletzt unvorhersehbar bleibt.

Und genau diese Unvorhersehbarkeit soll diese Kritik nicht zerstören, deswegen wird hier die Handlung im Gröbsten dargestellt: Eröffnet wird Du aus der Perspektive eines namenlosen Reisenden, der 1995 in einem nächtlichen Stau auf der Autobahn die Gelegenheit nutzt und 26 Menschen mit bloßen Händen ermordet. Im Laufe der Geschichte wird uns der Reisende noch fünf weitere Male begegnen, in denen er die ‚Gunst‘ der Stunde nutzt und Leichen hinterlässt. Doch Schlag auf Schlag geht es in Du zunächst weiter in Berlin mit Ragnar Desche, dem ‚Logisten‘, der mit Drogenschmuggel im großen Stil reich geworden ist. Im Moment sieht er sich mit einer unbegreiflichen Situation konfrontiert: Sein Bruder Oskar ist tot und die bei ihm gehorteten fünf Kilo reinsten Heroins im Wert von 2,5 Millionen Euro sind verschwunden. Die Spur führt zu Taja, der 16jährigen Tochter von Oskar, die verschwunden ist. Taja steckt also in großen Schwierigkeiten und baut auf die Hilfe ihrer vier getreuen Freundinnen Stinke, Rute, Nessi und Schnappi. Zusammen nennen sie sich die „süßen Schlampen“ und suchen ihren eigenen Weg, das Problem zu lösen: Sie begeben sich auf einen Roadtrip mit ungewissem Ziel. Doch ein kriminelles Großkaliber wie Ragnar Desche lässt sich nicht so einfach abschütteln…

Das sind die Eckdaten der Story, die uns der in Kroatien geborene und in Berlin aufgewachsene Schriftsteller Zoran Drvenkar in seinem aktuellen Werk präsentiert und doch ist das längst nicht alles: Fünfzehn Figuren kommen auf eine höchst unkonventionelle Art zu Wort, indem nämlich der Erzähler in der Du-Form von ihren Gedanken, ihrer Vergangenheit, ihren Geheimnissen und ihrer Ahnungslosigkeit in Bezug auf den weiteren Verlauf der Geschichte berichtet. Das mag nach einer anstrengend zu lesenden erzähltechnischen Konstruktion klingen, funktioniert aber nach kurzer Eingewöhnung wunderbar, vielleicht schon zu wunderbar. Denn die Abgründe der Figuren werden so auf eine sehr intensive Weise transportiert, die Du-Form komme „sehr nahe an den Leser heran, atmet ihm in den Nacken“, erklärte Drvenkar im Interview mit booksection. Und mit den Figuren sind es auch sehr bewegende Themen, die in den Kopf des Lesers dringen: Verkorkste Vater-Sohn-Beziehungen, das nicht abzuschüttelnde Fremde in uns, unbändiger Lebenshunger, das Wesen und die Grenzen wahrer Freundschaft. Das alles und noch viel mehr prasselt auf den Leser in Kapiteln ein, die jeweils einem anderen Charakter gewidmet sind und es dauert eine Weile, bis man die Story mit den durch diesen Perspektivwechsel entstehenden Zeitverschiebungen, Vor- und Rückblenden und Wiederholungen allmählich greifen kann. Und selbst dann bleibt der Ausgang ungewiss, denn schnell wird klar, dass nur ein Showdown sondergleichen die Erzählstränge schließlich zusammenführen kann. Womöglich ist das das einzige Manko von Du: Der Weg zum finalen Abschluss ist nämlich weit interessanter als dieser selbst. Aber lesenswert ist der Thriller in seiner Gesamtheit allemal!

Zoran Drvenkar:
Du
Ullstein Hardcover, Berlin 2010
576 S., 19,95 Euro

Kommentieren

Dein Kommentar wird nach der Freischaltung durch unser Team sofort auf dieser Seite erscheinen!

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Literatur:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: