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Schluss mit lustig – Jetzt kommt Ernst!

14. Sep 10: Wir sind Helden sind nach Babypause mit „Bring mich nach Hause“ wieder zurück | Martin Müller

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Als scheinbar aus dem Nichts 2003 dieser eine Song auftauchte, wusste niemand genau, wie ihm geschah. Mit „Guten Tag“ schafften Wir sind Helden, was anderen deutschsprachigen Bands zuvor verwehrt blieb: Die Reinkarnation der ‚Neuen Deutschen Welle‘. Es entbrannten Debatten um eine Quote deutscher Musik für das Radio und es sprießten junge Nachwuchsmusiker wie Pilze aus dem Boden, die nun endlich auch mal wieder auf Deutsch singen wollten. Ja, eine regelrechte Wir sind Helden-Euphorie erlebte das Land mit ihrem zweitem Album, von dem nun jeder „Denkmal“ oder „Nur ein Wort“ mitsingen konnte. Ein bisschen Gesellschaftskritik gepaart mit lässiger Neopunk-Links-Attitüde kam endlich mal wieder etwas Spritziges im Gewand deutscher Musik daher. Nun hat sich die Welt weiter gedreht, die vier Helden sind älter geworden und Judith Holofernes Mama, was sich nun auch in der Sicht der Dinge des neue Albums „Bring mich nach Hause“ wiederspiegelt. Reifer und ernsthafter mit wesentlich mehr ruhigen Momenten treten die Vier den zuvor eher provokanten spielerischen Songs nun entgegen.

Gleich im Opener zeigen die Helden, wie sich ihr Denken von Systemkritik zu essentielleren Gedanken gewandelt hat – „Alles“ sagt schon alles: Vergiss deine Zweifel und hör auf dich selbst zu beschneiden, denn alles ist dir erlaubt und vergeben. Gereifte Lyrik mit einem Hauch von Universellem in großer und gewaltig anmutender, hymnischer Instrumentierung um dann gleich in ein balkaninspiriertes Stück überzugehen. Ebenso philosophisch wie auch simpel bringt es „Was uns beiden gehört“ auf den Punkt: „Ein Kuss ist ein Kuss“. Sehnsüchtig und melancholisch, durchsetzt mit trauriger Klaviermelodie und träumerisch auf thronenden Bläsern singt Holofernes im Titellied „Bring mich nach Hause“ von dem Gefühl und Wunsch nach dem einen Menschen, wo ein Herz zu Hause ist. Dies sind Momente, in denen ein tiefer Seufzer angebracht ist und gleichzeitig ein Hoch auf die musikalisch dichtere und vielschichtigere Untermalung ausgebracht werden sollte. Etwas folkinspiriert erzählt uns „Die Ballade von Wolfgang und Brigitte“ eine Geschichte aus der Zeit der freien Liebe, die zwar augenscheinlich schmunzeln lässt, aber tiefe Traurigkeit birgt. Doch bei „23.55 – Alles auf Anfang“ kommen die altbekannten Helden nochmal durch, um dann mit „Die Träume anderer Leute“ nach einer eigenen Interpretation von „Schlaf Kindlein, schlaf“, locker leicht im vehement andröhnenden Bass dahin zu schmettern. Und dann das: Judith Holofernes allein am Klavier mit gebrochener Stimme. „Meine Freundin war Im Koma und alles, was sie mir mitgebracht hat, war dieses lausige T –Shirt“ ist erdrückend schwer, der Schmerz und innere Kampf mit der Realität so intensiv wie bewegend.

Die dreijährige Pause hat Wir sind Helden sichtlich gut getan. Neben ausgereifteren Texten haben sie auch musikalisch mehr Raum für akustische Instrumente gelassen. Thematisch stehen nun zwischenmenschliche Beziehungen, das Universelle im Selbstverständnis und auch die Grenzen dessen im Vordergrund. Und es steht ihnen gut, dieses neue Gewand. Auch die eigene Darstellung hat sich gewandelt, wie auf ihrem Cover zum Album. Ernst, fast schon streng blicken die Vier drein, aber selbstbewusster und weniger Schelm. Das Aufwärmen ist nun vorbei und die Parolen im Schrank verstaut. Es geht jetzt tiefer mit dem Blick von gereiften Helden, was sich auch musikalisch nicht mehr überhören lässt.

Website von Wir sind Helden

Das aktuelle Video zur Single "Alles"

Bring mich nach Hause von Wir sind Helden
Erschienen am 27. August 2010 bei COLUMBIA Deutschland

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