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Kälter als Schnee

31. Mar 11: Debra Graniks Sozialdrama Winter‘s Bone | Jana Brinckmann

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Die Glanzzeiten der Vereinigten Staaten von Amerika sind vorbei und der Ruf als Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist Geschichte. Ein Grund ist das schier riesige Territorium der USA, welches keine hundertprozentige Kontrolle über Land und Leute zulässt. So mag es kaum verwundern, dass besonders im inneren Kern kein Hollywood-Glamour, sondern extreme Armut herrscht, wie in weiten Teilen von Mississippi, Arkansas, Missouri oder West Virginia. Die Regisseurin und Drehbuchautorin Debra Granik präsentiert uns in ihrem Independentfilm Winter's Bone, der auf dem gleichnamigen Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Daniel Woodrell basiert (erschienen 2006), genau diese düstere Seite der sozialen Verhältnisse. Und das auf eine äußerst realistische, puristische Weise, die fernab jeglichen Kitsches, das Bild von der Made im Speck entzaubert und deshalb unglaublich verstörend wirkt.

In den Bergen von Missouri, einem im mittleren Westen der USA liegenden Bundesstaat, befindet sich mitten im Irgendwo eine heruntergekommene Barackensiedlung. Dessen Bewohner fristen ein Dasein weit unter dem Existenzminimum, was nicht nur zur Entwicklung einer Parallelgesellschaft geführt hat, in der sich die Leute größtenteils selbstverpflegen, genetisch eng miteinander verbandelt sind und nach eigenen Hierarchien leben, sondern auch für einen moralischen Verfall dank Perspektiv- sowie Hoffnungslosigkeit gesorgt hat. In unglaublich trostlosen Bildern, die die Schattenwelt des amerikanischen „Way of Life“ ungeschminkt darstellen, wird uns die verzweifelte Suche der 17-jährigen Ree (Jennifer Lawrence) nach ihrem Vater gezeigt, der die Familie mit einem Haufen Schulden und einem verpfändeten Haus im Stich ließ. Nun droht die Zwangsenteignung. Schafft sie es nicht ihren Vater Jessup fristgerecht zu finden, landet sie samt kranker Mutter und den zwei kleinen Geschwistern auf der Straße. Doch stellt sich dem Mädchen fast die gesamte, kriminell nicht unbescholtene ‚Dorfgemeinschaft‘ entgegen, die das dunkle Geheimnis um Jessups Verschwinden unbedingt hüten will. Zu ihrem Leidwesen muss Ree am eigenen Leibe erfahren, dass diese selbst vor blutigen Drohungen nicht zurückschreckt. Kann sie sich und ihre Familie unter solch denkbar schlechten Bedingungen wirklich noch retten?

Winter’s Bone ist eine völlig ohne Effekte auskommende, aufwühlende Reise in die vergessene Welt Nordamerikas, die sogar in einem real existierenden Slum gedreht wurde und teilweise dessen Bewohner im Film mit einbindet. Die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben ist oftmals bloß der Gang zum Militär, weshalb auch unsere preisgekrönte Hauptdarstellerin innerhalb ihrer Rolle jene Möglichkeit in Erwägung zieht. Gleichzeitig spürt der Zuschauer förmlich die übermächtigen Fesseln der Protagonisten, die sie nie ganz lösen können und somit in ihrer Tristesse gefangen halten. Das Sozialdrama ist leise, denn es ertönt keine eindringliche Musik, die zwanghaft versucht Gefühle zu pushen. Lediglich das Hauchen des eisigen Windes in der grauen, kalten Jahreszeit ist zu vernehmen. Die Dialoge sind ebenso frostig wie die Gesamtstimmung des Werkes und mittels der einfachen, slangartigen Wortwahl auch sehr authentisch. Ein zu recht mehrfach ausgezeichnetes Meisterwerk, das Gänsehaut sowie Bedrücktheit verursacht und ganz tief ins Mark geht!

 

Winter’s Bone
Ascot Elite Entertainment Group, USA 2010
Regie: Debra Granik. Drehbuch: Debra Granik & Anne Rosellini
Hauptdarsteller: Jennifer Lawrence, John Hawkes, Shelley Waggener
100 Min. Dt. Filmstart: 31. März 2011

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