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Drama without a cause

15. Oct 09: Rowan Woods’ Filmdrama Winged Creatures | Dobrila Kontic

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Berichte über Amokläufe im Ausland und hierzulande lösen immer wieder eine gewisse Ratlosigkeit und Erschütterung in der Gesellschaft aus. Psychologen und Politiker mischen in der Diskussion um Motive und Präventivmaßnahmen eifrig mit, vermögen aber kaum die Dimensionen solch unfassbarer Taten hinreichend zu erkunden und begreifbar zu machen. Filmische Auseinandersetzungen mit dem Phänomen des Amoklaufs schaffen dies vielleicht ebenso wenig, versuchen aber zumindest durch Perspektivwechsel differenzierte Muster fernab simpler Ursache- und Wirkungs-Schemata aufzuzeigen. Ein solcher Versuch ist auch der US-Film Winged Creatures, der sich auf die Überlebenden eines Amoklaufs konzentriert, aber leider an allzu simplen Schlussfolgerungen und der Distanz zu seinen Figuren scheitert.

In den ersten Minuten von Winged Creatures wird das scheinbar ganz normale Treiben in einem amerikanischen Diner an einem sonnigen Nachmittag skizziert. Nach und nach werden uns die Figuren, die im weiteren Verlauf des Films episodisch fokussiert werden sollen, kurz vorgestellt: Da wäre die Kellnerin Carla Davenport (eine blonde Kate Beckinsale), die sich übers Handy immer wieder nach dem Befinden ihres wenige Monate alten Babys informiert, Fahrlehrer Charlie Archenault (Oscar-Preisträger Forest Whitaker), der vor kurzem von seiner Krebserkrankung erfahren hat, das junge Mädchen Anne Hagen (Dakota Fanning), das mit ihren Eltern und ihrem High School-Freund Jimmy unterwegs ist und der Arzt Dr. Bruce Laraby (Guy Pearce), der beim Verlassen des Lokals völlig ahnungslos dem Täter die Tür aufhält. Der anschließende Amoklauf wird zunächst ausgeblendet zugunsten der weiteren Erfahrungen der Überlebenden des Amoklaufs. Episodenhaft werden uns nun die Konsequenzen des Amoklaufs für die unfreiwillig Involvierten demonstriert. Und diese gestalten sich natürlich unglaublich dramatisch aber zugleich kaum nachvollziehbar und unterhaltsam. So wird beispielsweise Anne Hagen zu einer nahezu fundamentalistischen Christin, die den gewaltsamen Tod ihres Vaters im Amoklauf zu einer aufopferungsvollen Heldentat stilisiert und der Öffentlichkeit verkündet. Carla Davenport hingegen vernachlässigt ihren zuvor noch liebevoll umsorgten Sohn und sucht Trost in lieblosen Affären. Dr. Bruce Laraby, der nach dem Amoklauf kaum einen der Verletzten im Krankenhaus retten konnte, kompensiert diese empfundene Machtlosigkeit, in dem er seiner Frau Medikamente ins Essen mischt, um anschließend ihre Schmerzen zu behandeln und sich von ihr gebraucht zu fühlen. All diese Reaktionen auf das Nahtod-Erlebnis in Form eines Amoklaufs schaffen es aber nicht, den Zuschauer mitfühlen zu lassen. Dies liegt zum einen daran, dass die Verhaltensänderungen der Figuren zu extrem ausfallen. Aber vielmehr ist es vor allem die nie überwundene Distanz zu den Porträtierten, die den Betrachter kalt lässt. So wird uns zu Beginn nur ein sehr oberflächlicher Einblick in das Leben der Beteiligten vor dem Amoklauf gewährt, der es kaum ermöglicht, sich mit ihnen zu identifizieren oder irgendeine Form der Sympathie zu empfinden. Am deutlichsten wird das an der Figur des Charlie Archenault: Der Krebspatient überlebt den Amoklauf nur mit viel Glück, interpretiert dieses Erlebnis als schicksalhafte Fügung und glaubt fortan an eine Glückssträhne, die sein Leben wieder in die richtige Bahn lenken wird. Es ereignet sich aber das Gegenteil: Der als Triumphzug geplante Ausflug ins Spielcasino wird zum Desaster. Solch eine emotionale Berg- und Talfahrt müsste den Zuschauer eigentlich mitreißen. Eigentlich. Denn Forest Whitaker spielt den ewigen Pechvogel auf eine sehr eindimensionale Weise und trägt eine kaum erträgliche Leidensmiene vor sich her, die eher Abscheu als Mitgefühl im Betrachter hervorruft.

Auf diese Weise verschenkt der Film viele Gelegenheiten, den Zuschauer zu berühren und die Tragik eines Amoklaufes mal aus einer anderen Perspektive darzustellen. Dies wird umso deutlicher, wenn man sich an andere Versuche einer filmischen Aufarbeitung von Amokläufen erinnert, wie etwa Gus van Sants Elephant aus dem Jahr 2003. Dieser Film vermochte in nur wenigen Aufnahmen ein ergreifendes Bild der Opfer und Täter zu zeichnen, das sich an einen haftete und sich kaum abschütteln ließ – obgleich der Vagheit des Einblicks in das Leben der High School-Schüler. Winged Creatures ist hingegen ungeachtet der namhaften und teilweise bereits preisgekrönten Schauspieler meilenweit von solch einer Berührung entfernt. Trotz Schüssen, beendeten Leben und Überlebenden am Ende bleibt somit die Dramatik aus – und das bei einem Drama.

Winged Creatures USA 2008. 92 min.
Regie: Rowan Woods. Drehbuch: Roy Freirich
Hauptdarsteller u.a.: Kate Beckinsale, Dakota Fanning, Forest Whitaker
Erschienen auf DVD bei: Highlight Communications. FSK: 16
Extras: Bio- und Filmografien

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