Inhalt:

Nervenbündel unter sich

06. Jan 15: In Wild Tales präsentiert Damián Szifrón sechs brillante Episoden über die Lust am Nervenverlust | Dobrila Kontić

Flash is required!

Man wartet auf den Bus, der schon zehn Minuten Verspätung hat, es fängt an zu nieseln, dann zu regnen und schließlich zu hageln. An der ohnehin viel zu langen Supermarktschlange drängelt sich jemand dreist vor. Das Marmeladenbrot fällt einem aus der Hand und landet – wie denn sonst – auf der bestrichenen Seite. Der Alltag steckt voller Tücken und hin und wieder ist wohl jeder mal versucht, die Fassung zu verlieren, die letzte dünne Schicht des Nervenkostüms abzublättern und vor aller Augen eine gewaltige, Aufsehen erregende Szene zu machen. Doch stattdessen atmen die meisten von uns einmal tief durch und sagen sich, dass alles nicht so schlimm ist. Ist wahrscheinlich die bessere Wahl – die deutlich unterhaltsamere Art, mit Nervenproben umzugehen, liefert uns aber der argentinische Episodenfilm Wild Tales – Jeder dreht mal durch.

Alles hat Konsequenzen

Damían Szifrón präsentiert uns hier sechs Geschichten über Menschen, die sich nicht mehr zusammenreißen können oder wollen und sich mal ihren animalischen Instinkten, mal ihrer urmenschlichen Fähigkeit zur Boshaftigkeit hingeben. Den Beginn macht die Episode Pasternak, in der die Passagiere eines Flugs bald feststellen, dass sie alle einen gemeinsamen Bekannten haben: diesen Nichtsnutz und ewigen Verlierer namens Pasternak. Pasternak, der nach einer gescheiterten Laufbahn als Musiker inzwischen Flugbegleiter ist und die Passagiere, darunter seine Exfreundin, seine Grundschullehrerin und sein Psychiater, bald per Durchsage informiert, was er mit ihnen vorhat. Nach diesem fulminanten Einstieg folgt ein Vorspann, der bildlich und musikalisch die Unberechenbarkeit und Erhabenheit des Animalischen verdeutlicht, das sich in den weiteren Geschichten abspielen wird. Und mehr als eine hat die Konsequenzen des harschen Gegensatzes von Arm und Reich zum Thema: Der Kleinkrieg zwischen dem abgehalfterten Fahrer einer Schrottkarre und einem aalglatten BMW-Bonzen eskaliert ins Unermessliche vor der atemberaubend gefilmten Landschaft Argentiniens. Eine Kellnerin zögert, sich an ihrem unfreundlichen Gast zu rächen, einem skrupellosen Kredithai. Die Köchin hingegen, ehemals Gefängnisinsassin, hat da keinerlei moralische Hürde zu nehmen. Und schließlich wäre da noch der Teenager-Sohn aus reichem Haus, der einen tödlichen Autounfall verursacht, anschließend Fahrerflucht begeht und seine Eltern eine krude Geschichte erfinden und Beamte bestechen lässt, um ihn zu schützen. Doch da hat die Familiendynastie die Rechnung ohne die aufgebrachte Meute vor der heimischen Villa gemacht.

Witz, Brisanz, Bitterkeit

Die Episoden, die Szifrón in Wild Tales aneinanderreiht, sind allesamt witzig, erfrischend und pointiert, und noch dazu brillant musikalisch untermalt von Gustavo Santalolalla. Doch in jeder einzelnen Episode steckt auch eine gute Portion Brisanz und Bitterkeit über gegenwärtigen Missstände, die schwarzen Komödie universelle Bedeutung verleihen und dem Zuschauer jede Menge Identifikationspotenzial bieten. Denn in den seltensten nervenaufreibenden Fällen, so macht Wild Tales deutlich, ist es die unangenehme Situation an sich, die die Friedfertigkeit kippen lässt, sondern die dahinterliegenden Phänomene von Gier, Rücksichtslosigkeit, Unaufrichtigkeit und inakzeptablen Machtgefügen, die man irgendwann nicht mehr ertragen kann. Darüber kann man ja mal nachdenken – das nächste Mal, wenn jemand einem die Vorfahrt nimmt oder man die GEZ-Gebühr zahlen muss oder in einen Hundehaufen tritt…

Wild Tales – Jeder dreht mal durch (Relatos Salvajes)
Kramer & Sigman Films, Argentinien / Spanien 2014
Regie & Drehbuch: Damián Szifrón
Hauptdarsteller u.a.: Ricardo Darín, Darío Grandinetti, Oscar Martinez
122 Min. Dt. Filmstart: 08. Januar 2015

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Kino & TV:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: