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Blut, Schweiß und Demütigung

18. Feb 15: Damien Chazelles furioses Musikerdrama Whiplash | Dobrila Kontić

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Richtig gut zu sein in etwas, ein Talent zu besitzen, das einen auffallen lässt – davon träumen wohl viele Menschen. Exzellent zu sein, der Größte auf seinem Gebiet, diesem Status alles unterzuordnen und nicht eher zu ruhen, bis man ihn erreicht hat – dieser Traum wird schon deutlich seltener geträumt, wenn wir ehrlich sind. Zu entbehrungsreich und trist scheint so ein von Blut, Schweiß und Tränen getränktes Leben, vielleicht sogar verschwendet, wenn das Ziel sich als unerreichbar oder beim Erreichen gar als überbewertet entpuppt. Von dieser krankhaften Art der Strebsamkeit erzählt Jungregisseur Damien Chazelle in seinem furiosen Drama Whiplash um einen jungen Jazz-Drummer und seinen Angst, Schrecken und Demütigung verbreitenden Lehrer.

Stockender Atem

Wenn er den Raum betritt, wird es totenstill, der Atem der Anwesenden stockt, die Gesichtszüge scheinen kurz unbewegt, die Muskeln angespannt: Terence Fletcher (J. K. Simmons) ist Bandleader am renommierten Schaffer Konservatorium in New York und hat sein Leben dem Jazz verschrieben, der so unangestrengt und locker daherkommt, aber hinter dem nichts als harte Arbeit steckt. Er leitet eine hochangesehene Jazzband, die unter seiner Führung an Wettbewerben teilnimmt und diese häufig gewinnt. Und hin und wieder rekrutiert er neue Talente für diese Band. Der gerade erst 19jährige Schaffer-Schüler Andrew Neiman (Miles Teller) träumt sehnlichst davon, von Fletcher entdeckt zu werden und kann sein Glück kaum fassen, nachdem dieser ihm nach einem Überraschungsbesuch in seinem Jazzseminar Drums spielen hört und daraufhin zur Bandprobe bestellt. Um sechs Uhr morgens soll er im Proberaum erscheinen – und es erweist sich als die erste von unzähligen Schikanen, dass Andrew am nächsten Morgen zum Raum hetzt, nur um festzustellen, dass die Proben erst um neun Uhr losgehen.

Was er im Proberaum an seinem ersten Tag und in den folgenden Wochen erlebt, erinnert an die Ausbildungsszenen von Kubricks Full Metal Jacket: harsche Beleidigungen homophober und misogyner Natur (ja, es scheint wohl immer noch am wirksamsten, einen Mann als „Mädchen“ oder „Schwuchtel“ zu bezeichnen, wenn man ihm das Gefühl von Wertlosigkeit vermitteln will), spontane Gewaltausbrüche und die ständig in der Luft liegende Drohung, aus der Band zu fliegen, sollte man diese mit seinen falschen Tönen ‚sabotieren‘. Fletcher ist unberechenbar, gnadenlos und unterwirft seine Schüler einem ausweglosen Psychospiel, dem kaum einer auf Dauer standhält.

Der Unterschied zwischen gut und groß

Dies anzuschauen ist auf erschreckende Weise überwältigend – zum einen, weil J. K. Simmons in dieser Rolle aufgeht und alptraumhafte Größe erreicht. Zum anderen, weil es schwer zu ertragen ist, wie duldsam all seine Schüler jede Herabwürdigung stumm ertragen, ohne aufzubegehren. Denn was Fletcher sucht, ist ein überragendes Talent – den nächsten Charlie Parker oder Buddy Rich will er finden und durch konstante Erniedrigung zu jener Größe formen, die sich von dem guten Durchschnitt unterscheidet, den er so verabscheut. In einer Schlüsselszene erklärt er Andrew, was für ihn die schlimmsten zwei Worte der englischen Sprache seien: „good job“.

Andrew fügt sich bereitwillig Fletchers gewaltsamen Prozess des Talente-Aussiebens und geht dabei an seine körperlichen und psychischen Grenzen – Miles Tellers Leistung in dieser Rolle wird leider von den Lobgesängen auf J. K. Simmons übertönt, aber ist herausragend: Er lässt uns den wachsenden Schmerz, die zunehmende Einsamkeit hinter Andrews immer entschlossener auftretenden Fassade in jeder Einstellung deutlich spüren und letzten Endes ist J. K. Simmons nominierte Leistung nur in diesem gelungenen antagonistischen Zusammenspiel zwischen Schüler und Lehrer möglich. Mit Hochspannung verfolgt man als Zuschauer mit, wie Andrew und Fletcher in ihrem jeweilig fehlgeleiteten Selbstverständnis auf ein unausweichliches, alles veränderndes Finale zusteuern, das sich schließlich doch als unerwartet, aber diesem wunderbaren Film und seinem Thema als würdig erweist. Sehenswert. Und hörenswert.

Whiplash
Bold Films, USA 2014
Regie & Drehbuch: Damien Chazelle
Hauptdarsteller: Miles Teller, J. K. Simmons, Paul Reiser
106 Min. Dt. Filmstart: 19. Februar 2015

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