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Ein Blick, der lange nachwirkt

14. Feb 15: BERLINALE 2015 – Forum: Was heißt hier Ende?, Dominik Grafs ergreifendes Porträt über den Filmkritiker Michael Althen | Dobrila Kontić

© Beatrix Schnippenkoetter

Über seinen frühen Tod im Jahre 2011 ist das Feuilleton bis heute nicht hinweggekommen. Kein anderer deutscher Filmkritiker hatte eine vergleichbar leidenschaftliche Herangehensweise an Filme wie Michael Althen, der schon im Alter von 19 Jahren seine ersten Rezensionen verfasste und später Filmredakteur bei der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde. Der Regisseur Dominik Graf widmet seinem Freund mit Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen ein berührendes zweistündiges Porträt, das einem nahe bringt, was Althens besonderen Blick fürs Kino ausmachte.

Der junge Wilde

In der legendären Münchener Bar Schumann‘s saß er am Tisch der „jungen Wilden“, wie sich Gastwirt Charles Schumann erinnert. Regelmäßig traf sich Althen hier mit Kritikerkollegen wie Claudius Seidl und Moritz von Uslar, bevor er in den frühen Morgenstunden nach Hause ging und sich erst dann, wenn alle schliefen, an seine Kritiken setzte. Zu Beginn verwendet Grafs Film amüsante Methoden, um das Besondere an Althens Kritiken greifbar zu machen: Mit einer gewollt amateurhaften Bildcollage etwa zu Michael Althens Wiedergabe seiner besonderen Begegnung mit der schönen Schauspielerin Jacqueline Bisset bringt er das Publikum zum Lachen, bevor er sich daran macht, Althens Anfänge als Kritiker zu rekonstruieren.

Hinwendung zum Hollywood-Film

Es waren die frühen Achtziger, als Althen und andere Journalistenschüler sich daran machten, die deutsche Filmkritik, die sich bis dato vorzugsweise mit europäischem Kino auseinandersetzte und Hollywood-Filme verabscheute, zu revolutionieren. Althen scheute nicht den Mainstream, ganz im Gegenteil: In einer Aufnahme nach seinem Besuch des Filmfestival Cannes berichtet er, was für eine Durchschlagskraft die dort gezeigten US-Filme (u.a. Das Schweigen der Länder, Der mit dem Wolf tanzt) im Vergleich zu den bewährt guten europäischen Filmen doch hatten. Dem Hollywood-Kino galt seine Liebe und an einer Stelle des Films verwendet Graf ein vielsagendes Zitat Michael Althens: Viele US-Filme weckten in ihm eine Sehnsucht nach einer vergangenen Jugend, wie er sie selbst gar nicht kannte. Dieser magischen Kraft des Kinos und dessen Stars widmete er sich fortan in seinen Kritiken, indem er auf das schaute, was andere Kritiker, die selbst in dieser Dokumentation zu Wort kommen, bei Seite ließen: Die Gesichtsausdrücke der Schauspieler, die unmittelbare Wirkung bestimmter Dialoge und Szenen auf den Betrachter, die bewegenden Momente eines ansonsten schlechten Films, die in einem doch nachwirken.

Lebenskunst

Wie Michael Althen diesen besonderen Blick entwickelte, dafür gibt es bei all seinen Weggefährten unterschiedliche Erklärungsansätze: Er habe unzählige Filmbücher gelesen, immer auf der Suche nach der ein oder anderen Anekdote, die er dann später für einen Artikel parat haben konnte. Er habe bei jedem Film, egal welche Mängel er hatte, auch immer nach dem Guten gesucht, das dieser zu bieten hätte. Er habe sehr viele Filme geschaut – 365 Filme im Jahr habe er sich als junger Mann vorgenommen, verrät Althens Vater, selbst filmbegeistert, an einer Stelle. Und doch fügen sich all diese interessanten Erzählungen von Journalistenkollegen, Regisseuren und Freunden und Verwandten Althens zu einer noch viel plausibleren Erklärung für dessen besonderes Talent zusammen: Graf macht nämlich nicht nur den Kritiker Michael Althen greifbar, sondern widmet sich auch behutsam dem Menschen Michael Althen, an dessen liebenswertes und eigensinniges Wesen sich seine Weggefährten im Film allesamt mit einem Lächeln zurückerinnern. Seiner großen Liebe zur Kunst, so vermittelt Grafs Film in seiner berührenden, aber keinesfalls rührseligen Gesamtheit aus Interviewausschnitten, Textauszügen und Aufnahmen Althens, muss eine große Liebe zum Leben zu Grunde gelegen haben.

Was bleibt

Zum Ende hin wirft Grafs Film die Frage auf, was nach Michael Althens Tod der deutschen Filmkritik bleibt. Langweilig sei diese geworden, sowohl in der Wahl der rezensierten Filme als auch in ihrer Deutung, berichten seine Journalistenkollegen und die Suche nach den Gründen mündet natürlich in der großen Umwälzung, die durch die Digitalisierung stattgefunden habe. „Wer liest heute überhaupt noch Filmkritiken?“, wird als Überlegung eingeworfen. Und doch, und das ist die große Stärke von Grafs bewegendem Porträt, stimmt Was heißt hier Ende? den Zuschauer hoffnungsvoll – schließlich wirkt Michael Althens Schaffen nach und beweist, dass das Gespräch über den Film noch lange nicht verstummt ist.

Eine Zusammenstellung von Michael Althens Texten gibt es auf www.michaelalthen.de

Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen
Preview Production, Deutschland 2015
Regie: Dominik Graf
120 Min. Berlinale 2015 – Forum

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