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Die Ausnüchterung

10. Jun 15: Mut zahlt sich aus: Sebastian Schippers waghalsiger Film Victoria | Dobrila Kontić

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Zwei Stunden und 20 Minuten reichen also vollkommen aus, um sein junges Leben unfreiwillig gegen die Wand zu fahren – eine ernüchternde Erkenntnis, um die man nach Sebastian Schippers waghalsigem One-Take-Projekt Victoria reicher ist. Und was braucht man, um so einen mitreißenden, atemberaubenden Film zu drehen, dem Kritiker und Publikum bei der Berlinale verfallen? Zwölf Drehbuchseiten, improvisationsstarke Schauspieler, zwei gescheiterte Versuche, einen gesunden Kameramann und wieder: zwei Stunden und 20 Minuten – ohne Schnitt. Eine Tour de Force, die den Zuschauer elektrisiert und auch ein wenig erschöpft zurücklässt, aber die sich allemal gelohnt hat.

Beginn am Rande der Nacht

Wir beginnen diese Achterbahnfahrt mit Victoria (Laia Costa), die sich bis in die frühen Morgenstunden durch einen Club tanzt – allein, aber fröhlich eingehüllt im Stroboskoplicht und wummernden Bass. Vor drei Monaten kam die Spanierin nach Berlin, durch das sie sich mit einem unterirdisch bezahlten Job als Kellnerin in einem Bio-Café schlägt. Sie ist schon so gut wie zur Clubtür raus, als sie den vier Freunden mit den eigentümlichen Spitznamen Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yiğit) und Fuß (Max Mauff) begegnet. Als Victoria feststellt, wie sympathisch diese Chaoten mit ihrem notdürftigen, aber für einen feierlichen Abend völlig ausreichenden Englisch sind, kann sie nicht widerstehen, und zögert ihren Heimweg noch etwas hinaus. Das angetrunkene, amüsierte Geplauder mit den Jungs wird von der Friedrichstraße auf ein Hausdach verlegt, wo sie mit Sonne flirtet und nebenbei von Boxers dunkler Vergangenheit erfährt. Das alles wirkt so unbemüht und echt, wie es jeder aus Spontanbegegnungen am Rande trunkener Clubnächte kennt – sofern er sich erinnern kann. Und dann schlägt es um.

Das bittere Ende

Was dann folgt, ist derart nervenzerreißend, dass man kaum stillsitzen kann. Zu nah scheint man an diesen vier Charakteren dran zu sein, die im Nu ausgenüchtert sind, dann völlig aufgeputscht, adrenalingesteuert, euphorisch und schließlich voller Angst, als dass man sich dagegen wehren könnte, diese Regungen aus der Distanz nachzuempfinden und mitzufiebern. Bis zum äußerst bitteren Ende.

Dabei hätte – und dies sei die einzige Kritik am Film – das Ende durchaus früher kommen können. Es hätte dieser sogartigen Dynamik von Victoria wahrscheinlich besser gestanden, in einen abrupten Schluss zu münden. Aber vermutlich war es Sebastian Schipper dann doch wichtiger, Abgeschlossenheit und Stimmigkeit im Inhalt und weniger in der Form zu finden. So endet Victoria nach einem packenden Finale und einer schon leicht überbordenden Darbietung von Laia Costa, gleichermaßen ausgenüchtert und ausgezehrt, aber dennoch hoffnungsvoll. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.

Victoria
MonkeyBoy, Deutschland 2015
Regie: Sebastian Schipper. Drehbuch: Sebastian Schipper, Olivia Neergaard-Holm, Eike Schulz
Hauptdarsteller u.a.: Laia Costa, Frederick Lau, Franz Rogowski
140 Min. Deutscher Kinostart: 11. Juni 2015

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