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Über Identitätsgefängnisse

13. Feb 15: BERLINALE 2015 – Wettbewerb: Laura Bispuris beeindruckendes Drama Sworn Virgin (Vergine giurata) | Dobrila Kontić

Es ist eine raue, schöne Landschaft, in die Laura Bispuris Film Sworn Virgin uns führt: Hier, in den albanischen Alpen herrschen Armut und der Kanun – das traditionelle, albanische Gewohnheitsrecht, das unter anderem die Blutrache und sehr strenge Rollenzuweisungen für Mann und Frau festlegt. Ein besonderes, in den letzten Jahren auch zunehmend in Dokumentationen thematisiertes Phänomen ist dabei die Lebensform der ‚Burrnesha‘: Frauen, die einen ewigen Jungfräulichkeitsschwur ablegen und fortan unabhängig als Mann leben. Diesem Phänomen widmet sich Sworn Virgin mit einer einfühlsam erzählten Geschichte über Identitätsfindung und Möglichkeiten zum Ausbruch aus eng gesteckten sozialen Grenzen.

Was sich für eine Frau gehört

In jungen Jahren verwaist Hana (Alba Rohrwacher) und wird von einer Familie aus der Nachbarschaft aufgenommen. Sie wächst zusammen mit Lila (Flonja Kodheli), der leiblichen Tochter ihrer Pflegeeltern auf. In Hana, die die sie umgebende raue Natur liebt, herrscht ein natürlicher Freiheitsdrang und sie überredet Lila zu Erkundungen in den Wäldern. Dieses Verhalten wird vom strengen Vater missbilligt und bestraft – für Frauen gehöre es sich nicht, ohne männliche Begleitung durch die Wälder zu streifen. Über weitere Verhaltensregeln klärt schließlich Lilas Mutter die beiden jungen Mädchen auf: Eine Frau trinkt und raucht nicht vor ihrem Mann, eine Frau darf kein Gewehr berühren, eine Frau sucht sich ihren Mann nicht aus. Vor allem der Ausblick auf eine arrangierte Ehe ängstigt die beiden Mädchen. In einer Szene begegnen sie auf dem Weg nach Hause einer mit blickdichtem Schleier verhüllten Frau, die auf einem Esel zu ihrer Hochzeit gebracht wird – auf Hanas Frage nach dem Grund für die Verschleierung folgt sogleich die Antwort: Die Braut soll den Weg zurück nach Hause nicht kennen. In einer weiteren Szene wird Lila von ihrem Vater über ihre Aussteuer aufgeklärt: Eine Patronenkugel wird der Brautvater dem Bräutigam überreichen. Diese soll er verwenden, falls er mit seiner Vermählten nicht zufrieden sein sollte.

Flucht aus den Zwängen

Als Hana wieder und wieder gegen diese Verhaltensregeln aufbegehrt, eröffnet ihr Pflegevater ihr eine neue Möglichkeit: Sie könnte als Burrnesha leben, sich wie ein Mann kleiden, verhalten und die entsprechenden Freiheiten genießen, wenn sie zugleich einen Jungfräulichkeitsschwur ablegt. Während Hana sich für diesen Weg entscheidet und immer mehr das Gebaren eines jungen Mannes und männlichen Erben annimmt, rebelliert Lila auf ihre Weise. Sie verliebt sich in einen Mann aus der Umgebung und brennt mit ihm nach Italien durch, da sie eigentlich einem anderen versprochen war. Aus Hana wird derweil Mark und sie erbt nach dem Tod ihrer Pflegeeltern den Hof. Doch die Einsamkeit macht ihr nach zehn Jahren allmählich zu schaffen und sie beschließt, Lila in Mailand aufzusuchen. Fernab von dem vertrauten Bergdorf kommen ihr schließlich Zweifel an ihrem Leben als Burrnesha auf…

Mehrfache Rollenwechsel

Sworn Virgin erzählt diese interessante Geschichte ausgehend von Marks Reise nach Italien mit Rückblenden in die Kindheit der beiden Mädchen. In sorgsam erwählten Szenen wird dargestellt, weshalb aus Hana einst Mark wurde und in der italienischen Umgebung Mark an dieser in Mimik und Gestik vollkommen eingenommenen Rolle inzwischen zweifelt. Bispuri stellt diese Identitäts-Neuorientierung Hanas als zaghafte Annäherung an eine einst bewusst aber dennoch unter sozialem Zwang abgelegte Rolle dar und zeigt einen möglichen Grund für die Wahl der Lebensform als Burrnesha auf: Hana wurde nicht zu Mark, weil sie sich als Mann wohler in ihrer Haut fühlte, sondern weil ihr dieser Weg sowohl die gesellschaftliche Akzeptanz in der von ihr geliebten Umgebung, sowie die von ihr begehrten Freiheiten ermöglichte. Die italienisch-deutsche Schauspielerin Alba Rohrwacher stellt die inneren Wandlungen, die in Hana/Mark dabei vorgehen, mit ihrer sensiblen, stillen Darstellung einfühlsam dar und nimmt den Zuschauer ohne großes Gebaren auf diese Identitätssuche mit. Ein wirklich gelungener Film, der eine interessante Geschichte über Identitätsgefangenschaft und -ausbruch erzählt.

Sworn Virgin (Vergine giurata)
Vivo Film, Italien/Schweiz/Deutschland/Albanien 2015
Regie&Drehbuch: Laura Bispuri. Drehbuch: Vorname Nachname
Hauptdarsteller: Alba Rohrwacher, Flonja Kodheli, Lars Eidinger
90 Min. Berlinale 2015 – Wettbewerb

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