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Der Feind auf meinem Desktop

16. Jul 15: Schematische Handlung, aber gewagtes Erzählmittel: Der Horrorfilm Unknown User | Dobrila Kontić

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Eine High-School-Schülerin wird übers Netz gedemütigt und von ihren Mitschülern fortan derart beleidigt und verhöhnt, bis sie sich schließlich das Leben nimmt. Diese Ausgangslage des Horrorfilms Unknown User weckt sogleich Assoziationen mit realen Fälle dieser Art, die ebenso dramatische endeten, man denke etwa an die kanadische Schülerin Amanda Todd, die sich vor drei Jahren aufgrund ähnlicher Erlebnisse das Leben nahm. Regisseur Levan Gabriadze spinnt aus diesem Cyberbullying-Thema in Unknown User eine recht konventionelle Rache-Story, die aber einer neu aufgekommenen Erzählweise den Weg in das Horrorgenre ebnet: Der Desktop-Fiktion, die die gesamte Handlung über Bildschirmaktivitäten erfahrbar macht.

Ein ungebetener Skype-Gast

Über das Desktop von Blaire Lily (Shelley Hennig) entfaltet sich die Handlung von Unknown User. Zu Beginn sehen wir sie zwei Videos abspielen: Das erste ist auf der britischen Video-Plattform Liveleak zu sehen, das für seine fehlenden Restriktionen gegenüber anstößlichen und brutalen Aufnahmen bekannt ist. Es zeigt in verwackelten Aufnahmen, wie ein junges Mädchen offenbar auf einem Schulhof eine Waffe gegen sich richtet und abdrückt. Danach wird das Youtube-Video aufgerufen, das diesen Selbstmord verursacht hat: Es zeigt die Teenagerin Laura Barns, wie sie sich auf einer Feier betrinkt, provokant daherredet und schließlich in einer misslichen Lage endet. Ein peinliches Erlebnis, über das man wieder hinwegkommen könnte – gäbe es nicht den mitunter skrupellosen Umgang Jugendlicher mit dem Internet. Blaire erblicken wir anschließend, als sie von ihrem Freund Mitch (Moses Jacob Storm) via Skype angerufen wird. Nach und nach stoßen ihre Mitschüler dazu, die sich im Nu als altbekannte Stereotype aus Teenie-Slashern erweisen: der übergewichtige Nerd Ken (Jacob Wysocki), die offenherzige Jess (Renee Olstead), der Schönling Adam (Will Peltz), die zickige Val (Courtney Halverson). Doch ein weiterer, zunächst stiller Kontakt hat sich in die Skype-Konversation eingeschlichen und lässt sich einfach nicht loswerden. billie227 nennt er sich und verweist nach Blaires fieberhaften Recherchen auf das Facebook-Profil von Laura Barns. Ken erinnert die Clique schließlich daran, dass an diesem Abend Lauras Selbstmord genau ein Jahr zurückliegt.

Offline ist keine Option

Was sich fortan abspielt, gestaltet sich eine Weile lang durchaus spannend: Der unbekannte User spielt die sechs Freunde gekonnt gegeneinander aus, indem er sie unter Androhung von Gewalt nach und nach ihre voreinander wohlgehüteten Geheimnisse und verborgenen Meinungen voneinander offenbaren lässt. Die naheliegende Frage, warum die Freunde nicht einfach offline gehen und dem Spuk damit ein Ende bereiten können, wird sogleich beantwortet: billie227 kann sich nicht nur Zugang zu ihren vielen Accounts sondern auch zu ihrem Zuhause verschaffen – jeglicher Versuch offline zu gehen oder die Polizei zu verständigen, ist tödlich. Den Freunden bleibt nichts übrig, als sich an diesem perfiden Spiel zu beteiligen, dessen Ziel es ist herauszufinden, wer das kompromittierende Video von Laura Barns damals gepostet hat.

Ein altbekanntes Schema

So unterhaltsam das Verhalten dieser Freunde, die im Nu bereit sind, übereinander herzuziehen, zunächst auch ist, der Handlungsverlauf von Unknown User ist schnell ausgereizt. Das bedeutsame Thema Cyberbullying ist zwar zentral, aber wird hier nur als leider allzu realistische Gegebenheit dargestellt, ohne seine psychologische Dynamik näher zu ergründen. Unknown User folgt vielmehr dem gewohnten Schema eines klassischen Slasher-Films à la Freitag der 13.. Dessen Genreregeln entsprechend müssen die Freunde nacheinander bis zum Final Girl auf möglichst grafische Weise ins Gras beißen. Ein austauschbarer Low-Budget-Horrortreifen also… wäre da nicht die Raffinesse, mit der Regisseur Levan Gabriadze diese mäßige Handlung in eine neue Erzählweise überführt: Die Desktop-Fiktion.

Erzählen via Desktop

Völlig neu ist diese Erzählart nicht: 2014 veröffentlichte der Filmkritiker und Video-Essayist Kevin B. Lee auf vimeo seine ‚Desktop-Dokumentation‘ Transformers: A Premake. Diese Doku ist ein cleveres Arrangement aus aufgezeichneten Bildschirmaktivitäten, die Amateur-Aufnahmen von der Entstehung des vierten Teils aus der Franchise-Serie Transformers versammeln und dabei die Markt- und Machtstrukturen kritisch beleuchten, in denen Blockbuster heutzutage entstehen. Eine ‚via-Desktop‘-Erzählung präsentierte zudem in diesem Jahr die Folge „Connection Lost“ (Staffel Sechs, Episode 16) der US-Sitcom Modern Family: Die Handlung wird hier gänzlich über den Laptop-Bildschirm der Serienmutter Claire Dunphy geschildert, die während einer Geschäftsreise über Facetime und iMessage die übrigen Seriencharaktere kontaktiert, woraus sich eine verwickelte Handlung entspinnt.

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Promo zur MODERN FAMILY-Episode "Connection Lost"

Von ‚Found Footage‘ zum Desktop-Slasher

Unknown User macht sich vor allem die Realitätsanmutung der Desktop-Fiktion zunutze und bringt damit das mit Blair Witch Project populär gewordene und inzwischen stark abgenutzte Found Footage-Horrorgenre auf die nächste Stufe. Der Zuschauer erlebt hier die Handlung als Bildschirmaufzeichnung in Echtzeit mit, die aufgrund allseits verwendeter Programme wie Skype und Plattformen wie Youtube und Facebook an eigene virtuelle Erfahrungen anknüpft. Zugleich ist Unknown User damit auch stark monoperspektivisch: Die gesamte Handlung über ist der Zuschauer an Blaires Desktop ‚gefesselt‘ und ihren Bildschirmaktivitäten ausgeliefert. Dabei wird deutlich, was der Browserverlauf, geöffnete Dateien und das Kommunikationsverhalten über soziale Netzwerke doch über eine Figur offenbaren können: Wir sehen, was Blaire kurz vor dem Skype-Gespräch gegoogelt hat (den Songtext zu Johnny Cashs ‚Spiritual‘, ein Song über Schuld, Tod und Erlösung), wie sie sich selbst inszeniert, informiert und auch zensiert, etwa, wenn sie in Chats bereits Getipptes, aber noch nicht Gesendetes wieder korrigiert, wichtige, aber komplexe Informationen vorenthält oder zu ihren Gunsten umformuliert. Diese implizite Figurencharakterisierung und gleichzeitig realistische Anmutung des digitalen Erlebens machen Unknown User trotz der faden Rache-Story zu einem interessanten, da recht neuen Film-Erlebnis. Es bleibt abzuwarten, auf welche spannende Weisen sich weitere Filme der Desktop-Erzählweise annehmen werden – mal abgesehen von den unnötigen Fortsetzungen, die Unknown User wahrscheinlich nach sich ziehen wird.

Unknown User (Unfriended)
Bazelevs Company, USA 2014
Regie: Levan Gabriadze. Drehbuch: Nelson Greaves
Hauptdarsteller u.a.: Shelley Hennig, Renee Olstead, Will Peltz
83 Min. Deutscher Kinostart: 16. Juli 2015

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