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Let’s Twist Again

22. Jan 17: THEMENWOCHE TWIST ENDING: Ein erzählerisches Mittel im Erschöpfungszustand | Dobrila Kontić

DIE ÜBLICHEN VERDÄCHTIGEN (1995)

Wenn dieser Tage der neue Film von M. Night Shyamalan in den deutschen Kinos anläuft, wird es wieder zum Thema: Das Twist Ending. Wird sein neuestes Werk Split über eins verfügen und fallen wir drauf rein? Die einschlägigen Film-Websites und -Blogs wissen inzwischen, wie mit Besprechungen zu solchen Filmen zu verfahren ist: Spoiler-Warnung oder -Entwarnung voranstellen und mehr oder weniger subtil offenlegen, ob die Wende gegen Ende überraschend genug ist, um diesen Film als ansehnlich zu bewerten. Doch mal abgesehen davon, dass die Reduktion eines Films auf die Schockwirkung seines Endes schon fragwürdig ist, ist diese heutzutage überdies schwer zu erreichen. Wer als aufmerksamer Zuschauer die Flut an Twist Endings in den 00er-Jahren mitverfolgt hat, spielt inzwischen fast alle möglichen Wende-Szenarien im Kopf schon durch und liegt immer häufiger richtig. Filme, die ihre Wirkung dennoch nicht verfehlen wollen, müssen schon tiefer in die Plot-Kiste greifen, was aber häufig eine Überkonstruktion zur Folge hat und deswegen misslingt. Sind wir damit am Ende der Twist Ending-Welle angelangt? Eine Betrachtung – so spoilerfrei wie möglich.

Die Schocks von 1999

Die in den 00er Jahren erlebte Hochphase des Twist Endings wurde im Mainstream-Kino 1999 eingeläutet – und zwar von zwei Filmen: M. Night Shyamalans The Sixth Sense und David Finchers Romanverfilmung Fight Club. Während The Sixth Sense weltweit das fast 17fache seines Budgets einspielte und von der Kritik überaus gelobt wurde, enttäuschte Fight Club an den Kinokassen, bevor er auf DVD zum Geheimtipp und schließlich zum Hit avancierte. Beiden Filmen war eine Enthüllung kurz vor Schluss gemein, die große Teile des bis dahin von der erzählten Welt Angenommenen auf den Kopf stellte. Dem Zuschauer wurde zeitgleich mit der Hauptfigur eine bis zu ebendiesem Moment scheinbar verborgene Information nachgereicht, die zwangsläufig dazu führte, das eben Gesehene im Kopf (mitunter gleich auf DVD) zurückzuspulen – und da erschienen sie: Die subtilen Indikatoren, Andeutungen und Vorzeichen, die uns entgangen waren oder arglos zur Seite gewischt wurden, da wir nicht ahnen konnten, dass unsere Aufmerksamkeit die ganze Zeit über auf dem Prüfstand gestellt war. Vor wenigen Jahren definierte der Filmwissenschaftler Dr. Willem Strank in seiner Promotion Twist Endings. Umdeutende Film-Enden dieses dann auch schlüssig als „Film-Ende, das den gesamten Film bzw. seine Diegese durch eine oder mehrere Informationen umdeutet und somit nachträglich innerhalb der eigenen Form neu interpretiert.“

Flash is required!
Der Moment der Erkenntnis: FIGHT CLUB (1999)

Die Zuschauer werteten diese unerwartete Wendung in den besten Fällen als gelungene Überraschung, die im Nachhinein ohnehin etwas seltsam anmutende Dialoge oder Vorfälle zwischen den Figuren erst logisch erschienen ließ, wie es bei The Sixth Sense und Fight Club der Fall war. Nichtsdestotrotz schwang auch immer ein wenig das Gefühl mit, auf einen Trick ‚hereingefallen‘, vielleicht sogar betrogen worden zu sein. Schließlich war man damals, noch bevor sich jedes Detail über einen Film über Film-Blogs, -Foren und die Sozialen Netzwerke vorab verbreitete, meistens nichtsahnend das übliche Vertrauensverhältnis mit diesem Film eingegangen. Man verließ sich auf die unanzweifelbare und vollends geteilte Wahrnehmung dieser fiktiven Welt durch die Augen der Hauptfigur – und tappte mit ihr in die Falle. Aus der Scham darüber beteuerten viele gern (bis heute), selbst völlig verblüffende Wenden stets vorausgeahnt zu haben. Steven Soderberghs Ocean’s Twelve (2004) macht sich sogar einen Spaß daraus, Bruce Willis in einem Cameo-Auftritt mit lauter Fans zu konfrontieren, die damit prahlen, ab welchem Moment sie den Twist in The Sixth Sense schon vorhergesehen haben. Sein Julia Roberts zugeraunter Kommentar: „Wenn jeder das Ende schon vorher kannte, wie konnte der Film dann 675 Millionen Dollar einspielen?“

Pionierarbeit - auch in Sachen Twist Ending: DAS CABINET DES DR. CALIGARI (1920)

Älter als man denkt

Und auch die in den folgenden Jahren verzeichneten kritischen und finanziellen Erfolge für Filme mit Twist Ending sprachen dafür, dass der Wende-Schock weiterhin funktionierte – und zwar meistens durch die Offenlegung einer gestörten Wahrnehmung der Hauptfigur, etwa in Memento (2000), A Beautiful Mind (2001) oder The Machinist (2004), um nur einige zu nennen. Hinzu kamen aber weitaus komplexere Filme, die sich nicht nur auf ihr Twist Ending verließen, sondern viele Deutungsmöglichkeiten im Spiel mit Schein und Realität eröffneten wie Donnie Darko (2001), Oldboy (2003) und die Literaturverfilmung Abbitte (2007). Dass bereits damals unter den Twist Ending-Filmen einige Remakes im Umlauf waren (Planet der Affen (2001), Vanilla Sky (2001), The Wicker Man (2006) deutete daraufhin, dass umdeutende Film-Enden nun wirklich keine Neuerung waren. Wie weit sie zurückreichen, verdeutlicht Strank, dessen Buch nicht nur eine hilfreiche Twist-Typologie, sondern auch einen filmhistorischen Überblick enthält. Dieser reicht bis in die Stummfilmzeit zurück und führt Robert Wienes Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) als vermutlich ersten Langfilm mit Twist Ending an. Dabei erfolgte das Ende noch nach relativ einfachem Muster: Das Gesehene wird als Traum oder Wahnvorstellung entlarvt. In den folgenden Jahrzehnten sei das Twist Ending zwar zu keiner häufigen ‚Finalisierungsstrategie‘ geworden, aber über das klassische Hollywood-Zeitalter und die Filme der Nachkriegszeit hinweg präsent gewesen, bevor man ihm sich auch im Fernsehen mit The Twilight Zone (1955-1964) annahm. Ein besonderes Faible für den Schock der Wende hatte insbesondere der Horrorfilm, der in den 70ern und 80ern am häufigsten zum Twist Ending griff, was sogar auf anspruchsvollere Vertreter wie Nicolas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) zutraf. Strank zufolge seien überraschende Enden zu dieser Zeit sowohl im Hollywood- als auch im europäischen Kino zur Norm geworden, die Ende der 80er zu „komplexeren Spielarten“ geführt hätte man denke an den Gender-Twist in The Crying Game (1992) oder das Zeitreisen-Paradox am Ende von Twelve Monkeys.

Gewagtes Poster: THE PRESTIGE (2006)

Überraschung, Erwartung, Enttäuschung

Und wo befinden wir uns heute in punkto Twist Ending? Nachdem 1999 Fincher und Shyamalan unverhofft einen Boom der Twist Ending-Filme eingeläutet haben, scheint das Phänomen an Wirkung eingebüßt zu haben. In manchen Fällen hat das Twist Ending sogar zu Verärgerung geführt – man denke an Remember me (2010), dessen 9/11 gewidmetes Ende für viele so gar nicht mit den bis dato thematisierten Motiven zusammenpassen wollte. Und auch der anfangs als Wunderkind gefeierte Shyamalan musste viel Kritik einstecken, nachdem die Twists seiner folgenden Filme nicht die Erwartungen der Zuschauer erfüllten. Doch in Fällen wie Unbreakable oder The Village lässt sich die Enttäuschung zum Teil auf die durch den Twist Ending-Boom bewirkte Erwartungshaltung zurückführen: Wer einen Film mit der Erwartung eines Twists anschaut, verteilt seine Aufmerksamkeit anders: Man hält Ausschau nach Hinweisen auf die verborgene Wahrheit, statt sich wirklich unvoreingenommen auf die Handlung einzulassen und von ihr vereinnahmt zu werden. Dementsprechend wird alles, was vor dem Twist erfolgt und möglicherweise an sich schon gelungen ist, nicht zu Genüge wahrgenommen und gewürdigt.

Diese alles verändernde Erwartungshaltung ist natürlich schwer abzulegen, vor allem wenn sie durch Spoiler-Warnungen oder -Entwarnungen getriggert wird. Wenn es also keinen Weg zurück aus der Abgeklärtheit bezüglich Twist Endings gibt, wird es wohl Zeit, dass dieses Erzählmittel allmählich zu Grabe getragen wird, könnte man meinen. Zumal es dann nach einer gewissen Ruhephase wieder aufgegriffen und völlig neu erscheinen kann, wie es Ende der 90er der Fall war. Oder aber die angesprochene Erwartungshaltung wird in der Konstruktion des Twist Endings zwar mitbedacht, aber auf so raffinierte Art umgangen, wie es aktuell bei Shyamalans Split der Fall ist, aber dazu in den kommenden Tagen mehr – natürlich spoilerfrei. Bis dahin Vorfreude mit Chubby Checker:

Flash is required!
Buchtipp:
Dr. Willem Strank:
Twist Endings. Umdeutende Film-Enden
Marburger Schriften zur Medienforschung [54]
300 Seiten, 145 x 208 mm, zahlreiche Abbildungen
Marburg, 2014. 29,90 €

MEHR:

Kritik zu M. Night Shyamalans Split

culturtape - Die Twistenden

 

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