Inhalt:

Diesen Film gibt es wirklich.

23. Mar 15: FANTASY FILMFEST NIGHTS 2015: Kevin Smiths unfassbare Groteske Tusk | Dobrila Kontić

Flash is required!

Gerade als man dachte, man hätte mit Human Centipede den Tiefpunkt (für manche wohl auch Höhepunkt) des Das-ist-so-krank-ich-muss-mich-gleich-übergeben-Horrors hinter sich gelassen, überrascht ausgerechnet Kevin Smith (Dogma, Chasing Amy) mit einer noch absurderen Grundidee: In Tusk geht es um einen Psychopathen, der mit der Menschheit abgeschlossen hat und sein Opfer in die nobelste aller Kreaturen verwandeln will: ein Walross. Natürlich ist das Ganze mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humors vermengt, der aber leider nicht immer völlig durchschlägt. Schon gar nicht, wenn man feststellen muss, dass dieser Film seiner Idee tatsächlich bis zum Schluss treu bleibt und man als Zuschauer etwas so Abstoßendes wie seltsam Belustigendes erlebt, dass man Walrossen gegenüber nie wieder Gleichgültigkeit empfinden kann.

Auftakt zur Not-See-Party

Zu Beginn des Films sehen wir Wallace Bryton (Justin Long) und seinen Kollegen Teddy Craft (Haley Joel Osment) in ihrem Podcast-Studio herumblödeln: Neben unzähligen Masturbationswitzen verwerten sie vor allem die schrägsten Youtube-Videos. Das Neueste ist von besonders makabrer Natur: Ein kanadischer Teenager hantiert darin Kill-Bill-like mit einem echten Samurai-Schwert herum, doch es geht etwas schief und er säbelt sich aus Versehen sein rechtes Bein dabei ab. Wie der Rest der internetaffinen Welt halten sie das Video für urkomisch und beschließen ihm ein Special zu widmen: Wallace will dafür nach Winnipeg reisen und den inzwischen einbeinigen Jungen interviewen. Doch dort angekommen, muss er verärgert feststellen, dass dieser sich inzwischen das Leben genommen hat. Wo soll er jetzt nur eine Story für sein Special herbekommen?

“Der Mensch nämlich ist das grausamste Tier“

An diesem Punkt bildet sich langsam das Motiv von Smiths Geschichte heraus: Wallace ist ein rücksichtsloser, schadenfroher Egomane – und damit entweder ein verkümmerter oder recht exemplarischer Mensch, je nach Betrachtungsweise. Zur letzteren würde zumindest der Mann tendieren, den Wallace schließlich aufsuchen wird, nachdem er einen ominösen Aushang auf der Männertoilette einer Bar entdeckt. Ein gewisser Howard How (Michael Parks) bietet da freie Kost und Logis in seinem Landhaus an, sofern man bereit ist, ihm ein wenig Gesellschaft zu leisten und sich einige seiner unzähligen aufregenden Reisegeschichten anzuhören – er habe viel erlebt. Wallace ist verzweifelt genug, um zwei Stunden mit dem Mietwagen durch die kanadischen Wälder zu fahren und How auf seinem großen Anwesen zu besuchen. Dort angekommen trifft er auf einen im Rollstuhl sitzenden, freundlichen alten Mann, der ihm zum Tee eine Geschichte über seine Begegnung mit Hemingway serviert. Wie gefesselt hört Wallace dem alten Herrn zu, bis er schließlich bewusstlos vom Stuhl kippt.

Die nobelste aller Kreaturen

Dabei hätte er vor allem der letzten Geschichte vor seiner Ohnmacht mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, schließlich schildert da How, wie er einst, nachdem er Schiffbruch erlitten hatte, von einem Walross gerettet wurde. Ein Walross, das er bis heute verehrt. Wie weit diese Verehrung geht, wird in den nächsten Szenen Schritt für Schritt dargestellt, während Rückblenden näher darauf eingehen, was für ein Mensch Wallace ist: Seine Freundin hatte ihn davor gewarnt, den Kill-Bill-Jungen aufzusuchen und sich und sein Publikum an dessen Schicksal zu erfreuen, doch Wallace‘ Skrupel sind offenbar dem zunehmenden Erfolg seines Podcasts gewichen, ebenso seine Treue. Diese Abstecher in Wallace‘ Charakterschwächen wirken hier aber letztlich deplatziert: Sie stehen in keinem stimmigen Verhältnis zum absurd-komischen Tonfall des Films oder den grotesken Bildern, die einem bevorstehen – zudem sind die Schlüsse aus diesen Rückblenden (etwa: Die Fähigkeit, Gefühle zu zeigen, unterscheidet den Menschen vom Tier.) so simpel wie falsch. Das mag von Kevin Smith durchaus so gewollt sein, aber leider trägt es nicht zur Ausbalancierung der ohnehin schon sehr wirren Motive seines Films bei.

Unberechenbare Groteske

Und doch oder gerade wegen dieser Unausgewogenheit wird es in Tusk bis zum Schluss nicht langweilig – zu unsicher ist man nach einigen Bildern, was der Film einem noch zumuten kann. Ein Cameo eines inzwischen etwas bemüht wirkenden Schauspielstars etwa. Zahlreiche Witze über Kanadier. Und eine Pointe zum Kopfschütteln. Am Ende ist man fassungslos, dass dieser Film tatsächlich existiert, wobei dies auch für die eigentliche Pointe sorgen wird: Denn trotz bislang geringen kommerziellen Erfolgs wird sich Tusk dank seiner haarsträubenden Originalität unweigerlich in den obskuren Ecken des popkulturelle Gedächtnisses einbrennen. Und das war nur der erste Teil der von Kevin Smith angekündigten True North-Trilogie…

Tusk
SModcast Pictures, USA 2014
Regie & Drehbuch: Kevin Smith
Hauptdarsteller: Michael Parks, Justin Long, Haley Joel Osment
102 Min. Zu sehen bei den Fantasy Filmfest Nights 2015

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Kino & TV:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: