Der Bericht eines kaltblütigen Verbrechens
26. Feb 10: Truman Capotes Meisterwerk Kaltblütig | Martin Müller
Zu einer der schillerndsten Figuren der Literatur der Neuzeit gehört wohl Truman Capote. Berühmt für legendäre Exzesse und Exzentrik, wohl auch als gnadenloser Vamp der amerikanischen High Society, schuf er Romane, schrieb für verschiedene Magazine und Drehbücher, teils für seine eigenen Romanvorlagen wie Frühstück bei Tiffany. Doch der literarische Coup gelang ihm mit Kaltblütig, Originaltitel In Cold Blood. In seinem Streben um die Hintergründe des vierfachen Mordes an einer Familie aus Holcomb in Westkansas investierte Capote sechs Jahre Arbeit, führte Interviews, sprach mit den Tätern und fasste seine Erkenntnisse in diesem Tatsachenroman zusammen. Dabei zeichnet er das Bild eines grausamen und schwerlich verständlichen Verbrechens, das die Zeitzeugen schockierte. So stand Kaltblütig in seiner Wirkung im Erscheinungsjahr 1966 dem in nichts nach, denn neben dem Rätsel des Mordes stehen vor allem das Verstehen der Beweggründe und damit auch das Psychogramm der Täter im Vordergrund. Diese brutale Wirklichkeit, eingebettet in einer umfassenden Darstellung der amerikanischen Schizophrenie aus Moral und Gewalt, macht dieses Buch zu einem Bericht gesellschaftlicher Probleme und deren Umgang.
Im November 1959 werden Herbert W. Clutter, seine Frau Bonnie sowie sein Sohn Kenyon und Tochter Nancy kaltblütig in ihrem Haus ermordet – ja scheinbar hingerichtet. Perry Edward Smith und Richard Eugene Hickock, genannt Dick, sind ihre Mörder. Ihr Motiv ist so einfach und doch in dieser Tat nicht nachvollziehbar. Ihnen geht es um Geld. Doch die klägliche Beute sind lediglich 40 Dollar. Um Herberts Clutters allseits bekannte Manier, nur mit Schecks zu bezahlen, wissen Smith und Hickock nichts. Es beginnt eine wilde Odyssee durch die Hälfte der Vereinigten Staaten bis hin nach Mexiko und wieder zurück. Die Polizei ist anfangs ratlos über die Mörder bis sie aus dem Gefängnis einen Tipp bekommen. Zwischen dem Blick auf die Irrfahrt der Täter und der Polizeiarbeit schwenkt immer wieder der Fokus auf die Biografien von Smith und Hickock. Smith ist von Kindheitstagen an mit Gewalt, Zerrüttung und Verbrechen konfrontiert. Ganz anders hingegen Hickock, der eine typisch amerikanische Kindheit erfahren hat, aber innerlich ein Getriebener bleibt. Immer wieder tauchen auch Freunde der Clutters und die Menschen aus Holcomb auf, sind gefangen zwischen Angst, Paranoia und Trauer. Schließlich werden Smith und Hickock 1960 gefasst und zum Tode verurteilt.
Trotz der bekannten Geschichte und des Endes verliert die Erzählung nicht an Spannung, denn nur langsam zeigt sich, was wirklich geschehen ist. Capote zeigt auch die aufkommende Panik der Menschen im Ort Holcomb, die in jedem einen vermeintlichen Täter vermuten. Er nimmt die Gerüchte auf, schwenkt auf die Freunde der Familie, blickt weit in die Vergangenheit zurück und verdichtet so insbesondere die komplexen Biografien von Smith und Hickock. Dies ist auch die große Leistung dieses Buches, denn die Tat rückt von ihrer Grausamkeit ab und eröffnet auch einen tiefen Einblick in die Psychologie der Mörder. Zeitweilig berühren diese Einblicke derart, dass man sich dem Mitgefühl nicht erwehren kann. Man merkt es dem Buch an, dass Capote viel Zeit darauf verwendete, sich mit den Tätern vertraut zu machen, sie regelmäßig im Gefängnis zu besuchen und schonungslos dies offen zu legen. Dies zeigt auch der Film Capote mit Philip Seymour Hoffmann in der Hauptrolle, der sich primär auf die Entstehungsgeschichte des Buches konzentriert. Eine zeitlose Studie eines Verbrechens und seiner Täter in all seiner Schrecklichkeit. Oder wie der deutsche Untertitel besagt: „Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen.“
| Truman Capote: Kaltblütig (In Cold Blood), Roman |
| Übersetzt aus dem Amerikanischen von Kurt Heinrich Hansen |
| Rowohlt Tb. (August 1969) |
| 479 S., 9,95 Euro |
Kommentieren