Tränen im Star-Olymp
27. Apr 11: Truman Capotes Erhörte Gebete – ein Literaturskandal | Flora Treiber
Die meisten von uns warten mit gieriger und meist mit heimlicher Neugier darauf, einen Einblick in das unverhüllte Leben der gehobenen Gesellschaft zu bekommen. Truman Capote, amerikanischer Schriftsteller und selbsternannter Egozentriker, war bekannt für seine Sittengemälde der amerikanischen Gesellschaft. Doch keines seiner Bücher erlaubt dem Leser einen so großen Einblick in die ausgewählten Kreise wie der fragmentarische Roman Erhörte Gebete, der 1987, drei Jahre nach seinem Tod, erschien. Die ersten Kapitel des Romans wurden schon zu Lebzeiten Capotes in dem Magazin Esquire veröffentlicht und lösten eine Welle der Empörung unter den Schönen und Reichen aus.

- Capote 1959, fotografiert von Roger Higgins
Truman Capote verschaffte sich schon in jungen Jahren Zutritt in die New Yorker Schickeria. Er pflegte enge Freundschaften zu großen Berühmtheiten wie Marilyn Monroe und nutzte sein ausgezeichnetes Gedächtnis, um sich Gespräche und Erzählungen der Sternchen jener Zeit über- und untereinander, im Detail zu merken. In „Erhörte Gebete schildert Capote die Erlebnisse des Protagonisten P.B. Jones, seinem hinterhältigen literarischen Doppelgänger, mit der Upper Class. In einen Tarnmantel gehüllt, stellt Capote Größen wie die Millionärswitwe Ann Woodward in seinem Roman dar und plaudert die intimsten Geheimnisse aus. In der ersten Kurzgeschichte des Romans „Unverdorbene Ungeheuer“ werden die Anfänge von Jones, dem verkappten Schriftsteller, in der gehobenen Gesellschaft dargestellt. Schamlos und grenzenlos indiskret wird er, nachdem er in einer Callboy-Agentur angeheuert hat, das Spielzeug der Reichen. Klaus Happrecht, deutscher Journalist und Autor gab dem Buch nicht umsonst den Ersatztitel Die Karriere eines intellektuellen Strichers. Kate McCloud, die Heldin des Buches wird in der nach ihr benannten Kurzgeschichte genau beschrieben. Die letzte Kurzgeschichte des Romans ist nach dem berühmten New Yorker Restaurant „La Cȏte Basque“ benannt und war der hauptsächliche Auslöser für den großen Literaturskandal. Das Restaurant war der Tempel der Upper Class. In den späten fünfziger Jahren gehörte unter anderem Frank Sinatra zu den Stammgästen. In diesem Restaurant sitzend, belauscht der Protagonist mehrere Gäste und hört seinem Gegenüber wie immer aufmerksam zu. Er deckt einen vertuschten Mord auf und erfährt alles über heimliche Affären. P.B. Jones lebt, wie der Autor selbst zu dieser Zeit, in einem Rausch von Alkohol, Drogen, Intrigen und Seitensprüngen. Vor der Veröffentlichung von Erhörte Gebete drohte Capote in einem Meer von Champagner zu ertrinken, doch nachdem viele seiner Freunde ihm nach der Publikation den Rücken zudrehten, merkte er, dass er ohne die Luft der Reichen und Schönen zu ersticken drohte. Der gesellschaftliche Niedergang des Schriftstellers war vorprogrammiert. Durch den Verrat von Freundschaft wurde er ein angesehener, aber einsamer Schriftsteller. Er schrieb das Buch niemals zu Ende. Ob er damit Reue zeigte, seine Freunde verraten zu haben, ist fraglich.
Erhörte Gebete ist Klatsch und Tratsch auf höchstem Niveau. Mit viel Bosheit und noch mehr Witz ist es Capote gelungen, einen fabelhaften Gesellschaftsreport zu schreiben. Der Roman erfüllt das, was jeder Roman erfüllen sollte – er ist unterhaltsam. „Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte“, sagte Theresia von Ávila. Bei den Schönen und Reichen waren es, nach der Veröffentlichung des Werkes, Tränen der Empörung und der Verzweiflung, bei Capote waren es vielleicht Tränen der Trauer über seinen gesellschaftlichen Absturz und des Glücks über seinen Erfolg. Früheren Werken Capotes, wie Frühstück bei Tiffany oder Sommerdiebe merkte man bereits seine Vertrautheit mit der gehobenen Gesellschaft an, aber niemals hatte er Insiderwissen an die Öffentlichkeit weitergegeben. Mit seinem Enthüllungsroman allerdings, verletzte er all das Vertrauen, welches ihm von seinen Freunden entgegengebracht wurde. Ob es die richtige Entscheidung war, spielt an dieser Stelle keine Rolle, denn Capotes Sprache, gepaart mit pikanten Geschichten, beschert dem Leser ein großes Vergnügen.
| Truman Capote: |
| Erhörte Gebete (1987) |
| Übersetzt aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning |
| Goldmann, München 2010 |
| 234 S. 8,95 Euro |
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