Inhalt:

Zum Müllberg der goldenen Herzen

18. Jun 15: Bemerkenswert verhunzt: Stephen Daldrys Sozialkitsch-Fabel Trash | Dobrila Kontić

Flash is required!

Regisseur Stephen Daldry (Billy Elliot, Der Vorleser) verfilmt den Jugendroman Trash von Andy Mulligan, in dem es um den Kampf dreier Straßenkinder gegen Polizeigewalt und Korruption geht. „Interessant“ mag man beim Betreten des Kinosaals noch denken – und kehrt nach diesem knapp zweistündigen, wirren Abenteuer-Thriller-Drama, das vor Naivität und Witzlosigkeit nur so strotzt, verblüfft zurück.

Ein leuchtender Müllberg

José Angelo hat keine Wahl: Die Polizei wird ihn schnappen und kurzen Prozess mit ihm machen – da kann er seine Geldbörse, deren Inhalt verschlüsselte Informationen zur Enthüllung eines Korruptionsskandals enthält, auch gleich über die Balkonbrüstung werfen. Wie das Schicksal es will (oder Josés Treffsicherheit, man weiß es nicht) landet die Geldbörse auf einem Mülltransporter. Während José von der Polizei zu Tode gefoltert wird, wird sie auf einer riesigen Müllhalde am Rande Rio de Janeiros abgeladen. Dort findet sie der junge Müllsammler Rafael (Rickson Tevez), der die Geldscheine mit seinem Freund Gardo (Eduardo Luis) teilt und zunächst nur einen flüchtigen Blick auf den Rest des Inhalts wirft: ein Lotterieschein, das Foto eines Mädchens in seinem Alter und ein Schlüssel. Schließlich ist die Schicht von Rafael und den übrigen Kindern noch nicht zu Ende und sie müssen weiterhin auf der Suche nach wertvollen Gegenständen den Müllberg erklimmen. Man kann sich als Zuschauer den Gestank und die Trostlosigkeit dieses Szenarios kaum vorstellen, was weniger mit der Begrenztheit der eigenen Vorstellungskraft als mit der freundlichen, fast grellen Farbqualität zu tun hat, die der Regisseur unpassender Weise für den Film gewählt hat. So wirkt denn auch die Baracke, in der Rafael und die anderen Müllsammler schlafen, seltsam heimelig – mal abgesehen von der Gemütlichkeit der Kirche, in der der Priester Juilliard (Martin Sheen) und die NGO-Mitarbeiterin Olivia (Rooney Mara) die verwaisten Kinder mit Essen und Englisch-Unterricht versorgen und für den Rest der Handlung völlig überflüssig sind. Bald schon erhalten die Jungs Besuch von der Polizei, die dem Entdecker der Geldbörse einen Finderlohn verspricht. Rafael widersteht der Versuchung, die Geldbörse auszuhändigen und sucht stattdessen zusammen mit Gardo den Jungen auf, den alle in der Favela nur „Ratte“ nennen und aufgrund seiner Hautkrankheit meiden. Mit ihrem gemeinsamen Rätselraten um die Bedeutung der Geldbörse fängt für die drei Jungs eine Reise an, die vom Road Trip, zum Heist, zum rohen Thriller und dann wieder zum kindlichen Abenteuer wird.

Leider nutzt Trash nutzt jede Gelegenheit, zur plumpen Sozialkitsch-Fabel zu werden, die es mit nachvollziehbaren Entwicklungen nicht so genau nimmt. So wird etwa Rattes Außenseiterstatus ohne jegliche Erklärung im Nu überwunden und er gehört plötzlich zu den Jungs dazu, die ihn eigentlich nicht leiden konnten. Noch viel ärgerlicher ist die unzureichende Begründung, die Rafael auf die Frage wiederholt, warum er sein Leben für die Enthüllung eines (in Brasilien wahrscheinlich eher lachhaften) Korruptionsskandals riskiert: „Weil es richtig ist.“ Ein Straßenjunge mit einem Herzen aus Gold und keiner Spur Bitterkeit über seine Lebensumstände, die denen der verrohten Protagonisten aus dem Film City of God in etwa ähneln dürften... Und da zudem jeder Versuch, etwas Humor in die Dialoge zu bringen, peinlich scheitert, kann man über all diese und weitere Verfehlungen von Regisseur Daldry und Drehbuchautor Richard Curtis nicht hinwegsehen. Ein wirres, märchenhaftes Ende, das unbedingt inspirierend wirken wollte, setzt Trash schließlich die Krone des Scheiterns am guten Willen auf. Ein Film, der sich gern politisch und kämpferisch geben will, aber nie in der Realität ankommt – von der deutschen Film- und Medienbewertung übrigens für „besonders wertvoll“ befunden.

Trash
Working Title Films, GB/Brasilien 2014
Regie: Stephen Daldry. Drehbuch: Richard Curtis
Hauptdarsteller u.a.: Rickson Tevez, Eduardo Luis, Martin Sheen, Rooney Mara
114 Min. Deutscher Kinostart: 18. Juni 2015

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Kino & TV:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Fusszeile: