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Episoden der Vergänglichkeit

04. Aug 11: Tom Rachmans fabelhafter Debütroman Die Unperfekten | Dobrila Kontić

Die Werbeeinnahmen brechen ein, Paid-Content-Modelle bringen nicht den gewünschten Erfolg und Journalisten werden skandalös schlecht bezahlt – das digitale Zeitalter hat die großen Zeitungsverlage schier überrollt und noch ist kein Ende der Schreckensmeldungen für den Printjournalismus in Sicht. Ein perfekter Zeitpunkt also, um einen Roman über das bittere Ende einer feinen internationalen Zeitung mit Sitz in Rom auf den Markt zu werfen, könnte man meinen. Doch Tom Rachmans beeindruckender Debütroman Die Unperfekten ist sehr viel mehr als ein mit Kalkül geschilderter Abgesang auf Druckerschwärze und stickige Redaktionsbüros – er verknüpft die Schicksale seiner Figuren und ihre Geschichten über Fehlbarkeit und Vergänglichkeit zu einem stimmungsvollen Ganzen.

Elf Charaktere, verbunden durch ihre Arbeit bei einer englischsprachigen Tageszeitung, die 1953 in Rom gegründet wurde und deren bewegte Geschichte am Ende jedes Kapitels vom Anfang bis zum Ende kontinuierlich geschildert wird – das ist das grobe Erzählmuster von Die Unperfekten. So lernt der Leser etwa Arthur Gopal kennen, der bei der Zeitung in Rom für die Nachrufe und die äußerst beliebte „Rätsel-Brezel“ zuständig ist – ein unbefriedigender Job, aber einer muss ihn ja schließlich machen. Dabei würde Arthur seine Zeit viel lieber mit seiner achtjährigen Tochter Pickle verbringen, deren Schrulligkeit er anbetet. Doch wie das Schicksal so spielt, ereilt Pickle ein Unglück und im bestürzten Arthur keimt ein unerwarteter Ehrgeiz auf, der ihm zum Aufstieg in der Redaktionshierarchie verhilft – glücklich wird er aber nie wieder sein. Herman Cohen, der seine Kollegen als pedantischer Chefkorrektor regelmäßig auf harsche Weise maßregelt, kann hingegen überaus zufrieden sein: Er ist glücklich verheiratet, liebt sein Leben in Rom, ist stolz auf seine Tochter und die beiden Enkelkinder. Nun steht bloß noch der Besuch seines eloquenten Jugendfreundes Jimmy an, den er immer für einen sehr talentierten Schriftsteller gehalten hat, obwohl dieser letzten Endes nichts zu Papier gebracht hat. Abbey Pinola, die Finanzchefin des Blattes, plagen hingegen ganz andere Probleme: Aufgrund der desolaten finanziellen Lage des Blattes musste sie den Redakteur Dave entlassen – dumm nur, dass dieser auf dem elfstündigen Flug von Rom nach Atlanta zufällig ihr Sitznachbar ist! Das sind nur drei von elf äußerst lesenswerten Geschichten, die allesamt von Unwiederbringlichem, Unverzeihlichem und Vergänglichem in den Leben dieser verkorksten aber irgendwie liebenswerten Charaktere handeln. Sie alle verbindet die Arbeit bei einer Zeitung, der sie viele Jahre geopfert haben und die nun dem Untergang geweiht ist. Eine weitere Lebenswende steht also bevor, von einigen wird sie unbewusst herbeigesehnt und von anderen gefürchtet.

Mit viel Einfühlsamkeit und einem wunderbar ironischen Blick auf den journalistischen Alltag schildert Tom Rachman diese Geschichten, die zusammen ein wunderbar stimmiges, wenn auch trauriges Bild über den Wandel der Zeit im Individuellen wie auch im Allgemeinen ergeben. So geht es in Die Unperfekten letzten Endes weniger um den Untergang einer Tageszeitung, die dem Schreckgespenst Digitalisierung nicht mehr standhalten konnte. Es geht um das alternde Individuum, das in diesem scheinbar neuartigen Phänomen nur das altbekannte Grauen vermutet: Vergänglichkeit. Letzten Endes wird sich jede von Rachmans brillanten Figuren dem bitteren Wandel der Zeit stellen und Abschied nehmen müssen – wie auch der Leser, der nach knapp 400 Seiten diesen fabelhaften Roman nur widerwillig aus der Hand legen wird.

Tom Rachman:
Die Unperfekten
Übersetzt aus dem Englischen von Pieke Biermann
dtv, München 2010
400 S. 14,90 Euro

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