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‚Das beste Album des neuen Jahrzehnts‘

08. Feb 10: Das neue Selbstbewusstsein von Tocotronic mit ihrem neuen Album „Schall und Wahn“ | Martin Müller

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(c) Sabine Reitmeier

Nach nunmehr siebzehn Jahren haben es Tocotronic geschafft und mit ihrem neuen Album „Schall und Wahn“ die Spitze der deutschen Albumcharts erklommen. Dies spiegelt sich, auch wenn es vorher nicht abzusehen war, in der Werbung zu diesem Werk wider, wenn sie selbstbewusst und ohne jedwede Bescheidenheit vom „besten Album des neuen Jahrzehnts“ sprechen. Ob hier Größenwahn oder Ironie des Managements im Spiel war und ob es nur ‚Schall‘ oder ‚Wahn‘ ist, sei wohl jedem selbst überlassen. Zumindest springen die großen Musikmagazine auf diesen Zug auf und verschmähen keinen Versuch, Euphemismen unters Volk zur neuen Platte zu verstreuen. Verwunderlich ist dies nicht, denn nach der bereits großartigen letzten Platte „Kapitulation“ von 2007 schien der Gipfel bereits erreicht. Doch Tocotronic wären nicht Tocotronic, wenn da nicht noch eins oben drauf gesetzt werden könnte. Gleichzeitig endet mit „Schall und Wahn“ die sogenannte Berlin-Trilogie und die Hamburger Schule bricht damit ihre Exkursion ins ‚Yuppie‘-Berlin ab. Es bleiben neben „Pure Vernunft darf niemals Siegen“, „Kapitulation“ und jetzt „Schall und Wahn“ erstklassige Beispiele guter deutscher Gitarrenmusik.

Zunächst fällt auf, dass sie sich der Opulenz von langen Stücken nicht erwehren konnten und beginnen, wie auch schließen, das Album mit jeweils über acht Minuten dauernden Stücken. Zaghaft setzt Dirk von Lowtzow an und singt so leicht „Eure Liebe tötet mich“, das sich langsam in ein mächtiges Gitarrenspiel mit fast schon prophetischem Charakter ausdehnt. Die großen Momente setzen sich fort und nehmen in „Das Blut an meinen Händen“, ein mit Streichern und dem Hang zu einer Elegie, pathetische Ausmaße an. In seiner Schönheit steht „Im Zweifel für den Zweifel“ dem nichts nach, auch wenn hier das Pathetische einer lieblich sanften von Violinen begleiteten Gitarre weichen musste. Aber mit Müßiggang oder Lieblichkeit hat dies nichts zu tun: „Im Zweifel für die Bitterkeit und meine heißen Tränen“. Dass es auch anders geht, die alten wilden Zeiten nicht vergessen sind, zeigt „Stürmt das Schloss“ – ein wildes Geschrammel auf den elektrischen Gitarren mit dahin skandierten Parolen, schnellem Rhythmus… reinster Punk. Daneben haben natürlich auch wohlig anmutende und musikalisch vertraute Stücke wie „Schall und Wahn“, „Bitte oszillieren Sie“ und „Gesang des Tyrannen“ ihren Platz. „Macht es euch nicht selbst“ hat dagegen Potenzial, wie „Hi Freaks“ oder „This Boy is Tocotronic“, zum Ohrwurm der Platte zu werden. Eine eingängige Melodie, ordentlich Gitarren und Tempo werden sicherlich das Publikum besonders live begeistern. Zum Ausklang wird nochmal der ganze Raum ausgefüllt, wenn die Streicher anschwellen und die Gitarre ansetzt bis sich „Gift“ langsam mit zerrender Gitarre ausnimmt und am Ende mit Streichern in runder Harmonie ein fulminantes Ende findet.

Der kritische Blick auf die Welt ist ihnen mal wieder gelungen. Bisweilen schon apokalyptisch und alles andere als optimistisch wenden sie sich gegen den Frust der Gleichgültigkeit. Musikalisch betreten sie nun nicht unbedingt Neuland, aber dies ist auch nicht nötig. Der Rahmen für ihren Blick auf die Gesellschaft bleibt die bekannte und auch bewährte Gitarrenmusik à la Hamburger Schule. Ihnen zu unterstellen, noch erwachsener geworden zu sein, würde schon an Blasphemie grenzen. Zwar wirken rein äußerlich Tocotronic immer noch wie eine Oberstufenband mit gereiften Outfits von Intellektuellen, doch steckt in ihnen und besonders in von Lowtzows Lyrik eine scheinbar tiefere Weisheit. Aber vielleicht sind sie auch nur gute Beobachter. Sei es drum, das Album in seiner Gänze ist Aussage genug und braucht wohl nicht vieler Worte. Ob man nun große Loblieder anstimmen muss, bleibt Geschmackssache. Doch gegen den Einheitsbrei wie bei Bohlen & Co. müssen solche Lichtblicke der deutschsprachigen Musik protegiert werden.

Link zur Website von Tocotronic

Schall und Wahn von Tocotronic
Erschienen: 22.01.2010 bei Vertigo Berlin (Universal)
Macht es nicht selbst (LP Single) von Tocotronic
Erschienen: 05.02.2010 bei Vertigo Berlin (Universal)

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