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Ins Herz der Hexenangst

11. Apr 16: FANTASY FILMFEST NIGHTS 2016: Robert Eggers‘ The Witch | Dobrila Kontić

Flash is required!

Als Film, der sogar den hartgesottenen Horror-Autor Stephen King ängstigte und wie von Regie-Legende Stanley Kubrick erschaffen scheint, wird The Witch seit kurzem in den USA vermarktet. Seit Februar läuft der Regiepreis-Gewinner des Sundance Filmfestivals dort bundesweit, was für einen Horrorfilm, noch dazu ein Debüt, eher unüblich ist. Man mag an einen Hype denken, doch was Robert Eggers, einst Kostümdesigner, in seinem Historien-Horror-Drama generiert, lässt uns die entsetzlichen Auswirkungen des puritanischen Aberglaubens nachempfinden. Und erschüttert bis ins tiefste Mark.

Die Familie beim abendlichen Gebet.

Frohgemut in die Isolation

Am Anfang von The Witch, das in Neuengland um 1630 spielt, steht die selbstgewählte Verbannung: Der Familienvater William (Ralph Ineson) wird aufgrund seiner als abtrünnig befundenen Predigten vors Gericht der jungen Koloniegemeinde zitiert. Obwohl seine Mittel begrenzt sind und er fünf Kinder zu ernähren hat, siegt sein Stolz und er entscheidet, mit seiner Familie die Gemeinde zu verlassen. Sie lassen sich auf einem unberührten Flecken Erde vor einem Wald nieder – zunächst glücklich, der einengenden Gemeinde entflohen zu sein. Doch bald schon erleiden sie in dieser Abgeschiedenheit einen schrecklichen Verlust: Der Säugling Samuel wird seiner Schwester Thomasin (Anya Taylor-Joy) während eines Spiels wie von unsichtbarer Hand entrissen und in den Wald entführt. Die Suchen von William und Caleb führen zu nichts und die Familie glaubt zunächst daran, dass ein Wolf das Baby mit sich fortgeschleift hat.

An diesem Punkt ist der Zuschauer hingegen schon aufgeklärt: Eine Hexe, in finsteren Umrissen erkennbar, hat das Baby mit sich fortgeführt und für ihr Opferritual gebraucht, wie in einer zum Glück bloß andeutenden Szene gezeigt wird. Fortan durchlebt die Familie zahlreiche Rückschläge. Die Ernte verdirbt, die Mutter Katherine verliert ihren Glauben und jegliche Hoffnung auf Besserung und die älteste Tochter Thomasin wird immer kritischer beäugt.

Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy)

Der Weg ins Verderben

Es überrascht zunächst, dass Eggers‘ Film nicht bloß mit Andeutungen und Doppelbödigkeit operiert und tatsächlich eine nicht nur in den Köpfen der Figuren existierende Hexenfigur zeigt. Doch der Regisseur verlässt sich weniger auf die Entsetzlichkeit dieser Kreatur, sondern fördert zutage, wie das Entsetzen über den Verlust und die große Gottesfurcht die Familie schrittweise in die Ausweglosigkeit treibt. Wie sie zur Annahme verleitet wird, dass eine Hexe unter ihnen weilt – ohne diese je gesehen oder einen klaren Anhaltspunkt zu haben. Und wie sie in diesem Zustand aus Wahn und Verzweiflung geradezu und unausweichlich aufs Verderben zusteuert. Auf Szenen, die die Spannung bis zum äußersten treiben, um einen dann doch kurz aufatmen zu lassen, folgen bald die ersten in ihrer Symbolkraft erschütternden Bilder, die lange nach dem Abspann nachwirken.

Konzentration und Tiefenwirkung

Die tief verankerte Angst der puritanischen Gesellschaft vor dem unaufhaltsamen Bösen will Eggers uns in seinem Film nach eigener Aussage nachempfinden zu lassen. Eine Angst, die von ihrem Glauben an den Teufel und die Folgen von Sündhaftigkeit genährt wurde und in den meisten Fällen dadurch erst das wahre Unheil erschuf. The Witch konzentriert sich auf diese Themen mit einer überwältigenden Bildkraft, die alle üblichen Grusel-Klischees meidet und damit eine Tiefenwirkung erreicht, der man sich nur schwer wieder entziehen kann. Ein Glück, dass im Anschluss an die Festival-Vorführung ein munteres Q&A folgte, bei dem der schlagfertige Regisseur mit Anekdoten über den widerspenstigen Ziegenbock bei den Dreharbeiten amüsierte. Das lenkte dankbarerweise vom eben Gesehenen ab – zumindest bis zum Zubettgehen.

The Witch
USA, Großbritannien, Kanada 2015
Regie & Drehbuch: Robert Eggers
Hauptdarsteller: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie
92 Min. Deutscher Kinostart: 19. Mai 2016

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