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Eine Erfolgsgeschichte ohne Helden

06. Oct 10: David Finchers mit Spannung erwarteter Film The Social Network | Dobrila Kontić

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Es ist vermutlich einer der am sehnsüchtigsten erwarteten Filme dieses Jahres: David Finchers Drama The Social Network, das von den turbulenten Gründungsjahren des heutigen Online-Giganten Facebook und dessen Erschaffer Mark Zuckerberg handelt. Bereits mehrere Monate vor dem offiziellen Filmstart, war The Social Network in der internationalen Presse präsent, schließlich ist das beliebteste und erfolgreichste aller Online-Netzwerke ein kaum mehr wegzudenkendes wie auch kontrovers diskutiertes Phänomen unserer Zeit. So haben wir früh erfahren, dass The Social Network mit Zuckerberg hart ins Gericht geht und sich den Unklarheiten um den wahren Ideengeber für dieses mächtige Projekt widmet, dass Zuckerberg diese filmische Biografie nicht autorisiert hat und auch nicht vorhat, sie sich anzuschauen. All diese Meldungen, sowie der gut kalkulierte Trailer und der einprägsame Film-Claim „Du kannst keine 500 Millionen Freunde haben, ohne dir ein paar Feinde zu machen“ haben die Erwartungen an diesen Film immens in die Höhe getrieben. Doch was kann man eigentlich von einem Drama erwarten, in dem es keine Sympathiefigur, geschweige denn einen Helden gibt?

Oktober 2003, Cambridge: Der Harvard-Student Mark Zuckerberg (Jesse Eisenberg) und seine Freundin Erica Albright sitzen in einer Studenten-Bar und führen eine hitzige Diskussion zum Thema ‚Final Clubs‘, studentische Bruderschaften, die ihren wohlsituierten Mitglieder Zugang zu exklusiven Partys und einflussreichen Menschen bieten. Mark wünscht sich sehnlichst eine solche Mitgliedschaft, während Erica solch ein exklusives Geklüngel ablehnt. Es kommt zum Streit zwischen dem Paar, Erica trennt sich von Mark und dieser kehrt wütend in sein Wohnheim zurück. Wie wahr oder doch fiktional diese Anfangssequenz von The Social Network in Wirklichkeit ist, werden wir wohl nie erfahren, aber was daraufhin folgt, ist die äußerst reale Grundsteinlegung für das heute über 500 Millionen Nutzer umspannende Netzwerk ‚Facebook‘. Mark hackt sich im leicht berauschten Zustand in die Universitäts-Computer ein und kreiert mit der Hilfe seines Kommilitonen Eduardo Saverin (Andrew Garfield) ‚Facemash‘, eine recht sexistische Plattform, in der die Studentinnen des Campus von Usern hinsichtlich ihrer Attraktivität verglichen werden können. 22.000 Klicks innerhalb einer Stunde und eine Abmahnung durch den Campus-Rat später, hat Mark seinen Ruf als Asympath und Computergenie zugleich weg. Die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss und ihr Freund Diviya Narendra, ebenfalls Harvard-Studenten, werden auf ihn aufmerksam und bitten Mark, ihnen bei ihren schon länger bestehenden Plänen für ein Dating-Netzwerk behilflich zu sein. Mark stimmt zu, verfolgt aber die Gründung eines eigenen Netzwerkes namens „The Facebook“. Zusammen mit Eduardo, seinen Zimmergenossen und dem später dazu stoßenden Sean Parker (Justin Timberlake), Mitbegründer der legendären FileSharing-Plattform Napster, setzt er in den nächsten Jahren diesen Plan um – ohne den finalen Erfolg und die späteren Gerichtsprozesse absehen zu können, und vor allem: ohne Rücksicht auf Verluste.

Facebook und allein die Gründung dieses heute so mächtigen Netzwerkes bieten viel Stoff für eine spannende Geschichte. Dies hat der Autor Ben Mezrich bereits früh erkannt und veröffentlichte 2002 sein auf Interviews mit dem Mitbegründer Eduardo Sevarin beruhendes und mit fiktionalen Szenen aufgestocktes Buch Milliardär per Zufall. Auf dieses Buch stützten sich auch der bekannte Regisseur David Fincher (Sieben, Fight Club, Zodiac) und Drehbuchautor Aaron Sorkin und mussten daher in Kauf nehmen, dass die Wahrnehmung der Ereignisse aus Sicht des realen Mark Zuckerberg ausblieb. Und so sind wir auf die Interpretationen eines Drehbuchautors angewiesen, der in einem Interview Mark Zuckerberg als „Anti-Helden“ auf dem Weg zum „tragischen Helden“ beschreibt und darüber spricht, dass ein so junger erfolgreicher Mensch auf dem Weg zur Spitze einen hohen Preis zahlen muss, denn „Niemand mag einen 26jährigen Milliardär.“ In The Social Network begegnen wir konsequenterweise einem verkniffenen, von seiner Intelligenz überaus überzeugten aber nach Anerkennung dürstenden Mark Zuckerberg, der seine Mitmenschen regelmäßig unabsichtlich vor den Kopf stößt und später sehr bewusst zu Ungunsten der Mitbegründer von Facebook agiert. Fincher und Sorkin haben sehr viel Wert auf die Charakterzeichnung dieser real existierenden Figur gelegt, ebenso wie auf die Darstellung der schnöseligen, vom Ehrgeiz zerfressenen Winklevoss-Zwillinge, den dummschwätzenden und zugleich sehr anziehenden Sean Parker und Eduardo Saverin als einzigen, aber letzten Endes zutiefst enttäuschten Freund von Mark Zuckerberg. Doch ebendiese sorgfältigen, wenn auch nicht unbedingt auf Fakten beruhende Charakterisierungen ermüden den Zuschauer innerhalb der zwei Stunden von The Social Network zusehends. Denn vor allem die in die Haupthandlung hineingeschnittenen Szenen aus den späteren Prozessen zwischen Zuckerberg und seinen Klägern machen eins deutlich: Was alle Parteien bei der Gründung von Facebook angestrebt haben ist viel weniger die weltverändernde Innovation, die dem Netzwerk heute zugesprochen wird, sondern vielmehr: Geld, Ansehen, Macht und noch mehr Geld. Und so ist The Social Network als Film ohne Helden zu betrachten, was der Wahrheit um die Gründung von Facebook wahrscheinlich am nächsten kommt, aber den Zuschauer den Figuren gegenüber genauso gleichgültig zurücklässt, wie diese es im Verlauf des Films zueinander sind.

The Social Network
Columbia Pictures, USA 2010
Regie: David Fincher. Drehbuch: Aaron Sorkin
Nach dem Buch Milliardär per Zufall von Ben Mezrich
Hauptdarsteller u.a.: Jesse Eisenberg, Andrew Garfield, Justin Timberlake
121 Min. Dt. Filmstart: 07. Oktober 2010

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