Inhalt:

Die ewig aufgeschobene Postapokalypse

13. Oct 10: John Hillcoats Verfilmung von Cormac McCarthys Roman The Road | Dobrila Kontić

Flash is required!

Man stelle sich eine Welt in nicht allzu ferner Zukunft vor, in der ein vollständiger Natur-Kollaps fast alles Leben auf der Erde ausgelöscht hat. Es regnet Asche, hier und da fließen noch verdreckte Flüsse, Feuerstürme brechen aus und hin und wieder bebt die Erde, wie um ein letztes Zeichen ihres Sterbens zu setzen. Die Infrastrukturen sämtlicher Länder sind zusammengebrochen. Hier und da existieren noch Menschen, aber als human gehen die meisten nicht durch – stattdessen haben sich kannibalische Grüppchen formiert, die vor nichts zurückschrecken, um sich am Leben zu erhalten. Und durch diese postapokalyptische Ödnis führen uns ein Vater und sein junger Sohn, die sich mit ihrer letzten Hoffnung im Gepäck auf den beschwerlichen Weg in den Süden machen. Dies ist die Welt, die der US-amerikanische Autor Cormac McCarthy in seinem 2006 erschienenen Meisterwerk The Road auf stilistisch sehr zurückhaltende und gerade deswegen frappierende Weise beschrieben hat. Regisseur John Hillcoat hat nun eine Verfilmung dieses existenziellen Dramas vorgelegt, die dem Roman teilweise gerecht wird, sich in anderen Teilen aber leider Hollywoods Blick auf ein möglichst breites Publikum fügen musste.

Ein Vater-Sohn-Gespann ist auf einer düsteren Straße unterwegs, umgeben von einer grauen, staubigen Landschaft, die man nun nicht mehr urban nennen kann. Namen werden nicht verwendet, sie haben wie so viel anderes wohl auch ihren Sinn verloren. Der Mann (Viggo Mortensen) kann nicht einmal exakt den Monat nennen, er hat mit der Kalenderrechnung aufgehört und schließlich ist es die meiste Zeit kalt und dunkel. In einer Rückblende wird uns der Moment gezeigt, in dem die entscheidende Naturkatastrophe den Mann und seine damals hochschwangere Ehefrau (Charlize Theron) wie auch den Rest der Menschheit heimgesucht hat. Weitere Rückblenden erklären, weshalb die Ehefrau nun nicht mit ihm und dem gemeinsamen Sohn auf der Straße Richtung Süden, Richtung Meer unterwegs ist. Der Vater und sein Sohn hoffen dort auf ein milderes Klima und vielleicht auch mildere Menschen zu stoßen. Denn die meisten, denen sie auf ihrem beschwerlichen, von Hunger und Kälte begleiteten Weg begegnen, haben ihren Rest Humanität ihrem unbedingten Überlebenswillen geopfert. So muss der Vater nicht nur darauf achten, dass sein Sohn nicht durch einen Infekt, die generelle Erschöpfung und Unterernährung dahingerafft wird, er muss ihn auch vor Kannibalen bewahren, die sich mitunter einen lebendigen Vorrat an Menschenfleisch in den Kellerräumen längst verlassener Häuser halten. Doch die schwierigste Aufgabe ist es für den Vater, sich selbst am Sterben zu hindern, schließlich bröckelt langsam auch der Sinn am Aufrechterhalten der letzten Hoffnung: Das Leben seines Sohnes.

The Road ist ein düsteres Drama über das Überleben in einer Zeit, in der das Leben fast jeglichen Wert verloren hat. Er baut aber auf eine Romanvorlage auf, die nicht nur durch die Beschreibung der postapokalyptischen Schrecken an die Substanz geht. Vielmehr wirft McCarthys Erzählung existentielle Fragen auf: Welchen Sinn hat das Leben in einer Welt, in der die Bedingungen für ein würdevolles Überleben nicht mehr gegeben sind? Eine Welt, in der es keine verlässlichen Sozialgefüge mehr gibt, sondern die Bedingungen für ein menschliches Miteinander von einem unerbittlichen Gegeneinander ersetzt worden sind? Und ist es in so einer Welt noch vertretbar, sich selbst und seine Nachkommen mit aller Kraft am Leben zu erhalten? Diese Fragen ergeben sich aus McCarthys Roman in seiner Gesamtheit aus einfachen Beschreibungen der Erlebnisse von Vater und Sohn auf ihrem Weg, den meist kurzen Gesprächen zwischen ihnen und vereinzelten Einblicken in die Gedanken des Vaters. Sie in einen Film zu übersetzen gestaltet sich natürlich schwierig. Regisseur John Hillcoat lässt zu diesem Zwecke die Gedanken des Vaters an einigen Stellen sprechen, was sich aber im Vergleich zur Lektüre des Romans als unzulänglich erweist. Im Großen und Ganzen folgt die Verfilmung zwar den Vorgaben des Romans, leistet sich aber hin und wieder etwas weitreichendere Abstecher in die präapokalyptische Zeit: Die Ehefrau (Charlize Theron) und ihre Sicht auf den vermeintlichen Ausweg aus dem existentiellen Dilemma nehmen in der Verfilmung deutlich mehr Raum ein, es wird sogar ein harmonisches Landidyll des einstigen Ehepaares gemalt. Gerade diese Erweiterungen, darunter auch waghalsigere Fluchtszenen vor der Kannibalen-Meute, wären nicht nötig gewesen und hätten vom Regisseur und dem Drehbuchautor vielleicht zugunsten einer experimentelleren Herangehensweise an die existentiellen Themen des Films gestrichen werden können. Aber große Experimente wollte man wohl keinesfalls wagen: Deswegen wurden auch die minimalsten Rollen mit durchaus namhaften Schauspielern wie Charlize Theron, Robert Duvall und Guy Pearce besetzt. Finanzielle Interessen lagen wohl auch nahe, als die Produzenten (darunter die Weinstein-Brüder) den Kinostart des Films in den USA 2008 einfach um ein Jahr verzögerten, dann wieder einen Monat weiter nach hinten schoben, um für die Verleihung der Academy Awards bedacht zu werden. Oscars gab es keine und ein großer kommerzieller Erfolg in den USA blieb auch aus. Was bleibt am Ende übrig? Ein durchaus sehenswertes Drama mit einem überragenden Viggo Mortensen, dem man die Rolle als Fackelträger in Zeiten der Dunkelheit, als letzter Beschützer der Hoffnung und Menschlichkeit in einer verlorenen Welt jeden Moment abnimmt. Eine Vater-Sohn-Geschichte, die zwar zu Tränen rührt, die wichtigsten Themen aber zugunsten eines stets voranschreitenden Handlungsgefüges beiseite schiebt. Ein Film, der hätte mehr sein können und so wiederum die Lektüre der großartigen Romanvorlage nahelegt.

The Road
Dimension Films, USA 2009
Regie: John Hillcoat. Drehbuch: Joe Penhall.
Nach dem Roman The Road (2006) von Cormac McCarthy
Hauptdarsteller: Viggo Mortensen, Kodi Smit-McPhee, Charlize Theron
113 Min. Deutscher Kinostart: 12. Oktober 2010

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Kino & TV:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: