Großer emotionaler Indie-Pop
19. May 10: Das neue Album „High Violet“ der US-Indie Band The National | Martin Müller
Anlässlich ihres neuen Albums „High Violet“ gingen The National auf Tour und machten am 8. und 9. Mai in Berlin Station. Durch die unglaubliche Nachfrage sahen sie sich genötigt, ein Zusatzkonzert zu geben, was ebenfalls restlos ausverkauft war. Seltsam hieran war nur, dass dieses früher stattfand und auch im größeren Haus. Doch bietet das Huxley´s in Berlin einen idealen Rahmen mit seinem stuckverzierten Ambiente, um die so schön raumgreifende düstere Stimmung der musikalischen Melancholie aufzunehmen. Und sie erfüllten den Raum, verzückten das Publikum und Frontmann Berninger wagte dann noch einen Gang durch das Publikum, um so für einige das besondere Erlebnis des persönlichen Kontaktes für die Anekdoten an die späteren Enkel mit auf den Weg zu geben. Die schlichte Show, die Konzentration auf die Musik und die kraftvolle Energie der neuen Platte, sorgten für einen sehr gelungenen Abend. So zeigte sich auch die Qualität des neuen Albums, das weit aus mehr auf große Arrangements setzt, aber ihre Grundeinstellung der eher düsteren Stimmung nicht verlässt. Getragen von Matt Berningers dunkler Stimme ließen sie zum Sommerbeginn nochmals die grauen und schweren Wolken eines Herbsttages aufziehen.

- Foto von Keith Klenowski
Eine grundsätzlich positive Einstellung war noch nie der Fall von The National. Es wurde schon auf den vorherigen Alben von Schmerz und düsteren Stimmungen geraunt - der Melancholie freien Lauf gelassen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass mit dem neuen Album „High Violet“ dieser Kurs nicht verlassen wird. Doch haben sie sich jetzt mehr den plastischeren Sounds geöffnet und Berningers Stimme mit ordentlichem Hall mehr Wirkung verliehen. Damit wirken die neuen Songs wesentlich gewaltiger, was nicht zuletzt auch durch den häufig auftauchenden Chor erreicht wird. Zudem setzen sie nunmehr auf klare Melodien, die ihnen neben mehr Gefälligkeit auch besseren Zugang zu einem breiteren Publikum ermöglichen wird.
So gibt es verträumt entrückte Stücke über die Liebe wie „Sorrow“ und „Runaway“ - eine verblasste Erinnerung voll Sehnsucht, zu der sich Matt Berninger nur noch zu hauchen traut. Dann finden sich wunderbare Nummern voll zaghaftem Tempo und Rhythmus, die sich mit kraftvollem Beat aufschwingen und gegen den lakonischen Gesang ankämpfen, wie bei „Anyone´s Ghost“ oder „Bloodbuzz Ohio“. Doch durchbrechen diese nicht das Gesamtbild und bilden eine Gesamtatmosphäre, geprägt vom schweren Beat und Bassline, die durch die dunkle Stimme Berningers ihre glanzvolle Melancholie erhält. Die immer wieder eingestreuten Bläser unterstützen das Bild und schaffen diesen großen Klang. Nur zum Schluss hin zeigen uns The National einen furiosen Ausblick, denn „Vanderlyle Crybaby Geeks“ wirkt wie eine der großen Nummern der Siebziger, die an ihrem Ende schon fast kitschig auswuchert.
Mit „High Violet“ ist ihnen ein Album gelungen, das die Melancholie mit großen Gesten verbindet und das kauzige Image früherer Tage vergessen lässt. Auch wenn sich besonders Berninger live jener Kauzigkeit nicht entledigen kann und mehr wie ein Autist wirkt, steht dieses neue Gewand The National sehr gut. Mit ihrem Auftritt im Huxley´s haben sie bewiesen, dass das neue Album absolute Live-Qualität besitzt und die opulent arrangierten Songs von ihrer Wirkung nichts verlieren. Sicherlich kann man sich den Seitenhieb nicht erwehren, wenn man auf Bands wie Coldplay & Co. blickt mit ihrem Verfall nach der Zuwendung zum gefälligeren Abmischen ihrer Musik, den man prophetisch bei The National jetzt auch erwarten könnte. Doch mit „High Violet“ ist es noch nicht soweit.
Myspace Seite von The National - Hier lassen sich auch die aktuellen Tourdaten find.

- Foto von Keith Klenowski
| High Violet von The National |
| Erschienen am 10.05.2010 bei 4aD |
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