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Halbherzige Kreatur

16. Jan 17: FANTASY FILMFEST WHITE NIGHTS: Bryan Bertinos The Monster | Dobrila Kontić

Flash is required!

Inmitten all der vorhersehbaren, schematisch durchexerzierten Produktionen, die den Horrorfilm-Markt alljährlich fluten, ließen sich in letzter Zeit immer wieder überraschende Ausnahmen finden: Filme wie The Babadook, It Follows und zuletzt The Witch, allesamt mit schmalem Budget, aber viel Aufmerksamkeit für ausgestaltete Figuren und doppelbödige Stories produziert. In all diesen Filmen ließ sich der Schrecken nicht allein auf die offensichtliche Bedrohung (Monster, Untote, Hexen) zurückführen, sondern auf ein im Hintergrund verstecktes, mit subtilen Stilmitteln offenbartes Motiv. Mit dem bewusst einfach gehaltenen Plot von The Monster bemüht sich Bryan Bertino zu ebendiesen anspruchsvolleren Horrorfilmen aufzuschließen, bietet aber leider nur Halbherziges.

Vertauschte Rollen

The Monster kreist um eine schwieriges Mutter-Tochter-Verhältnis, in dem die Rollen vertauscht scheinen. Nachdem die 10jährige Lizzy (Ella Ballentine) ihre Hausaufgaben gemacht, die unzähligen leeren Flaschen vom Wohnzimmertisch geräumt und anschließend abgewaschen hat, weckt sie unsanft ihre Mutter – und die erste Ahnung des Zuschauers wird schlagartig bestätigt: Kathy (Zoe Kazan) ist eine junge, dauerverkaterte Frau mit abgerocktem Aussehen, einem Hang zu Bad Boys und hartem Fusel. An diesem Tag soll sie Lizzy zu ihrem einige Autostunden entfernt lebenden Vater bringen, mit dem sie sich das Sorgerecht teilt. Doch diesmal zögert Kathy den Road Trip anscheinend hinaus. Sie befürchtet, dass Lizzy nach dem Aufenthalt bei ihrem Vater nicht mehr zurückkommen wird.

In einigen in den Verlauf des Films eingestreuten Rückblenden erfahren wir von den jüngsten Konflikten zwischen Mutter und Tochter – es sollen unangenehm berührende Momentaufnahmen aus dem instabilen Alltag des Zusammenlebens einer selbstzerstörerischen Erwachsenen und eines an seiner Verantwortungsübernahme zerbrechenden Kindes sein. Doch leider bleibt da eine gewisse Distanz zu den Figuren im Einzelnen, die es vor allem im Fall von Kathy quasi unmöglich macht, Empathie aufzubringen. Selbst die dramatischsten dieser Konflikt-Szenen befördern immer noch nicht die intensive Anteilnahme, die sich zur gleichen Thematik etwa im Clip zu Placebos Song to Say Goodbye unmittelbar einstellt – und zwar zum Sohn UND zum Vater.

Mehr als ein Monster

Keine gute Grundlage also, um in den eigentlichen Horror-Plot einzutreten: Bis in die späten Abendstunden sind Kathy und Lizzy mit dem Auto unterwegs, als sie im Starkregen an einem Waldstück vorbeifahren und plötzlich mit einem Wolf zusammenstoßen. Die beiden überleben mit einigen Kratzern, der Wolf ist tot, weist aber Wunden auf, die wohl kaum vom Crash stammen können. Als der herbeigerufene Abschleppwagen eintrifft, auf den nicht nur die beiden, sondern auch der Zuschauer ewig wartet, gibt sich der wahre Grund für den Autounfall nach und nach zu erkennen: Ein riesiges schwarzes Vieh, das an die außerirdische Kreatur aus Alien erinnert und jedes Lebewesen in der Umgebung zerfleischen will. Ein Monster, das trotz seiner Masse blitzschnell ist und lichtempfindlich wird, wenn es dem Film in den Kram passt. Ein Monster, das natürlich mehr ist als Krallen und Zähne, sondern als Metapher für Kathys Hang zur Selbstzerstörung, ihre inneren Dämonen herhalten muss. Ein Monster, das leider völlig kalt lässt. Im Folgenden werden uns ganz konventionelle Schockmomente und unverzeihlich dumme Entscheidungen der Protagonistinnen kredenzt – bis hin zum keineswegs völlig aus der Luft gegriffenen „Ich habe keine Angst vor dir!“-Moment.

Man könnte The Monster wohlwollend als knapp gescheiterten Versuch verbuchen, anspruchsvollen und atmosphärisch dichten Horror zu schaffen. Aber dafür ist die Trägheit der Handlung, die sich gänzlich auf das (sich nicht einstellende) Mitgefühl für die Figuren verlässt, doch zu ärgerlich. Die 90 Minuten, die sich der Film für die ausführliche Einführung, den eigentlichen Horror-Plot und die Rückblenden nimmt, scheinen sich unendlich zu dehnen und werden von keiner Spannungseinheit verkürzt. Daher scheitert hier zu Recht, was halbherzig versucht wurde.

The Monster
Atlas Indepedent, USA 2016
Regie & Drehbuch: Bryan Bertino
Besetzung: Zoe Kazan, Ella Ballentine, Scott Speedman
91 Min. Gesehen auf den Fantasy Filmfest White Nights

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