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Aus ‚pulp‘ mach Schund

22. Feb 10: Michael Winterbottoms Berlinale-Beitrag The Killer inside me | Dobrila Kontic

Eine der vielen Stärken von Fiktion ist es, uns als Zuschauer oder Leser Welten erleben und in Köpfe schauen zu lassen, die uns, sofern wir Glück haben, ansonsten verborgen bleiben. Geistig gestörte, sadistische Charaktere finden sich zuhauf in Literatur und Film, man denke an Humbert Humbert in Lolita oder Patrick Bateman in American Psycho. Ein ähnlicher Charakter steht auch in Michael Winterbottoms ‚pulp crime‘-Adaption The Killer inside me im Vordergrund. Leider verspielt der Film seine Chancen, indem er vor Deutlichkeit in der Charakterzeichnung zurückweicht – zugunsten von überdeutlichen Gewaltszenen.

The Killer inside me wird ebenso wie in der gleichnamigen aus dem Jahr 1952 stammenden Romanvorlage von Jim Thompson aus der Perspektive der Hauptfigur erzählt: Der 29-jährige Deputy-Sheriff Lou Ford (Casey Affleck) beschreibt sich selbst zu Beginn des Films als einfach gestrickten, gleichmütigen Menschen und klärt über die Grundprinzipien für einen Mann in Central City auf – alles, was einen Rock trägt wird mit Ma’am angesprochen, denn als Mann hat man in dieser Stadt ein Gentleman zu sein. Umso überraschter ist der Zuschauer, als Lou die stadtbekannte Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba) aufsucht und ihr – nachdem sie ihn mehrmals als „son of a bitch“ beleidigt – minutenlang mit einem Gürtel den Hintern versohlt. Nach dieser Szene verließen bereits die ersten Zuschauer der Berlinale-Vorführung den Saal, weitere sollten folgen. Denn der Verlauf der Handlung ist allzu schwer nachvollziehbar: Joyce und Lou verlieben sich ineinander, führen eine sadomasochistische Beziehung und beschließen den Stadt-Magnaten Conway um genügend Geld zu erpressen, um anderswo neu beginnen zu können. Lou weicht jedoch auf höchst unerwartete Weise vom ursprünglichen Plan ab, tötet Conways in Joyce verliebten Sohn Elmer und schlägt Joyce (mit Dutzenden von der Kamera minutiös verfolgten Fausthieben) zu Brei. Nach diesem Gewaltexzess verstrickt sich Lou in weitere sadistische Ausbrüche und hat mit den Folgen und einem misstrauischen Staatsanwalt zu kämpfen. Auch seine langjährige Freundin Amy Stanton (Kate Hudson) bekommt schließlich seine sadistische Neigung zu spüren – aus wieder einmal kaum nachvollziehbaren Gründen.

Dem Zuschauer werden Lous Neigungen allzu explizit präsentiert – The Killer inside me schreit aufgrund seiner vielen von äußerster Brutalität gespickten Sex- und Gewaltszenen nach dem Titel ‚Skandal-Film‘. Allerdings wären diese Szenen für den Film als Ganzes tragbar, wenn er sich mit ebensolchem Engagement um eine hinreichende Erklärung für den sadistischen, den Tod von ihm eigentlich nahestehenden Menschen herbeiführenden Kern der Hauptfigur bemühen würde. Stattdessen entschied sich Winterbottom für kurze Szenenfragmente aus Lous Vergangenheit, in der er von einer Freundin seines Vaters in sadistisch-sexuelle Handlungen involviert wurde und als Jugendlicher eine Fünfjährige missbraucht. Nur durch das herausragende Spiel Casey Afflecks, der sich gekonnt mit einer reduzierten Mimik dem Charakter seiner Figur annähert, bekommt der Zuschauer eine Ahnung von Lous Motiven. Doch nicht einmal der begnadetste Schauspieler könnte die Ungleichmäßigkeit dieses Films, der seinen Fokus bewusst auf eine grausame Gewaltästhetik legt, ausgleichen. The Killer inside me wird so zum gut besetzten, aber fragwürdigen ‚pulp‘-Film im schlechtesten Sinne. Schade.

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The Killer inside me
Revolution Films, USA 2009
Regie: Michael Winterbottom. Drehbuch: Robert Weinbach, Michael Winterbottom
Hauptdarsteller: Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson
120 Min. FSK: 18
Europapremiere am 19. Februar 2010 auf der Berlinale

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