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Sterbegleitung für einen König

27. Nov 16: AROUND THE WORLD IN 14 FILMS: Albert Serras Eröffnungsfilm The Death of Louis XIV | Dobrila Kontić

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Während uns das Töten sehr häufig und in allerlei Ausprägungen auf der Leinwand begegnet, steht das Sterben als Akt eher selten im Mittelpunkt. Natürlich gibt es zahlreiche, rührselige Hollywood-Filme über das baldige, krankheitsbedingte Ableben der Hauptfigur, die noch zu bedeutsamen letzten Taten und Worten beflügelt wird (z.B. Seite an Seite, Das Beste kommt zum Schluss etc.). Doch dass sich ein Film seine gesamte Länge über dem Sterben widmet, ist eher die Seltenheit. Der katalanische Regisseur Albert Serra hat genau dies getan und bietet in The Death of Louis XIV 115 nur auf den ersten Blick ereignislose Minuten, in denen wir mit dem Monarchen auf den Tod warten.

Die letzten Tage eines Königs

Versailles, 1715: In der ersten Einstellung des Films sehen wir den als ‚Sonnenkönig‘ in die Geschichte eingegangenen Louis XIV. (Jean-Pierre Léaud) bei seinem letzten Spaziergang durch die Gärten von Versailles, durch die er als betagter und beleibter Mann bereits von seinen Bediensteten geschoben werden muss. Sein linkes Bein zeigt die ersten Anzeichen eines Wundbrands, was ihn im Folgenden ans Bett fesselt. Von Kerzenschein, den dunkelroten Decken und seiner mächtigen Allongeperücke umkranzt, versucht Louis das seiner Königswürde entsprechende Gebaren aufrechtzuerhalten. Das Gesicht bleibt gepudert, die bleichen Wangen mit Rouge belebt, und egal wie sehr es ihn dürstet: Wasser darf ihm nur im Kristallglas serviert werden. Doch sein mal schmerzverzerrter, mal schwermütiger Gesichtsausdruck zeugt von dem, was weder er noch seine Frau, noch seine Bediensteten aussprechen können: Seine Tage sind gezählt.

Louis XIV (Jean-Pierre Léaud) mit seinem Nachfolger | ©Rosa Filmes

Ein Herrscher lässt los

Eine Tour de Force muss diese Rolle für Jean-Pierre Léaud gewesen sein, der als Hauptfigur in Truffauts Antoine Doinel-Zyklus vor über 50 Jahren bekannt wurde. Im Q&A im Anschluss an die Filmvorführung beim AROUND THE WORLD IN 14 FILMS-Festival weiß Regisseur Albert Serra zu berichten, wie irritiert Léaud von der Gegenwart nicht einer, sondern dreier Kameras gewesen sei und dass er Mühe gehabt habe, sich auf ein introspektives Spiel einzulassen. Dieses ist ihm dennoch vollends gelungen: Mit jedem Blick, jeder Bewegung, jedem minimalen mimischen Wechsel verleiht er seiner Figur den Ausdruck eines allmächtigen Herrschers, der sich mit schwindender Kraft gegen den Verfall stemmt. Serra setzte dabei auf ein nahezu naturalistisches Szenenbild, dessen Dunkelheit von einem Licht erfüllt wird, das die Fragilität der Hauptfigur bloßlegt, uns unter der ganzen Staffage ein zerbrechliches, dem Tode geweihtes Wesen erkennen lässt. Ganz gleich, wie sehr sich die Kammerdiener bemühen, wie viele Ärzte (zu damaliger Zeit noch äußerst ratlos, wie der Film verdeutlicht) sie auch antanzen lassen, Louis ist nicht zu retten, wovon auch sein sich langsam schwärzendes linkes Bein zeugt. Und so warten wir als Zuschauer mit ihm, ohne mitzukriegen, was sich fernab seines Totenbetts ereignet.

Mit dem Sterben des mächtigsten Herrschers zur damaligen Zeit habe er die Banalität des Todes zeigen wollen, erklärt Albert Serra im Anschluss an die Vorstellung. Mutig, nicht nur aufgrund des allgemeinen menschlichen Widerwillens gegen dieses Thema, sondern auch angesichts der Ereignislosigkeit dieses Stoffes, für den das Kino nur auf den ersten Blick ungeeignet scheint. Serras Film ist für den zweiten, den wirklich betrachtenden, statt erwartenden Blick gemacht. Frei von großen Worten, Gesten, Pathos und Melancholie unterläuft The Death of Louis XIV cineastische Klischees und konfrontiert uns stattdessen mit dem, was der Tod für einen jeden mit jeder verstreichenden Minute, mit absoluter Gewissheit ist: unausweichlich. Und das ist alles andere als langatmig.

The Death of Louis XIV (La Mort de Louis XIV)
Frankreich/Portugal/Spanien, 2016
Regie: Albert Serra. Drehbuch: Albert Serra, Thierry Lounas
Besetzung: Jean-Pierre Léaud, Patrick d'Assumçao, Marc Susini
115 Min. Gesehen auf dem Festival Around the World in 14 Films

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