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Die Knechtschaft im Blut

08. Feb 15: BERLINALE 2015 – Wettbewerb: Benoit Jacquots Literaturverfilmung Tagebuch einer Kammerzofe (Journal d’une femme de chambre) | Dobrila Kontić

© Carole Béthuel

Die junge Célestine (Léa Seydoux) hat es satt, kann aber nicht anders: Als gut ausgebildete Kammerzofe im Paris der Jahrhundertwende sucht sie eine neue Anstellung und wird an das Ehepaar Lanlaire in die Provinz vermittelt. Verbannt, könnte man meinen – so missmutig tritt Célestine ihre neue Position an. Doch allzu bald offenbart sich in Benoit Jacquots Tagebuch einer Kammerzofe (Journal d’une femme de chambre), welchen Schikanen und Demütigungen sie und die anderen Mitglieder ihres Standes bei der Tätigkeit ausgesetzt sind, und wie ausweglos diese Situation doch ist.

Schikane und Belästigung

An Célestines erstem Tag lässt die Dame des Hauses, Madame Lanlaire, von Anfang an durchblicken, worauf sie Wert legt: Reinlichkeit, Geschicklichkeit mit ihren Wertgegenständen und Zuvorkommenheit. Diese fordert sie von Célestine denn auch sehr bald mit ihrem penetranten Gebrauch einer stets griffbereiten Glocke ein. Zu langsam, zu launisch ist ihr die neue Angestellte, an der ihr Mann wiederum mehr Gefallen findet, als Célestine lieb ist. Es ist nicht das erste Mal, so erfahren wir, dass Célestine sexuell bedrängt wird – dementsprechend nonchalant geht sie mit Monsieur Lanlaires Avancen um, lächelt sie in einem Moment weg und droht, ihn bei seiner Frau zu verpetzen, wenn er dann doch zu zudringlich wird. Fast könnte man meinen, Célestine habe ihren Stand und alle damit einhergehenden Unannehmlichkeiten schon akzeptiert, aber weit gefehlt: Sie hasst ihre Arbeit, den Befehlston, die Überwachung und fragt sich beim Servieren des Abendessens, weshalb sich niemand gewaltsam auflehnt – so einfach wäre es doch, die Suppe ihrer Herrschaften zu vergiften. „Die Knechtschaft liegt uns wohl im Blut“, lautet ihr Urteil und dieser Fatalismus ist das Ergebnis zahlreicher schrecklicher Erfahrungen in Célestines Kindheit und anschließendem Arbeitsleben. Frühere Anstellungen waren ebenfalls von dem unmenschlichen, maßregelnden Verhalten ihrer Arbeitgeber bestimmt, erfahren wir in gänzlich unvermittelt eingestreuten Rückblenden. Und wenn dies mal nicht der Fall war, wie Célestine einst als Kammerzofe bei einer älteren Dame und ihrem kranken Enkel erlebte, so endete auch das bitter. Etwas Abwechslung und eine vermeintliche Perspektive sieht Célestine lediglich im ebenfalls bei den Lanlaires angestellten Gärtner Joseph (Vincent Lindon) – das dieser ruppige Mann leidenschaftlicher Antisemit und höchstwahrscheinlich für ein grausames Gewaltverbrechen verantwortlich ist, versucht sie partout zu verdrängen – schließlich ist die Sklaverei, die man selbst erwählt, ihr immerhin lieber als die von außen auferlegte.

© Carole Béthuel

Starke Momente, schwache Erzählung

Nachdem schon Jean Renoir und Luis Buñuel den Stoff vor Jahren adaptiert haben, wagte sich Regisseur Benoit Jacquot mit Tagebuch einer Kammerzofe an eine Neuverfilmung von Octave Mirbeaus gleichlautendem Roman. Dabei changiert seine Version sehr stark zwischen Tragik, Ironie und Karikatur – die Situationskomik einiger Szenen lässt einen mitunter laut auflachen, dieses Lachen bleibt einem aber bald darauf wieder im Halse stecken, wenn Details aus Célestines Vergangenheit bekannt werden. Diese starken Schwankungen zwischen schockierenden und belustigenden Momenten werden dabei aber in kein stimmiges Gleichgewicht gebracht – Jacquots Film ist eine Aneinanderreihung von recht wirkungsvollen Szenen, denen es aber als Ganzes betrachtet an Zuspitzung und Handlungswirkung fehlt. Tagebuch einer Kammerzofe geht somit über einige brillant gefilmte Belege zu Célestines berechtigtem Missmut über ihre Knechtschaft leider nicht hinaus.

Tagebuch einer Kammerzofe (Journal d’une femme de chambre)
Frankreich/Belgien, 2015
Regie & Drehbuch: Benoit Jacquot
Hauptdarsteller: Léa Seydoux, Vincent Lindon, Clotilde Mollet
96 Min. Berlinale 2015 – Wettbewerb

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