Inhalt:

Verfehltes Denkmal

05. Feb 16: Suffragette nimmt sich eines wichtigen Kapitels westlicher Emanzipationsbewegungen an – und vereinfacht es zur platten Erweckungsgeschichte | Dobrila Kontić

Flash is required!

Dass ein Film über die britische Suffragetten-Bewegung auch zu heutiger Zeit keine Massen (und schon gar keine männlichen) ins Kino locken würde, dürfte der Regisseurin Sarah Gavron von Anfang klar gewesen sein. „So what?“ hätte sie sich denken und einen Film drehen können, der sich gründlich den privaten und öffentlichen Sphären widmet, in denen sich der Kampf um das Wahlrecht für Frauen in der britischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts niederschlug – und zwar in all ihren seltsamen wie erschreckenden Dimensionen. Stattdessen liefert sie mit Suffragette ein konventionelles, rührseliges Drama ab, dessen Ambition so schlicht ist wie sein Titel.

Wäscherei-Arbeiterin Maud (Carey Mulligan)

Männer ohne Worte

Die Rücksichtslosigkeit, mit der die Polizei gegen die Frauen agiert, stellt Gavron in drastischen Szenen dar. Doch diese können Mauds schnellen Wandel zur überzeugten Kämpferin kaum hinreichend erklären – vielmehr scheint Carey Mulligans sich vom zögerlich-ängstlichen ins militant-entschlossene verändernde Mienenspiel in seiner Nuanciertheit dem groben Drehbuch weit voraus. Ebenso wenig taugen die sehr eindimensionalen Männerfiguren in diesem Film als Erklärungsgrundlage. So dreht sich Maud in einer Schlüsselszene vor ihrer ‚Radikalisierung‘ morgens im Bett zu ihrem Mann Sonny und fragt ihn: „Wenn wir eine Tochter hätten, wie würde sie wohl heißen?“ Dieser überlegt nicht lange und antwortet entschlossen: „Margaret. Wie meine Mutter.“ „Was für ein Leben würde sie wohl haben?“ Gereizt antwortet ihr Mann: „Das gleiche wie du.“ Und steht auf – Szene zu Ende. Im weiteren Verlauf des Films bleibt Sonny der wortkarge Mann, der es nicht erträgt, dass seine Frau sich in ihrer Freizeit ums Wahlrecht bemüht – warum, sagt er nicht. Etwas mehr Mühe gibt sich das Drehbuch mit dem Polizeiinspektor Steed (Brendan Gleeson), der als lange Zeit überzeugter WSPU-Gegner zum Ende des Films hin mit der zunehmenden Gewaltanwendung gegen die Frauen hadert – warum, erfährt man aber auch nicht, sonst hätte wohl Meryl Streep keine Zeit gehabt als WSPU-Gründerin Emmeline Pankhurst für fünf Minuten durchs Bild zu huschen und Maud ein paar inspirierende Worte zuzuflüstern.

Emmeline Pankhurst (Meryl Streep) spricht zu ihren Anhängerinnen.

Eindimensional wider Willen

In einer Zeit, in der die Hälfte der Oscar-nominierten Filme nicht den Bechdel-Test besteht, mag es unangebracht scheinen, an Suffragette ihre eindimensionalen männlichen Charaktere zu kritisieren. Doch diese sind wohl kaum programmatisch von Seiten der Regisseurin, sondern dem generellen Bestreben geschuldet, Suffragette als emotionales, mitreißendes Drama zu gestalten, das Komplexität möglichst meiden soll.

So wurde bereits kritisiert, dass Gavron unter den damals einflussreichen Bewegungen für das Frauenwahlrecht ausgerechnet die militante WSPU zum Thema ihres Films erkor und die zur gleichen Zeit wirkende, vermutlich einflussreichere ‚National Union of Women’s Suffrage Societies‘ (NUWSS ) gänzlich außen vor ließ – vermutlich, weil diese pazifistisch (und damit nicht so Action-Drama-tauglich) agierte. Mit solchen Simplifizierungen hat Suffragette aber leider genau das verfehlt, was es sich zum Ziel gesetzt hatte: den Suffragetten ein filmisches Denkmal zu setzen, das ihrer auch wirklich würdig ist.

Suffragette – Taten statt Worte
BFI, Großbritannien 2015
Regie: Sarah Gavron. Drehbuch: Abi Morgan
Hauptdarsteller: Carey Mulligan, Helena Bonham Carter, Brendan Gleeson
106 Min. Deutscher Kinostart: 4. Februar 2016

Seitenleiste:

Alle Beiträge aus Kino & TV:

Abonnieren

Wir bei...

Weitersagen

Facebook

Twitter

Delicous

Weitere

Fusszeile: